Eon/RWE-Deal

Eon schluckt Innogy – das kostet Jobs in Essen und Dortmund

Die Vorstandsvorsitzenden Johannes Teyssen (Eon) und Rolf Martin Schmitz (RWE) haben das Tauschgeschäft im Frühjahr 2018 eingestielt.

Die Vorstandsvorsitzenden Johannes Teyssen (Eon) und Rolf Martin Schmitz (RWE) haben das Tauschgeschäft im Frühjahr 2018 eingestielt.

Foto: Kai Kitschenberg / Funke Foto Services

Essen.  Die EU erlaubt die Zerschlagung von Innogy durch Eon und RWE. Der Abbau von bis zu 5000 Stellen betrifft vor allem Essen, Dortmund und München.

Der Jahrhundert-Deal kann steigen: Die EU erlaubt den Essener Energieriesen Eon und RWE, ihre Geschäfte samt der RWE-Tochter Innogy unter sich aufzuteilen. Damit gehen sich die bisherigen Konkurrenten nun aus dem Weg, RWE konzentriert sich auf die Produktion von Strom und Eon darauf, ihn zum Kunden zu bringen. Das bedeutet nicht nur das Ende einer jahrzehntelangen Rivalität, sondern auch den Beginn einer Partnerschaft, weil RWE im Tausch für seine Innogy-Anteile neben der Ökostromsparte auch noch 16,7 Prozent der Aktien von Eon erhält. RWE-Chef Rolf Martin Schmitz rückt in den Eon-Aufsichtsrat, wird Eon-Chef Teyssen also künftig auf die Finger schauen. Nicht mehr aus professionellem Interesse als Hauptkonkurrent, sondern als ein Eigentümer.

„Ich bin erleichtert, stolz, aber auch demütig“

Von einem „historischen“ Abschluss des Umbaus zur neuen Eon sprach deren Vorstandschef am Dienstag. Das mache ihn „erleichtert, stolz, aber auch demütig“, sagte Teyssen vor Journalisten. Am Morgen hatte die EU-Kommission ihren Segen für die vor anderthalb Jahren eingestielte Zerschlagung von Innogy gegeben. Eon darf vom Nachbarn das Netzgeschäft und den Vertrieb schlucken, wird damit zum bei Weitem größten Stromanbieter Deutschlands mit rund 14 Millionen Kunden. Europaweit versorgt Eon künftig 50 Millionen Kunden mit Strom und Gas. „Heute startet die Integration. Wir bauen eine neue, größere und andere Eon. Die Vernetzung unserer Kunden und innovative Versorgungsstrukturen sind das Spielfeld für die Energie-Revolution“, sagte Teyssen, und: „Essen bleibt die Energiehauptstadt Europas.“

Fünf Kilometer weiter fand auch Rolf-Martin Schmitz in der RWE-Zentrale große Worte: „Brüssel hat heute den Weg freigemacht für die ,neue RWE’. Das macht uns zu einem global führenden Unternehmen im Bereich der Erneuerbaren Energien.“ Der Deal mit Eon werde „die Energiewende maßgeblich voranbringen“, so Schmitz. Er sieht darin auch für RWE einen historischen Neustart.

Der RWE-Konzern, der für seine besonders klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke im Rheinland in der Kritik der Klimaschützer steht, will die Energiewende im eigenen Unternehmen vollziehen: Mit dem schrittweisen Abschalten der Kohlekraftwerke soll ein massiver Ausbau der erneuerbaren Energien einhergehen. Damit dreht Schmitz die Strategie seines Vorgängers Peter Terium um 180 Grad: Der Niederländer hatte die Zukunftssparten samt Grünstrom unter dem Dach der Innogy 2016 abgespalten und an die Börse gebracht, weil er der Überzeugung war, dass fossile und erneuerbare Energien sich als Konkurrenten gegenseitig im Wege stehen.

Innogy verschwindet – auch als Marke

Auf der Strecke bleibt beim Tauschgeschäft der beiden Branchenführer der junge Innogy-Konzern. Der Großteil seiner rund 40.000 Beschäftigten wechselt nun zur Eon, nur das Ökostrom-Geschäft geht zurück zur Mutter. Auch die Marke Innogy soll weitestgehend verschwinden, Eon werde auch im Vertrieb die Kernmarke, erklärte Teyssen. Beim geplanten Abbau von „maximal 5000 Arbeitsplätzen“ solle es aber keine Rolle spielen, wer aktuell wo arbeite, versicherte der Eon-Chef. Das bestätigte auch Innogy-Finanzchef Bernhard Günther, der mit Eon-Netzchef Leonhard Birnbaum den Integration-Vorstand bildet.

Die EU genehmigt den Deal, weil dadurch für die Stromkunden keine Preiserhöhungen zu erwarten seien, wie es aus Brüssel hieß. Die NRW-Verbraucherzentrale und Ökostromanbieter kritisierten die Entscheidung und warnten vor der wachsenden Marktmacht von Eon. Teyssen versicherte hingegen, es werde wegen der Fusion keine steigenden Preise geben, „das wäre bei 100 Anbietern je Verbraucher gar nicht durchsetzbar“.

Die Auflagen der EU nannte Teyssen „sehr verkraftbar“, auch wenn er nicht jede nachvollziehen könne. So muss Eon 34 Ladestationen für Elektroautos an Autobahnraststätten abgeben. „Der Markt, den die EU hier schützen will, existiert noch gar nicht, in Deutschland fehlen schließlich Ladestationen“ sagte Teyssen. Dazu muss der Konzern rund 400.000 Heizstrom-Verträge abgeben, also fast sein gesamtes Nachtspeicher-Geschäft. Auch das sei verkraftbar. Am meisten schmerze der geforderte Verkauf des Strom- und Gas-Vertriebs in Tschechien mit rund einer Million Kunden. Insgesamt verliere Eon durch die EU-Auflagen zwei Millionen Kunden, zwei Milliarden Euro Umsatz und eine „niedrige dreistellige Zahl an Erträgen“, so Teyssen. Das akzeptiere man, um Frieden zu schließen.

Stellenabbau trifft Essen, Dortmund und München

Mit Innogy wird sich Eon auf rund 70.000 Beschäftigte nahezu verdoppeln. Durch den Abbau von Doppelstrukturen erwartet Teyssen ab 2022 jährliche Einsparungen von 600 bis 800 Millionen Euro. Der Stellenabbau werde sozialverträglich und vor allem dort erfolgen, wo Eon und Innogy große Überschneidungen haben. Dies gelte besonders für die Standorte der Zentralen in Essen sowie für Dortmund und München. In der Westfalenmetropole ist RWE mit Westnetz und großen Teilen seines Vertriebs stark vertreten, in München Eon mit seinem Vertrieb. Es gehe beim Stellenabbau allein um Funktionen, nicht um die Zugehörigkeit zu Eon oder Innogy.

Bei der Besetzung der Führungsebene unterhalb des Vorstands habe das bereits gut funktioniert, so Teyssen, herausgekommen sei eine fast hälftige Aufteilung. 51 Prozent der Posten wurden mit Eon-Managern besetzt, 49 Prozent mit Innogy-Kollegen, teilten Günther und Birnbaum mit.

Keinen Innogy-Vorstand übernommen

Im Vorstand sieht das freilich ganz anders aus: Er bleibt in seiner jetzigen Besetzung zusammen, das habe der Aufsichtsrat entschieden, erklärte Teyssen, ohne es kommentieren zu wollen. Kein einziger aus dem sechsköpfigen Innogy-Vorstand hat damit den Sprung zum neuen Eigentümer geschafft. Teyssen lobte besonders Konzernchef Uwe Tigges, der den Integrationsprozess „herausragend gemanagt“ und ein „beginnendes Grundvertrauen“ in der Innogy-Belegschaft geschaffen habe. Er werde ihm dafür im Laufe des Tages noch persönlich danken, sagte Teyssen.

In den Eon-Aufsichtsrat, der übergangsweise von 14 auf 20 Mitglieder erweitert wird, rücken RWE-Chef Schmitz sowie Ulrich Grillo und Deborah Wilkens von der Arbeitgeberseite im Innogy-Aufsichtsrat sowie Monika Krebber, Stefan May und Rene Pöhls für die Innogy-Arbeitnehmerseite.

RWE-Chef Schmitz betonte, er wolle „mit jährlichen Investitionen von 1,5 Milliarden Euro netto“ die Position von RWE als einen der führenden Ökostrom-Erzeuger ausbauen. Beim „Offshore-Strom“ aus Meeres-Windparks sei man bereits die Nummer zwei weltweit. „Größe spielt eine wesentliche Rolle, um im internationalen Wettbewerb bei den Erneuerbaren Energien erfolgreich zu sein“, betonte Schmitz.

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