Warenhaus-Sanierung

Verdi: Kein Respekt für Mitarbeiter von Karstadt und Kaufhof

Verdi fordert eine Beschäftigungs- und Standort-Sicherung für Karstadt und Kaufhof.

Verdi fordert eine Beschäftigungs- und Standort-Sicherung für Karstadt und Kaufhof.

Foto: Harald Tittel/dpa

düsseldorf.   Verdi fordert für die Mitarbeiter im NRW-Einzelhandel 6,5 Prozent mehr Gehalt. Ketten wie Karstadt und Real sind aus dem Tarif ausgestiegen.

Wenn am 18. April die Tarifrunde im NRW-Einzelhandel beginnt, werden viele Beschäftigte aus Unternehmen der Region die Verhandlungen mit einigem Unbehagen verfolgen. Für sie gilt der Flächentarif nicht mehr oder nicht mehr so bald.

Das Plus von 6,5 Prozent, das Verdi in NRW fordert, liegt für die Beschäftigten des Essener Warenhauskonzerns Karstadt noch in weiter Ferne. Sie sollen erst im Jahr 2021 komplett in den Flächentarifvertrag zurückkehren. Nach Gewerkschaftsangaben liegen ihre Gehälter aktuell um 12,65 Prozent darunter. Damit verzichteten die Mitarbeiter in diesem Jahr auf rund 53 Millionen Euro, um zur Gesundung von Karstadt beizutragen, heißt es bei Verdi.

Vor der Sanierung hatte der Warenhauskonzern mit Verdi vereinbart, dass die Gehälter jährlich – je nach wirtschaftlicher Lage des Unternehmens – um mindestens 1,25 Prozent steigen sollen. Ob es in diesem Jahr dazu kommen wird, ist offen. Denn nach der Fusion mit dem Wettbewerber Kaufhof strebt Stephan Fanderl, Chef beider Ketten, Verdi zufolge einen eigenständigen Warenhaus-Tarifvertrag an.

Karstadt-Mitarbeiter verzichten auf 53 Millionen Euro

Er soll Ungerechtigkeiten beenden. Denn die Kaufhof-Mitarbeiter werden anders als ihre Karstadt-Kollegen immer noch nach Tarif bezahlt. Dabei schreibt Kaufhof im Gegensatz zu Karstadt tiefrote Zahlen. Fanderl will 2600 Arbeitsplätze bei Kaufhof abbauen, um das Unternehmen wieder profitabel zu machen.

Verdi-Bundesvorstand Stefanie Nutzenberger beobachtet die Entwicklung mit Sorge. „Die Kaufhof-Mitarbeiter befinden sich in einer Schockstarre“, sagt sie. Trotz der unterschiedlichen Lohnniveaus gebe es eine „große Solidarität der Beschäftigten untereinander“. Nutzenberger kritisiert das geplante Sanierungskonzept scharf. „Personalabbau und den Kollegen an den Geldbeutel zu gehen, ist der falsche Weg“, sagt sie. „Wenn Kaufhof über einen Sanierungstarifvertrag reden will, wird für Verdi neben einem nachhaltigen Zukunftskonzept die Beschäftigungs- und Standortsicherung sowie die Tarifbindung im Vordergrund stehen.“

„Nicht besonders menschenfreundlich“

Nutzenberger verurteilt auch den persönlichen Umgang in beiden Unternehmen. „Mein Eindruck ist, dass das Karstadt/Kaufhof-Management nicht besonders menschenfreundlich agiert. Es ist sehr grenzwertig, wenn Herr Fanderl die Kaufhof-Mitarbeiter unter freiem Himmel über geplante Einschnitte informiert. Respekt und Wertschätzung für die Beschäftigten sollten eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein“, sagt sie.

Von den rund 3,5 Millionen Beschäftigten im deutschen Einzelhandel wird nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung deutlich weniger als die Hälfte nach Tarif bezahlt. In Westdeutschland sind es demnach 40 Prozent, im Osten nur noch 29 Prozent. Auch die Düsseldorfer SB-Warenhauskette Real hat im vergangenen Sommer den Flächentarifvertrag verlassen. Für neu eingestellte Mitarbeiter gelten nun schlechtere Konditionen. Bis Mai will die Konzernmutter Metro die 278 Real-Filialen mit ihren 34.000 Beschäftigten verkaufen.

„Es ist eine große Schande, dass die Beschäftigten so zittern müssen“, beklagt Verdi-Vorstand Nutzenberger. „Der Arbeitgeber lässt sie im Unklaren. Dabei geht es um ihre Existenz.“ Sie appelliert an Metro-Chef Olaf Koch, Verantwortung für die Real-Mitarbeiter auch nach dem Verkauf der Kette zu übernehmen. Koch hatte mehrfach betont, Real nur als Ganzes verkaufen zu wollen. Unter den Beschäftigten geht die Sorge um, dass ihr Unternehmen zwar im Paket den Eigentümer wechselt, danach aber die Zerschlagung drohe.

Real-Beschäftigte müssen zittern

Im deutschen Einzelhandel gibt es aber auch eine Bewegung zurück in den Flächentarif. Dazu gehören die Modeketten Zara, Esprit und Primark. „Mit Adler sind wir in der Unterschriftsphase“, sagt Verdi-Frau Nutzenberger. Gleichwohl beobachtet sie die Entwicklung in der Modebranche mit Skepsis. „Die Unternehmen haben zum Teil Innovationen verschlafen. Es fehlt oftmals eine gute Vernetzung des stationären mit dem Online-Handel.“ Die Folge sei Personalabbau, unter dem zunehmend Standorte in den Innenstädten zu leiden hätten.

>>> Verdi fordert 6,5 Prozent mehr Gehalt

Für die knapp 700.000 Beschäftigten im NRW-Einzelhandel fordert die Gewerkschaft Verdi in der anstehenden Tarifrunde 6,5 Prozent mehr Gehalt sowie eine Mindesterhöhung um 163 Euro. Auszubildende sollen 100 Euro mehr erhalten.

„Mitarbeiterinnen im Einzelhandel können von ihren Gehältern oft nicht leben. Vielen von ihnen droht Altersarmut“, sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger am Dienstag in Düsseldorf. „Eine Tariferhöhung und allgemeinverbindliche Tarifverträge sind für unsere Kolleginnen extrem wichtig“, erklärte die Gewerkschafterin im Vorfeld der Tarifverhandlungen, die am 18. April beginnen sollen.

Nutzenberger fordert eine „Aufwertung der Branche“. Der Handel mit seinen bundesweit fünf Millionen Beschäftigten habe zunehmend Probleme, Ausbildungsstellen und Führungspositionen zu besetzen.

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