NRW-Studie

Viele Homosexuelle werden im Job noch immer diskriminiert

Die Regenbogenfahne steht für Toleranz gegenüber homo- und transsexuellen Menschen.

Die Regenbogenfahne steht für Toleranz gegenüber homo- und transsexuellen Menschen.

Foto: Wolfgang Kumm,dpa

Essen.   NRW-Studie: Obwohl im Betrieb offener gesprochen wird, nehmen die Vorurteile nicht ab. Transsexuelle werden besonders oft angefeindet.

Obszöne Gesten, Ignoranz und Tuschelei sind keine Seltenheit, manchmal ist auch das Auto zerkratzt, der Kunde weg oder die Karrieretür zu. Homo-, bi- und transsexuelle Beschäftigte in NRW gehen an ihrem Arbeitsplatz deutlich offener mit ihrer sexuellen Identität um als vor zehn Jahren – erfahren aber noch genau so häufig Diskriminierungen. Das ergab eine Studie des Kölner Instituts für Diversity- und Antidiskriminierungsforschung (IDA) in Kooperation mit der Hochschule Fresenius.

In einer Sonderauswertung nur für Nordrhein-Westfalen wurden erstmals auch aussagekräftige Ergebnisse für bi- und transsexuelle Arbeitnehmer dokumentiert. Und die fielen noch drastischer aus – sie berichteten deutlich häufiger von Diskriminierungen als homosexuelle Beschäftigte, klagen etwa dreimal so oft über abgebrochene Kundenkontakte, Karriereblockaden oder gar Erpressung.

„Fast dreiviertel aller lesbischen und schwulen Befragten und eine noch größere Zahl der transsexuellen Personen sind arbeitsplatzrelevanter Diskriminierung ausgesetzt“, mahnte Familien-Staatssekretär Andreas Bothe (FDP), „das ist inakzeptabel.“

Staatssekretär nennt Diskriminierungen „inakzeptabel“

Er hebt als positive Entwicklung hervor, dass die homo-, bi- und transsexuellen Beschäftigten offener mit ihrer Geschlechtsidentität umgehen, so erklärte es die große Mehrheit der Befragten. Noch vor 20 Jahren etwa sprachen zwei von drei Schwulen und Lesben mit keinem oder nur sehr wenigen Kollegen über ihre sexuelle Identität, diesmal gaben das nur noch 28 Prozent an. Viele homosexuelle Beschäftigte reden am Arbeitsplatz nach eigenen Angaben bewusst von ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin, um ihre Sexualität anzuzeigen.

Bei Bisexuellen ist die Scheu noch deutlich größer, knapp jeder zweite spricht nicht darüber. Bei Transsexuellen ist die Zurückhaltung mit 67 Prozent so hoch wie bei homosexuellen Beschäftigten vor der Jahrhundertwende. „Die Bewegung der Trans-Community ist gegenüber der Schwulen- und Lesbenbewegung 20 Jahre zurück, das spiegeln auch unsere Studienergebnisse wider“, sagte Dominic Frohn unserer Redaktion, Studienautor und Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius.

Homo- und transsexuelle Führungskräfte gehen etwas offener mit ihrer sexuellen Identität um als einfache Mitarbeiter, dagegen ist Bisexualität unter Führungskräften ein größeres Tabu. Angestellte reden vor allem mit ihren Kollegen darüber, sind gegenüber ihren Vorgesetzten deutlich zurückhaltender, wie die Studie zeigt. Die NRW-Auswertung ergibt insgesamt eine etwas größere Offenheit als im bundesweiten Durchschnitt. Jeder dritte Nichthetero (34 Prozent) gibt an, mit jedem Kollegen frei darüber zu reden, bundesweit sind es nur 29 Prozent.

Die im Laufe der Jahrzehnte deutlich gewachsene Offenheit geht allerdings nicht mit einem entsprechenden Rückgang der Ressentiments einher. So fühlte sich nur etwa jeder vierte der schwulen oder lesbischen und etwa jeder siebte der transsexuellen Befragten am Arbeitsplatz in keiner Weise diskriminiert.

Transsexuelle werden häufig mit Zwangsouting erpresst

Die Klagen der Betroffenen reichen von unangenehmen Fragen über Gesten, Kontaktabbruch und Karriereblockade bis hin zu Beleidigungen, sexueller Belästigung, Mobbing und körperlicher Gewalt. Fast jeder dritte transsexuelle Befragte gab an, mit einem Zwangs-Outing bedroht oder erpresst worden zu sein. Das erleben sie vor allen in frühen Stadien, in denen sie ihr Äußeres noch nicht ihrer veränderten sexuellen Identität angepasst haben. Und 13 Prozent der Transsexuellen erklärten, sie hätten nach dem gewollten oder ungewollten Outing Kundenkontakte verloren.

„Die Offenheit steigt, doch die Diskriminierung bleibt gleich, ist bei strafrechtlich relevanten Vergehen wie körperlicher Gewalt sogar leicht gestiegen“, sagt Studienautor Frohn, „das widerspricht der klassischen sozialpsychologischen These, dass Vorurteile gegenüber bestimmten Personengruppen umso stärker abgebaut werden, je mehr Kontakte es zu ihnen gibt.“

Der wissenschaftliche Leiter des IDA hat dafür noch keine wissenschaftliche Erklärung. Seine Hypothese lautet: „Ein Teil der Bevölkerung reagiert mit dem Abbau von Vorurteilen, ein anderer Teil reagiert auf die größere Offenheit mit einer ablehnenden Gegenreaktion, so dass sich beides in etwa ausgleicht.“

Die Studie zeigt auch Lösungen auf: So sei nachweisbar, dass Unternehmen, deren Management sexuelle Diskriminierung offensiv anspreche und verurteile, eine bessere Unternehmenskultur entwickle, die den Beschäftigten helfe. Zuletzt waren mehrere Großkonzerne diesen Themen aktiv begegnet und lebten mehr Offenheit vor. So nahm Thyssenkrupp 2017 zum ersten Mal mit einem eigenen Wagen an dem Christopher Street Day in Essen teil.

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