Fachkräftemangel

Wie das Revier IT-Spezialisten halten und locken will

Das Team von Q.One bei einem Planungsgespräch. Das Duzen und gegenseitige Schätzen gehören zu den Prinzipien des Start-ups.

Das Team von Q.One bei einem Planungsgespräch. Das Duzen und gegenseitige Schätzen gehören zu den Prinzipien des Start-ups.

Foto: Lukas Schulze

Essen.   Der Markt für IT-Fachkräfte ist nahezu leergefegt. Wie die Essener Software-Schmiede Q.One trotzdem Nachwuchs findet.

Das Essener Start-up-Unternehmen Q.One hat seine Mitarbeiterzahl im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt. Doch der Softwareentwickler hat -- wie die gesamte Branche – immer größere Probleme, IT-Fachkräfte zu bekommen. Dabei will die Firma weiter wachsen. Der Umzug in ein größeres Bürogebäude ist bereits geplant.

„Wir haben bewusst einen neuen Standort im Essener Norden gesucht, damit uns unsere Mitarbeiter weiter gut erreichen können. Etwas zu finden, war gar nicht so einfach“, sagt Carsten Puschmann, Gründer und Geschäftsführer von Q.One. Seit 2006 entwickelt die Firma Kundenbindungsprogramme für Unternehmen wie Payback, Miles and More der Lufthansa und kreiert Aktionen der Deutschen Bahn. Demnächst will das Start-up seinen „Cloud Basket“ auf den Markt bringen – eine Software, mit der Kunden über einen einzigen Kanal Artikel bei unterschiedlichen Herstellern und Händlern einkaufen können. Mit der Plattform will Q.One dem US-Versender Amazon Konkurrenz machen.

Die Auftragsbücher des jungen Unternehmens sind voll. Doch Personalchefin Ann-Katrin Seidelt hat zunehmend Probleme, offene Stellen zu besetzen. „Mit dem Rekrutierungserfolg der Q.One sind wir durchaus zufrieden. Im Rahmen des Fachkräftemangels ist es aber schwer, gute Entwickler für sich zu gewinnen“, sagt sie. Q.One werbe über soziale Medien wie Linkedin, Xing, Facebook und Twitter, klassische Stellenbörsen und an Universitäten. „Wahnsinnig viele Bewerbungen kommen aber nicht“, so Seidelt.

Über die Gründe kann das Unternehmen nur spekulieren. „Es wird zu wenig ausgebildet. In den klassischen betriebswirtschaftlichen Studiengängen sitzen die Leute auf den Gängen“, meint Q.One-Manager Jens Friedrich. Zumal die Zyklen in den Unternehmen immer kürzer würden. „Früher hat man bei der Einführung neuer Technologien in Zeiträumen von drei bis fünf Jahren geplant. Bei Themen wie Künstlicher Intelligenz ist es nur ein Jahr“, so Friedrich. „Die Firmen müssen IT-Spezialisten schnellstmöglich einstellen. Die Unis kommen mit der Ausbildung gar nicht nach.“ Zumal die Digitalisierung inzwischen wirklich jedes Unternehmen erreicht habe.

„Wir wollen die Initiativen bündeln.“

Q.One-Geschäftsführer Puschmann sieht aber auch hausgemachte Problem der Region: „Wir haben im Ruhrgebiet Top-Unis. Aber viele IT-Absolventen wandern in Metropolen wie Berlin und München ab“, beobachtet er. Das soll sich aber bald ändern. Wirtschaftsförderer, der Initiativkreis Ruhr und der Ruhr-Hub haben sich zum Ziel gesetzt, Talente im Revier zu halten. „Wir wollen diese Initiativen bündeln“, benennt Puschmann das Ziel. „Die Fachkräfte sollen im Ruhrgebiet bleiben.“ Der Unternehmenschef ist davon überzeugt, dass es viele Gründe gibt, im Revier zu arbeiten. „Wir müssen aber erst einmal die Leute auf uns aufmerksam machen“, so Puschmann.

Q.One hat sich ein ganzes Bündel von Strategien zurecht gelegt, die Mitarbeiter halten oder anlocken sollen. Abseits der Wahl des Bürogebäudes im Essener Nordens, das aus dem gesamten Ruhrgebiet gut zu erreichen ist. „Wir werben um Quereinsteiger und haben ein Mitarbeiter-Empfehlungsprogramm aufgelegt“, sagt Personalchefin Seidelt. Und die Software-Schmiede will die von ihr entwickelten Produkte künftig anderen Gründern zugänglich machen. „Im Ruhrgebiet fehlt ein digitaler Maschinenraum für Start-ups“, erklärt Puschmann. Q.One will mit gutem Beispiel voran gehen und ein Programm, das datensicheres Löschen möglich macht, anderen jungen Unternehmen kostenlos zur Verfügung stellen.

>>> „Programmieren statt pendeln“

Um auf die digitalen Jobs bei Essener Unternehmen aufmerksam zu machen, hat die Wirtschaftsförderungsgesellschaft EWG gemeinsam mit Start-ups die Kampagne „Programmieren statt pendeln“ ins Leben gerufen. „Wir haben bewusst nicht in anderen Ruhrgebietsstädten geworben“, sagt EWG-Geschäftsführer Andre Boschem. „Einen kleinen Seitenhieb in Richtung Berlin konnten wir uns allerdings nicht verkneifen.“ Die Werbung wurde auch in der Berliner Morgenpost geschaltet.

Im Ruhrgebiet waren im April bei der Agentur für Arbeit 1388 Arbeitssuchende aus dem Bereich Informatik und Informationstechnik gemeldet – rund zehn Prozent weniger als im Vorjahr. Die Zahl der Arbeitssuchenden in der Branche sank um knapp fünf Prozent auf 2472.

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