Finanzmarkt

Zehn Jahre nach der Krise: Als die Finanzwelt fast unterging

Foto: AP Content / picture alliance/ASSOCIATED PRESS

Frankfurt/Main  Vor zehn Jahren erreichte die Bankenkrise Deutschland. Einige sagen, sie dauere an: Die faulen Kredite belasten die Institute weiter.

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Die ersten Schockwellen der Finanzkrise erreichten Deutschland im Juli 2007. Was als Schwelbrand in den USA begonnen hatte, wurde schnell zu einem Flächenbrand, der das globale Finanzsystem bedrohte. Zehn Jahre danach sind viele Probleme immer noch nicht gelöst. Manche Experten sehen die Krise noch nicht als beendet an: „Wir sind noch nicht ‚nach‘ der Krise. Die Krise ist erst vorbei, wenn die faulen Kredite bei den Banken abgebaut sind“, sagt Axel Weber, der im Jahr 2007 Bundesbankpräsident war.

An den Sommer vor zehn Jahren erinnern sich die meisten Banker mit Schaudern. Immer häufiger hatte man aus den USA von geplatzten Immobilienkrediten gehört. Immer mehr Hausbesitzer konnten diese nicht zahlen, weil sie zu wenig verdienten. Diese schlecht besicherten Hypothekenkredite – im Fachjargon „Subprime“ genannt – wurden gebündelt in Paketen mit besser besicherten Krediten und verkauft – und das weltweit.

Unter den Käufern war auch die Düsseldorfer IKB Deutsche Industriebank. Sie geriet Ende Juli 2007 in eine existenzbedrohende Krise, weil sie seit Jahren genau in Pakete mit solch schlecht besicherten Immobilienkrediten in den USA investiert hatte. Damit war sie das erste Opfer der Finanzkrise in Deutschland.

Die Banken waren zu wenig reguliert, die Politik reagierte

Die Bank wurde zwar gerettet mit Geldern der staatlichen Förderbank KfW, vom Bund und anderen Banken. Axel Weber war damals als Präsident der Deutschen Bundesbank eng in die Arbeit der Krisenbewältigung eingebunden. Die Entscheidung zur Rettung, daran erinnert er sich noch gut, fiel an einem Wochenende. Denn am 27. Juli, einem Freitag, hatte die Deutsche Bank der IKB eine Kreditlinie gekappt und die Bankenaufsicht Bafin informiert.

„Wir haben die Linien nur gekappt, weil die Schieflage schon eingetreten war“, verteidigte sich der damalige Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, später gegen Vorwürfe, die Bank trage die Schuld für den Beinahe-Zusammenbruch der IKB. Das aber war erst der Beginn. In der Folge fiel die Düsseldorfer WestLB, andere Landesbanken mussten von ihren Bundesländern gestützt werden, die SachsenLB wurde von der Landesbank Baden-Württemberg übernommen. Alle ­hatten sie in Subprime-Kredite investiert.

Banken waren zu wenig reguliert

„Vor zehn Jahren war die Kreditwirtschaft nicht in der richtigen Balance“, umschreibt Herbert Grüntker, Chef der Landesbank Hessen-Thüringen, die Lage. Die Banken waren zu wenig reguliert. Das erkannte die Politik: Spätestens, als sich im September 2008 die Krise ausweitete und die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach, begannen sie zu handeln.

In Deutschland wurde in kürzester Zeit ein Gesetz zur Stabilisierung der Finanzmärkte verabschiedt, mit üppigen staatlichen Garantien und Kapitalzufuhren für die Banken. Und weil ein Ansturm der Sparer auf die Banken drohte, versicherten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) vor laufenden Kameras, die Einlagen der Sparer seien sicher.

Ertragskraft der Banken hat gelitten

Inzwischen haben die Politiker und Aufseher die Regeln angezogen, und die meisten Banker sahen die Notwendigkeit dafür ein. Die Regeln, die inzwischen gelten, würden verhindern, dass eine solche Krise wie die von 2007/2008 wieder entstehen könne, glaubt der frühere Bundesbankpräsident Weber heute. Die Banken seien sicherer, meint auch Elke König, die Chefin des Europäischen Bankenabwicklungsfonds: „Banken haben heute deutlich mehr und deutlich besseres Kapital.“

Doch ihre Ertragskraft hat gelitten. Weil sie nicht mehr in so riskante Geschäfte investieren dürfen, sprudeln die Gewinne daraus nicht mehr so kräftig. Und die Regulierung verursacht Arbeit und Kosten. Diese geringere Ertragskraft sei ein Schwachpunkt, meint Weber, der seit 2014 dem Verwaltungsrat der schweizerischen UBS vorsteht.

Aber auch die lockere Geldpolitik beobachtet der frühere Notenbanker mit Sorge. Sie sei nicht mehr angemessen. Damals hatten die Zentralbanken begonnen, den Märkten Liquidität zur Bewältigung der Krise bereitzustellen. Das tun sie immer noch. Doch Weber warnt jetzt, der Boom, den viele Kapitalmärkte in Folge der expansiven Geldpolitik erfahren haben, werde nicht nachhaltig sein. Es werde zu einer Korrektur der Aktienkursbewertungen kommen: „Unser Finanzsystem ist dafür nicht gut gerüstet.“

Gefahr für Verbraucher

Deshalb müssten die verantwortlichen Notenbanken dieses System langsam wieder Richtung Normalität zurückführen. Es sei an der Zeit, nicht immer neue Regeln zu erlassen, glaubt Martin Zielke, Chef der Commerzbank. Stattdessen solle man die Regeln besser aufeinander abstimmen.

Immer noch gibt es schwache Banken wie zum Beispiel derzeit in Italien. An die inzwischen geltenden Regeln hält sich die Regierung in Rom nicht, der Steuerzahler wird doch wieder zur Bankenrettung herangezogen.

Das ist auch für Verbraucher sehr gefährlich, denn deren Lebensversicherungen und Pensionsfonds sind häufig Gläubiger der Banken. Inwieweit die bei einer Schieflage der Banken herangezogen werden, ist bisher noch nicht ausreichend geklärt. Axel Weber sagt: „Wir sind nach wie vor in der Auflösung der Krise.“ Das bedeutet: Es kann jederzeit wieder krachen.

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