Valentinstag

Alle träumen von der Liebe – aber was ist das überhaupt?

So verliebt: Ein inniger Kuss und die Geigen spielen – was uns Hollywood von der Liebe erzählt, entspricht nicht immer der Wirklichkeit. Trotzdem kann auch die alltägliche Liebe das größte Glück sein.

So verliebt: Ein inniger Kuss und die Geigen spielen – was uns Hollywood von der Liebe erzählt, entspricht nicht immer der Wirklichkeit. Trotzdem kann auch die alltägliche Liebe das größte Glück sein.

Foto: getty

Schwerte.  Am 14. Februar ist Valentinstag. Ein Liebes-Experte erklärt, wie sich unser Verständnis vom Liebesglück verändert hat – und wie die Liebe bleibt.

Endlich kriegen sich die beiden, ein inniger Kuss, die Geigen erklingen – Happy End! So bedient Hollywood seit Jahrzehnten die Sehnsucht nach der Liebe. Fragt man jedoch Menschen, die seit Jahrzehnten glücklich liiert sind, was Liebe ist, fallen Wörter wie Zuneigung, Respekt, Füreinander-Dasein. Von innigen Küssen hört man selten, von klingenden Geigen nie. Wie geht es nach dem Abspann weiter? Und was ist Liebe eigentlich?

Wir fragen Torsten Reters. Der Soziologe aus Schwerte hat seine Doktorarbeit über Liebe geschrieben sowie Bücher zum Thema, darunter „Wie unsere Liebe gelingt.“ Die Liebe sei immer ein Mix aus mehreren Zutaten, so der 56-Jährige: aus einem Hormon-Cocktail, aus der Kommunikation zwischen zwei Menschen oder das, was wir schon in frühester Kindheit über das Miteinander verinnerlicht haben. Und: „Die Liebe ist auch eine kulturelle Erfindung.“

Eheglück und Leidenschaft

Zumindest unsere Idealvorstellung von Liebe. „Im Mittelalter war die Ehe noch eine Versorgungsinstitution.“ Sexualität war da teils sehr freizügig. Man heiratete, um sich zusammen um die Nachkommen zu kümmern oder – bei Adeligen – Länderbündnisse zu schmieden. „Das hat sich radikal verändert, indem im Protestantismus im 17. und 18. Jahrhundert die Idee aufkam, dass eine Ehe kein Zweckbündnis sein sollte, sondern ein Herzensbündnis zwischen zwei Menschen.“

Parallel wurde die leidenschaftliche Liebe gefeiert. „Im französischen Adel hatten die Frauen alle ihre Liebhaber und die Männer ihre Mätressen“, so Reters. Diese Freiheit habe mit der Ehe begonnen, insbesondere für die Frauen, die vor der Ehe keusch sein mussten.

„Diese unterschiedlichen Ideen, einmal die Idee der Ehe als Herzensbündnis und das Modell der leidenschaftlichen Sexualität, sind in der Romantik zusammengewachsen: zur romantischen Liebe.“ Fortan musste ein Partner all das in sich vereinen: Sicherheit, Zuneigung, Freundschaft, Leidenschaft. Und noch mehr: „Nun sollte man im anderen Menschen einen neuen Lebenssinn erkennen.“

Großes Ideal, hohe Scheidungsrate

Die Scheidungsraten zeigten schon vor dem Ersten Weltkrieg, dass Ideal und Wirklichkeit nicht stets identisch sind. Neue Ideen zum Liebesglück entstanden: „Ehe auf Zeit, Ehe zu dritt“, nennt Reters Beispiele, die sich nicht durchsetzten. In den 1950ern ging man davon aus, dass Ehen besonders gut halten, wenn die Gatten höflich miteinander umgehen. „Dem kann man auch heute voll und ganz zustimmen.“

Der zweite Punkt ist schwieriger: „Man ging davon aus, dass die Männer die Klügeren sind. So dass die Frau im Zweifelsfall wusste, dass er recht hatte“, sagt Reters. Dieses Verständnis habe sich im Laufe der Zeit umgekehrt. In Beziehungsdingen würden Männer heute als nicht so smart gelten wie die kommunikationsstarken Frauen...

In den 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre wurde auf Sex gesetzt: „Ehen funktionierten vor allem dann, wenn die Sexualität bombig lief. Wenn das mal nicht der Fall war, sollte man mehr experimentieren.“ Danach galt eine partnerschaftliche Kommunikation als Liebeskitt. „Seine Gefühle dem Partner mitteilen, sein Innerstes nach außen kehren“, sagt Reters. „Heute weiß man: Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig.“

Reden hilft. Schweigen aber auch

Der Kommunikationsforscher John Gottman hat das Gesprächsverhalten von glücklichen und unglücklichen Paaren untersucht. Mit dem Ergebnis: „Glückliche Paare reden zwar viel miteinander, aber nicht über ihre Probleme“, so Reters. „Während unglückliche Paare wenig miteinander reden, aber wenn sie miteinander reden, dann über ihre Probleme.“ Gute und lange Liebesbeziehungen lebten von einer gewissen resignativen Reife, sagt Reters wenig romantisch: „Man erkennt, dass man seinen Partner in gewissen Punkten nicht verändern kann und er auch nicht in allen Punkten so ist, wie man ihn haben möchte.“

Warum sich Menschen überhaupt ineinander verlieben, erklären weitere Gedankenmodelle. Psychologen gehen davon aus, dass wir in frühester Kindheit gelernt haben, mit welchem Typ Menschen wir uns wohlfühlen, wer für uns Wärme ausstrahlt, uns ein Gut-aufgehoben-Gefühl gibt. Das schränkt die Zahl der möglichen Liebespartner ein. Dann ist Liebe auch immer das, was zwei Menschen für sich als Liebe definieren. Zudem gibt es Forscher, die den Einfluss der Bio-Chemie sehen. Sie gehen zum Beispiel davon aus, dass es eine Rolle spielt, ob man einen anderen Menschen gut riechen kann.

Reters bezieht sich auf die Anthropologin Helen Fisher und nennt drei Stufen der Bindung: Zunächst führt der sexuelle Trieb dazu, dass Männlein und Weiblein relativ wahllos auf mögliche Liebespartner aufmerksam werden, dann wird plötzlich eine bestimmte Person besonders wichtig. Körpereigene Drogen befeuern das Ganze. „Das führt dazu, dass man das Gefühl hat, man müsste sich die Klamotten vom Körper reißen.“

Aus Leidenschaft wird Gemütlichkeit

Kommen sich die Verliebten näher und näher, entsteht eine Bindung. „Andere Hormone werden ausgeschüttet, opiatähnliche Verbindungen. Das führt dazu, dass man nicht mehr das Gefühl hat, man müsste Sex miteinander haben. Man spürt Gemütlichkeit, Behaglichkeit.“ Und dann nach Jahren zweifeln Paare an ihrer Liebe.

Ist die körperliche Liebe ein Gradmesser dafür, ob eine Beziehung gut ist? „Wenn es gar keine Annäherung gibt, ist das sicherlich ein schlechtes Zeichen“, so Reters. Aber man sollte den Wert einer Liebesbeziehung nicht von irgendeiner Sexquote abhängig machen, so Reters, der heute nicht mehr verheiratet ist, aber seit Jahren in einer glücklichen Beziehung lebt.

Viele Frauen und Männer leiden unter Zeitmangel, weil sie im Beruf und in der Familie stark gefordert sind, so der Vater eines Jungen. Je nach Anspannung könne die Lust dann schon mal sinken. „Das kann sich aber auch wieder verändern. Deshalb muss man ab und an spannende Sachen miteinander machen.“ Eine gemeinsame Reise, ein neues Hobby. Und an der Beziehung arbeiten? „Das ist meist schon schwierig, wenn man an der Liebe arbeiten muss. Dann hat man Arbeit auf der Arbeit und Arbeit zu Hause.“

Stattdessen sollte man Spaß miteinander haben und nicht jeden möglichen Liebesbeweis einfordern. Wichtiger sei, dass man auch in weniger guten Zeiten trotzdem daran glaubt, dass der Partner der richtige für einen ist. „Wenn der Glaube schon angekratzt ist, dann wird es schwierig.“

Liebe ist eben nicht nur süß, man kann auch an ihr leiden, so Reters, der Workshops für Singles gibt. Manche Menschen gingen gut alleine durchs Leben, aber einige vermieden eine Beziehung aus Angst vor einer Trennung. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle, die man nur bedingt beeinflussen kann. „Die Liebe ist auch immer ein Abenteuer.“ Mit offenem Ausgang. Aber: „Ohne die Liebe wäre das Leben doch gar nicht lebenswert.“

>> Am 14. Februar ist Valentinstag

„Es gibt so viele Volkstrauertage und Gedenktage, die alle wichtig sind, aber warum soll man nicht auch einen Tag für die Liebe haben?“, sagt der Soziologe Torsten Reters. Trotzdem würde er den Valentinstag am 14. Februar nicht überbewerten. In einer Beziehung, in der vieles stimmt, sei es nicht tragisch, wenn man den Tag mal vergisst oder ihn nicht feiert, weil man sich dem gesellschaftlichen Druck nicht beugen möchte.

Aufmerksamkeiten seien wichtig. Aber man sollte sich nicht von den Hochglanz-Erwartungen beeinflussen lassen. „Schwierig wird es, wenn die eigene Messlatte für die Liebe zu hoch ist.“

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