Tankstellen-Nostalgie

Als der Tankwart sich noch um Fahrzeug und Fahrer kümmerte

Früh übte sich: in der Tankstelle Stoll in Bielefeld lernte der Sohn schnell, aufs Gas zu treten.

Früh übte sich: in der Tankstelle Stoll in Bielefeld lernte der Sohn schnell, aufs Gas zu treten.

Foto: Ulrich Biene

  Die große Zeit der Tankstellen ruft Ulrich Biene in seinem Buch „Bitte volltanken!“ vor Augen – zwischen Wirtschaftswunder und Ölkrise.

Ein Stückchen heile Welt für die Motorhaube: Der Anblick von historischen Tankstellen zaubert vielen Menschen heute ein Lächeln ins Gesicht, als hätten sie gerade ihre Seele frisch mit Nostalgie betankt. Einer von ihnen ist Autor und Sammler Ulrich Biene(53), der in seinem Buch „Bitte volltanken!“ die schönsten Sprit-Stationen zwischen Rhein, Ruhr und Weser abfährt. Georg Howahl sprach mit ihm über Aufstieg und Fall des Tankwarts, die Magie von Neonlicht an einer nachtschwarzen Autobahn und die ungewisse Zukunft der Tankstellen in Zeiten der Elektro-Zapfsäulen.

Herr Biene, die Geschichte der Tankstelle ist ja ein eher vernachlässigtes Kapitel, oder?

Es ist eines der spannendsten Wirtschaftswunder-Kapitel, das die Menschen zwischen Rhein und Weser in den 1950er- bis 70er-Jahren miterleben konnten. Allein, wie sich das Tankstellennetz innerhalb weniger Jahre rasant verdichtet hat, viele 1000 Tankstellen kamen dazu.

Dabei gab es schon vor dem Zweiten Weltkrieg Autos auf den Straßen...

Aber in den 50er-Jahren kam die Marktwirtschaft und mit ihr der Zulassungsboom. Autos hatten einen deutlich kleineren Tank als heute, der Radius war geringer, die Wartungsintensität war deutlich höher. Tankstellen waren unverzichtbar! Und es kam der Tankwart, den es ja vorher gar nicht gab. Er wurde damals zum Ausbildungsberuf.

Was? Eine eigene Ausbildung, nur um den Tankrüssel in den Füllstutzen zu stecken?

Der Tankwart kümmerte sich um das Auto, aber auch um die Menschen. Er war wichtig, um Markenbindung zu schaffen über das Markenzeichen hinaus. Man muss natürlich sagen: Das Auto war auch damals schon des Westfalen liebstes Kind. Da war er in den 50er-Jahren durchaus wählerisch, da hatte er seine Gasolin-Station, die fand der gut. Der nächste fuhr zu Aral. Der übernächste blieb bei seiner Esso oder Shell. Im Grunde war der Kampf um jedes Auto für den Tankwart das, was ihn jeden Tag umtrieb.

Wann wurde der Tankwart überflüssig?

Die Mineralölfirmen hatten in den 60er-Jahren aufgrund des Kostendrucks auch durch die freien Tankstellen und wegen des nachlassenden Booms die Selbstbedienung eingeführt. Aber die Menschen sträubten sich. Beim Gedanken, den Tankwart abzulösen, hatten die Menschen damals große Ängste. Die ersten SB-Tankstellen hatten einen Bon-Drucker in der Säule, mit dem Beleg konnte man dann im Häuschen zahlen. Ein paar Jahre später wurden die Beträge automatisch in das Tankwarthäuschen übertragen.

Gab es einen Unterschied zwischen Stadt und Land?

Nirgendwo in Europa gab es ein so dichtes Tankstellennetz wie im Ruhrgebiet. Da gab es Gasthöfe, die eine gute Position hatten und den Sprit mit verkauften und plötzlich ein gutes Geschäftsfeld hatten. Im ländlichen Bereich, etwa am Niederrhein, waren die Tankstellen oft bei den Landmaschinenschmieden angedockt – und wurden veritable Tankstationen.

Sie schwärmen ja auch von Architektur und Ästhetik...

Man muss sich das so vorstellen: Die Tankstellen waren alle neu, die waren alle weiß getüncht, der Asphalt war neu und tiefschwarz. Gerade in den 50er-Jahren waren das die Leuchttürme des beginnenden Wirtschaftswunders. Dort war wie nirgendwo anders die Strahlkraft von Neon im Dunklen zu sehen. Es wurde von Seiten der Mineralölfirmen nicht gekleckert, sondern geklotzt.

Ihre Lieblingstankstelle?

Es war damals eine ganz bemerkenswerte Tankstelle an der B1, eine BP Tankstelle, die immer leuchtete, wenn man nach Dortmund rein fuhr. Das war bemerkenswert, die Farben waren sehr sympathisch, solche Bilder vergisst man irgendwie nicht.

Die älteste Tankstelle Deutschlands hat neulich in Essen geschlossen. Haben Sie da ein Tränchen verdrückt?

I

ch fand das sehr bedauerlich, weil das im Grunde so ein typischer Tankstellenort war, den es im Revier in allen Städten gab. Eine Tankstelle, die nicht unbedingt an der Straße lag. Man fuhr irgendwo in einen Hof rein und hatte nicht nur die Tankstelle, sondern einen ganzen Garagenhof. Das waren Konzepte, die in den 50er-Jahren aufgingen. Die Tankstelle wurde betrieben und dann hat man gesagt, wir bauen noch zwanzig, dreißig Garagen dahinter.

Ist angesichts von E-Zapfsäulen bald die Zeit der Tankstellen abgelaufen?

Die Zahl der Tankstellen wird innerhalb des nächsten Jahrzehnts deutlich sinken, wobei wir immer noch eine gewisse Zahl von Verbrennungsmotoren auf der Straße haben werden. Die Schätzungen gehen da etwas auseinander. Sind es zum Ende des Jahrzehnts immer noch 50 oder nur noch 30 Prozent? Die Mineralölkonzerne werden sich da Gedanken machen müssen. Aber ganz verschwinden wird die Tankstelle nicht.

  • Ulrich Biene: Bitte volltanken! Tankstellen-Kultur in Nordrhein-Westfalen, Klartext, 160S., 29,95 €

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