Essen. Zum Zahnarzt, dann auch noch mitten in der Woche um 19.30 Uhr? Unser Autor erzählt, warum dies das Beste war, was ihm diese Woche passiert ist.

Zum Zahnarzt, dann auch noch mitten in der Woche um 19.30 Uhr? Unser Autor erzählt, warum dies das Beste war, was ihm diese Woche passiert ist.

Natürlich ist alles einem manchmal zu viel. Dann nagt die ständige Leistungserbringung, gepaart mit dem düsteren Gesamtzustand der Welt, so sehr an einem, dass man nur noch stöhnt, die Schultern hängenlässt. Und zu einem Misanthropen transformiert. Dann kann nur noch eines helfen: ein spätabendlicher Zahnarztbesuch mit der Tochter.

Die Sternschnuppe: „flinkeschneller“ Stern am Himmel

Geschichten aus der Familienbande: WAZ-Kolumnist Gordon Wüllner-Adomako erzählt seit 2014 von seinem Leben als zweifacher Vater und Ehemann.  <p/>
Geschichten aus der Familienbande: WAZ-Kolumnist Gordon Wüllner-Adomako erzählt seit 2014 von seinem Leben als zweifacher Vater und Ehemann. 

© Funke Grafik NRW | Catharina Maria Buchholz

Hatte auch noch gefehlt. Das dachte ich natürlich erst, als ich an einem ohnehin frustrierenden Tag auf den Familienkalender blickte und für 19.30 Uhr eingetragen den Besuch in der Praxis sah. Wir hatten keinen früheren Termin mehr bekommen. Aber Melias Wackelzahn wollte einfach nicht kapitulieren, obwohl der große Erwachsenenzahn bereits deutlich vorgerückt war. Da musste ein Profi ran.

Erschöpft, genervt also ab ins Auto. Aber dann kam Melia mit ihrer goldigen Wortneuschöpfung: „Guck mal, Papa, da ist ein Stern im Himmel, der ist ,flinkeschnell’“ Eine Sternschnuppe? Dann darf man sich was wünschen! „Ich möchte so wie Tilda sein“, sagte Melia und meinte damit ihre beste Freundin. „Ich will ein Zwilling sein!“ Was ein süßer Wunsch, dachte ich – glücklich darüber, dass meine Erstklässlerin eine so tolle Freundin gefunden hat. Der Frust auf die Welt, beinahe verflogen.

Vaterstolz: Wie kann man mit sechs Jahren so mutig sein?

20 Minuten später: auf dem Behandlungsstuhl. Melia lag dort lässig und cool mit den Händen in der Jackentasche. Als die Ärztin kräftig an ihrem Milchzahn zog und zerrte, rückte sie keinen Deut von ihrer Lässigkeit ab. Und als der Zahn endlich raus war, das Blut aus ihrem Mündchen lief, da tat sie so, als wäre überhaupt nichts passiert. Wie kann man mit sechs Jahren nur so unglaublich mutig sein, dachte ich und war nur noch stolz auf dieses starke Mädchen, das mich schon davor im Auto die Tristesse hat vergessen lassen.

Selbstmitleid? Weltschmerz? Erschöpfung? Das nächste Mal bin ich wieder wie sie auf dem Behandlungsstuhl.

Geschichten aus der Familienbande: WAZ-Redakteur Gordon Wüllner-Adomako ist 2014 mit Anfang 20 Vater geworden. Seitdem erzählt der Essener in seiner Kolumne – immer mit einem Augenzwinkern – von dem chaotischen Leben mit seiner Familie.