Lehmbruck

Begegnungen mit Nachbarn im Duisburger Lehmbruck-Museum

Peter (mit Kopfschutz) kann sich für Kunst begeistern. „Die Gestürzte“ fasziniert.

Peter (mit Kopfschutz) kann sich für Kunst begeistern. „Die Gestürzte“ fasziniert.

Foto: FUNKE Foto Services

Duisburg.   Die Hoffnung der Kunstvermittler im Lehmbruck-Museum in Duisburg: Vielleicht entwickelt sich Wertschätzung füreinander.

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Der Kantpark ist die zentrale Grünanlage in der Duisburger Innenstadt. Spaziergänger führen hier ihren Hund aus, Hobbygärtner bepflanzen Hochbeete und ernten im Sommer Tomaten und Zucchini, Nachbarskinder rutschen und schaukeln. Die Grünfläche umrahmt zudem das Lehmbruck-Museum, das von Kunstliebhabern aus aller Welt besucht wird. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Büsche Nischen bieten – für Drogensüchtige, Wildpinkler und Personen, die tagsüber auf Parkbänken ihr Bier trinken. Museumsbesucher müssen oft genug zuschauen, wie sich Junkies einen Schuss setzen – oder sich an der Hauswand des Museums erleichtern. Um die Probleme zu beheben, gründete sich ein Runder Tisch. Fachleute, die Polizei, Vertreter des Museums saßen zusammen und diskutierten. „Ladet die doch mal ein“, schlug dann ein Streetworker vor. So kam es, dass nun Peter, Marko und all die anderen in der Ausstellung stehen, über Lehmbrucks Skulpturen sinnieren und sich die Mitmach-Kunstwerke der Schau „Blackbox“ ansehen.

Rudi betrachtet „die Sinnende“, lässt seinen Blick über den langen Hals und ihren verhältnismäßig kleinen Kopf gleiten. „Also, meine Frau sieht besser aus“, sagt er. Und Marcus stimmt zu: „Bei der passen die Proportionen überhaupt nicht.“ Das ist das Stichwort für Dr. Söke Dinkla, Direktorin des Lehmbruck-Museums, und Kunstvermittlerin Friederike Winkler von den „ARTgenossen“. Sie erklären der Gruppe die überlängte Formensprache Lehmbrucks. „Er konnte auch naturalistische Skulpturen schaffen, wie wir bei ,Mutter und Kind’ gesehen haben“, so Friederike Winkler. Krusch, ebenfalls Ehrenamtlicher, ergänzt: „Aber als er sich in Paris aufhielt und die Kunst von Maillol kennen lernte, ließ er sich inspirieren.“ Rudi und die anderen nicken. Viele von ihnen sind heute zum ersten Mal im Lehmbruck-Museum. Bei anderen ist es Jahre her. Marko Stegmann vom Verband „Junkies, Ehemalige und Substituierte“ (JES) und die Bezirksbeamten Michael Werzinger und Jürgen Brach sprechen die Personen an und laden sie zu den regelmäßigen Führungen ein. Rund zehn von ihnen schauen sich nun die Ausstellung an. Darunter auch Peter. Der Mann, der wegen einer Krankheit ständig einen Kopfschutz tragen muss, kann sich für Kunst begeistern. „Vor allem für die Ägypter, die waren tolle Baumeister. Wenn eine Sendung über ägyptische Kunst kommt, schalte ich sogar Arte ein“, erklärt er. Inzwischen lebt er in einer eigenen Wohnung, trifft sich aber immer noch mit seinen Freunden in der Stadt. Für ihn ist das Ehrensache: „Nur, weil ich jetzt in einer Wohnung lebe, geh’ ich doch nicht an den Jungs vorbei.“

Ein paar Meter weiter stoppt die Gruppe erneut. Die Plastik „Der Gestürzte“ interessiert sie. „Der schaut zurück“, beschreibt Fabrice (27). „Ihm fehlt das Rückgrat“, ergänzt Peter. Günter Krusch erklärt, dass die Figur durchaus eine Wirbelsäule habe. „Auch wenn die Gliedmaßen bei Lehmbruck länger dargestellt sind, arbeitet er anatomisch doch sehr genau.“

Geballte Faust zeigt Wut und Schmerz

Der „Sitzende Jüngling“ mit seinen geballten Fäusten löst bei der Gruppe Erstaunen aus. Einige ahmen die Position nach. „So sitze ich immer auf dem Klo“, verrät Marcel. Die anderen kichern. Fabrice erkennt in der geballten Faust nicht nur Wut, sondern auch Leid und Schmerz. „Kunst interessiert mich eigentlich nicht so. Es ist imposant hier, schick eingerichtet, aber ich weiß nicht, ob ich nochmal wiederkommen würde“, gibt Marcel zu.

„Wir wollen unsere Nachbarn kennenlernen“, betont Lehmbruck-Direktorin Dr. Söke Dinkla. Die Hoffnung: Vielleicht entwickelt sich ja auch etwas Respekt. Dabei wird von anderen Museen der Republik durchaus verfolgt, ob das Projekt erfolgreich ist. Andere Besucher äußerten sich aber auch kritisch, warum ausgerechnet diese Klientel eine Gratis-Führung bekäme. Daran stören sich die Teilnehmer, die wenig über ihre Lebensgeschichte preisgeben, überhaupt nicht. Einige sind aber auch dankbar für einen warmen Kaffee oder die Möglichkeit, mal ein sauberes Klo zu benutzen. „Da geben wir uns keinen Illusionen hin. Die Teilnahme ist freiwillig. Aber immerhin bleiben die meisten eine Stunde und schauen sich die Kunst an“, erklärt Organisatorin Friederike Winkler. Sie wählt immer neue Aspekte der Sammlung aus und wagt sich auch an eine Mitmach-Ausstellung. „Das war ein Experiment, aber alle haben gut mitgemacht.“ Demnächst will sie etwas von Giacometti zeigen, der ein Kunstwerk in der Art der Ägypter fertigte – und damit Peter eine Freude machen.

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