Lifestyle

Chillen ist out! Der Trend aus Holland: So nixen Sie richtig

Chillen heißt jetzt Nixen.

Chillen heißt jetzt Nixen.

Foto: SolStock

  Im Niederländischen steht „Niksen“ schlicht für „nichts tun“. Doch dabei kann man ganz schön viel falsch machen...

Wohlfühl-Trends haben die lästige Eigenschaft, nicht allzu lange in Mode zu bleiben. Kaum war das eigene Heim endlich „Hygge“ (ein Modewort, das zwischen 2015 und 2016 die dänische Gemütlichkeit verbreitete), da machte der Nachfolger „Lagom“ Karriere (was 2017 als schwedische Philosophie, das Leben in Maß und Gleichgewicht zu halten, halbwegs populär wurde). Da man zwischenzeitlich etwas ratlos war, was folgen könnte, propagierten einige Trendsetter scherzhaft „kalsarikännit“, angeblich Finnisch für „sich zu Hause alleine in Unterhosen betrinken“.

Die neueste Lifestyle-Entdeckung ist da schon sozialverträglicher: Die britische Vogue erklärte mit untrüglichem Gespür für Trends und Zeitgeist „Niksen“ zum neuen „Hygge“. Im Prinzip ist es ganz einfach: Im Niederländischen steht „Niksen“ schlicht für „nichts tun“. Dass wir bisher nur so wenig davon gehört haben, liegt daran, dass es wie in anderen Ländern bisher vor allem als etwas Negatives angesehen wurde, ungefähr wie „faulenzen“ oder „abhängen“.

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“

Astrid Lindgren, Schriftstellerin

Niksen bedeutet buchstäblich „Nichtstun, Müßiggang oder irgendetwas Unanstrengendes ohne besonderen Zweck zu tun.“ Das sagt Carolien Hamming, Managing Director des CSR Centrums für Stress- und Burnout-Coaching im Niederländischen Meerkerk. Was im ersten Moment nach „nix“ klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Es hängt damit zusammen, wie Burnout dort von den Profis angegangen wird. „Um sich davon zu erholen, muss man erstmal versuchen, sich zu beruhigen und das ,Niksen‘ regelmäßig üben“, sagt Hamming. Sie stellt fest, dass auch die Niederländer gar nicht gut beim „Niksen“ sind, was natürlich auch an der Calvinistischen Mentalität des Landes liege, also dass harte Arbeit etwas Gutes ist und Müßiggang vom Teufel stammt.

Eine Einstellung, die den Deutschen auch ohne religiösen Überbau sehr vertraut sein sollte. Sie passt perfekt zu unserer Vorstellung von der Leistungsgesellschaft, in der jeder funktionieren muss, um etwas zu erreichen.

Die Signale sind bei uns alarmierend: Fast neun von zehn Deutschen fühlen sich von ihrer Arbeit gestresst, ergab eine repräsentative Umfrage der pronova BKK von 2018. Sechs von zehn Befragten litten zumindest vorübergehend an Burnout-Symptomen wie anhaltender Erschöpfung, innerer Anspannung oder Rückenschmerzen.

Das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, lässt die notwendigen Ruhephasen dahinschmelzen, die Geist und Körper zur Regeneration brauchen.

„Meine Definition von Glück: Keine Termine und leicht einen sitzen.“

Harald Juhnke, Schauspieler

Um zu „niksen“, muss man nicht erst einen Burnout heranzüchten. Wer sich einfach mal von den Zwängen der Produktivität löst, ist schon auf dem besten Weg. Dabei kann man darunter auch Dinge wie Stricken, Basteln, Musikhören, im Grünen spazieren oder Yoga verstehen.

Eigentlich ist „Niksen“ eine Idee, die unserer heutigen Lebensweise total widerspricht, bei der wir Dinge von der To-Do-Liste abstreichen – und oft drängen sich gleich neue, wichtige Aufgaben gleich hinter die aktuellen.

Viele leiden an Schlafstörungen

„Viele Menschen wissen heutzutage gar nicht mehr, wie man einfach mal nichts tut. Oder sie fühlen sich deswegen gleich schlecht. Je mehr Stress jemand in seinem Körper aufgebaut hat, desto schwieriger wird es für ihn, wieder runterzukommen“, sagt Carolien Hamming. Viele Niederländer, so die Stress-Expertin, litten deshalb nach einer neuen Studie an Schlafstörungen – und sie nimmt an, dass man diesen Befund auf andere Länder übertragen kann. „Burnout nimmt weiter zu, weil es an hochwertiger Erholungszeit mangelt“, sagt sie. Dazu gehört erholsamer Schlaf, die höchste Form des „Niksens“.

„Nichtstun macht nur Spaß, wenn man eigentlich viel zu tun hätte.“

Noel Coward, Schauspieler, Komponist und Lebemann

Niksen taugt auch als Antithese zum grassierenden Selbstoptimierungswahn, bei dem man sich mit Fitness-Armbändern und Smartwatches sogar noch bemüht, den eigenen Ruhepuls zu optimieren. Von nun an darf man ruhig richtig faul sein, so dass es nicht mal zum Meditieren reicht, dass man sogar die Achtsamkeit ruhig beiseitelassen darf. Und dann kann man ruhigen Gewissens sagen: Die tun nix!

Es ist ganz erstaunlich, wie viele Dinge man alle nicht machen kann. Und die meisten davon sogar gleichzeitig: Abspülen, Putzen, Bügeln, Wäsche waschen, Bungeejumping! Kreuzworträtsel, Altglas wegbringen, Shoppen gehen, Keller aufräumen! Unendlich könnte man die Liste weiterführen. Wichtig beim „Niksen“ ist, dass man seine Gedanken streifen lässt.

Die Gefahr: Die Grübel-Falle

Hier liegt eine der wenigen Gefahren: Manche Menschen tendieren zum Grübeln, sobald sie ihre Gedanken von der Leine lassen. Dabei gibt es Mentaltechniken, die verhindern, dass man in eine gedankliche Negativspirale abdriftet. Jeder Stress-Coach kann sie lehren.

Anders als bei „Hygge“ steht „Niksen“ zunächst nicht im Verdacht, ein von der Möbel- und Einrichtungsindustrie gemachter Vermarktungskniff zu sein. Allerdings darf man erwarten, dass spätestens im Herbst die Wohlfühl-Industrie zum großen „Niksen“-Angriff bläst. Denn wer bräuchte dazu nicht mindestens eine Hängematte, ein Sofa, eine Matratze, Strickzeug, Wanderschuhe, Yogahosen oder ein ordentliches Wohlfühlbad. Und das, obwohl man zum „Niksen“ ja eigentlich gar nix braucht…

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