Skat

Den Königen und Damen im Skatsport gehen die Buben aus

Früher war das Clubhaus der Anker Buben eine Tankstelle – seit Ende der 80er-Jahre treffen sich hier die Skatspieler.

Foto: Fabian Strauch

Früher war das Clubhaus der Anker Buben eine Tankstelle – seit Ende der 80er-Jahre treffen sich hier die Skatspieler. Foto: Fabian Strauch

Essen.   Der letzte Essener Skatverein mit Clubhaus, die Anker Buben, kämpft mit schwindenden Mitgliederzahlen. Dabei gibt es einen Hoffnungsträger.

Wer die Tür des Clubhauses der Anker Buben in Essen öffnet, reist in die Vergangenheit. Urig und heimelig ist es hier, ein bisschen wie in der Zeit stehen geblieben wirkt dieser Ort in der Nähe des Hauptbahnhofes, an der viel befahrenen Helbingstraße. Das Vereinsheim des Essener Skatclubs war früher eine Tankstelle. Die abgerundete Kachelfassade mit ihren kleinteiligen Fensterelementen und den schwarzen Lettern zeugt immer noch von dem Charme früherer Zeiten. Über 80 Pokale in den Regalen erzählen von besseren Tagen. Zum Beispiel als die Damen der Anker Buben 1992 Deutscher Meister wurden.

Heute hat der Verein nur noch 20 aktive und neun passive Mitglieder. Trotzdem ist er einer der ganz wenigen in der Region, die noch ein eigenes Clubhaus haben. In Essen ist er der einzige. Dienstags trifft man sich hier zum Preisskat. 2,50 Euro kostet das Startgeld, die besten fünf Spieler des Abends bekommen ein kleines Preisgeld. Alle sind per Du miteinander.

„Die Mitglieder treten nicht aus, sie sterben uns weg.“

Der Altersdurchschnitt der Mitglieder liegt über 70. „Die Mitglieder treten nicht aus, sie sterben uns weg“, sagt Gregor Polländer. Der 71-Jährige kommt jeden Dienstag zum Spielen, selbst Mitglied ist er nicht, weil er die Hälfte des Jahres nicht in Deutschland lebt. Er nippt am Bier, bedient zügig die Karten, „das hätten wir auch gewinnen können“, korrigiert er seinen Mitspieler Reiner. Kritik kommt hier immer mit einem Lächeln. Auf traurige Art und Weise untermauert der Vereinsvorsitzende Theo Hackmann an diesem Abend Gregors Aussage. Ulla ist im Altenheim verstorben, 20 Jahre lang war sie stellvertretende Vorsitzende der Anker Buben.

Komplexe Regeln und 2,8 Billionen Kartenverteilungen

Wie ein bunter Hund wirkt da Johann Ehlers. Der 32-jährige Bauingenieur spielt seit fünf Jahren bei den Anker Buben. Er ist mit Abstand der Jüngste, nicht nur hier im Clubhaus. „Auch bei Turnieren gibt es selten jemanden, der jünger ist als ich“, sagt Johann. Während des Abiturs lernte er das Skatspiel von drei Mitschülern. Früher hat er online gespielt, dabei fehlte ihm aber das soziale Leben drumherum. Mal ein Bierchen trinken, ein bisschen quatschen – das gehört eben zum Skat dazu. Dass seine Mitspieler, überwiegend sind es Männer, alle mindestens 20 Jahre älter sind als er, stört ihn nicht. Und ein bisschen stolz scheinen sie auch auf ihn zu sein, auf ihr jüngstes Mitglied, das ihnen schon so lange die Treue hält.

In Johanns Bekanntenkreis spielt niemand Skat, „die meisten haben einfach keine Lust dazu“, meint er. Und die braucht man bei diesem Kartenspiel, dessen Regeln doch recht komplex sind und das vor allem dann Spaß macht, wenn man selbst und auch die beiden Gegner die Kniffe und Chancen hinter den 2,8 Billionen möglichen Kartenverteilungen verstanden hat.

„Die Anschnauz-Mentalität ist ziemlich groß.“

Vielleicht sei es auch das, was manche Jüngere vom Skat abschreckt, wenn die Älteren mit zu viel Ehrgeiz an das Spiel gehen. „Die Anschnauz-Mentalität ist ziemlich groß“, sagt Johann. Dietmar Evers, stellvertretender Vorsitzender der Anker Buben, fügt hinzu: „Es gibt diese ekeligen Spieler, sie haben dem Skat einen Bärendienst erwiesen.“ Bei den Anker Buben aber wird Fairness und freundlicher Umgang gelebt. „Wir sind wie eine große Skat-Familie“, sagt Dietmar.

Gegründet wurde der Verein 1981 von ehemaligen Schiffskapitänen. Damals, als die Evag noch die Weiße Flotte betrieb, wurden die Turniere auf dem Baldeneysee gespielt. „Wir waren mit 300 Mann auf dem Wasser“, erinnert sich Dieter Winter, 76 Jahre alt und einer derjenigen, die als ehemalige Busfahrer das Schifffahrtspatent machten und über die Ruhr schipperten. Ende der 80er-Jahre fanden die Anker Buben die alte Tankstelle an der Helbingstraße. Doch ob sich die fast 30-jährige Geschichte in dem Clubhaus noch weiterschreiben lässt, steht auf der Kippe.

Die Miete ist kaum zu tragen

Theo steht in der Spielpause vor der Tür und zieht an seinem Zigarillo. „Mit nur 20 aktiven Mitgliedern, die einen Monatsbeitrag von zwölf Euro leisten, ist die Miete von 600 Euro nur schwer zu tragen“, erklärt der 70-Jährige. Das können auch die Startgelder nicht wett machen. An Charme habe das Haus auch verloren, das Umfeld habe sich geändert in den vergangenen Jahrzehnten. Theo zeigt auf die überfüllten Mülltonnen in der Einfahrt: „Früher war es schöner hier, jetzt wird das nicht mehr richtig gepflegt.“

Braune Holztische, die massiven Theke und die Schwarz-Weiß-Fotografien, ausgeschnitten aus Zeitungen der 90er-Jahre, spiegeln im Clubhaus den Werdegang des Skatspiels. Es ist alles ein wenig in die Jahre gekommen, aber den Charme hat es behalten. Und so wie die Inneneinrichtung ihre Geschichten erzählt, sind es die Mitglieder, die diese Geschichten leben. Da ist Reiner, 78, dessen neunjähriger Enkel immerzu Skat spielen möchte, wenn er den Opa besucht. Da ist Ingrid, die mit bald 87 Jahren das älteste Mitglied der Anker Buben ist, und immer noch die Kasse hütet. Und da ist Heidi, die im Clubhaus die Lebensfreude findet: „Wenn die Anker Buben nicht wären, dann wär’ mein Leben nur halb so schön.“

Das Kulturerbe, dem die Erben fehlen

In einer Reihe mit der ostfriesischen Teekultur, dem Hebammenwesen oder dem Spitzenklöppeln im Oberpfälzer Wald steht das Skatspielen seit Ende vergangenen Jahres – als immaterielles Kulturerbe der Unesco. Vor gut 200 Jahren im Thüringischen Altenburg entwickelt, gehört Skat zu den traditionsreichsten Spielen in Deutschland. Aber während der Deutsche Skatverband (DSKV) 1993 noch 35 000 Mitglieder zählte, sind es heute nur noch rund 26 000.

„Wir haben ein riesiges Nachwuchsproblem“, sagt Heike Wachendorf, Vorsitzende der Verbandsgruppe Essen. Die hatte vor 20 Jahren noch 320 Mitglieder in 19 Vereinen, heute sind es 148 in zehn Vereinen. In ganz NRW sind es 3000 Mitglieder. „Die Leute können auch zu Hause im Internet spielen, sie brauchen dafür nicht mehr in die Kneipe zu gehen“, erklärt Heike Wachendorf den Rückgang. Auch das Rauchverbot habe seinen Teil zum Mitgliederschwund beigetragen.

Ziel der Agenda: 50 000 Mitglieder

Deswegen hat der DSKV die Agenda 2020 ins Leben gerufen, mit dem Ziel, bis in drei Jahren 50 000 Mitglieder zu erreichen. Ob das nicht etwas hochgegriffen ist angesichts des aktuellen Trends? „Ich halte die Zielsetzung überhaupt nicht für unrealistisch“, meint Heike Wachendorf. „Wir arbeiten ständig daran, junge Leute zu gewinnen.“ Seit drei Jahren ist der DSKV auf der Spielemesse in Essen vertreten, bietet Skat-AGs in Schulen in Oberhausen an.

In den Zahlen finden sich die Bemühungen bislang trotzdem nicht wieder. „Viele Jugendliche haben Skat von Papa und Opa gelernt, spielen es aber trotzdem nicht.“ In der Pubertät seien ohnehin andere Dinge wichtiger, dann kommen Ausbildung, Kinder – und damit eine lange Zeitspanne, in der es die Spieler nicht in die Vereine zieht.

Geringe Anknüpfungspunkte zum Online-Skat

Eine Kooperation mit dem Deutschen-Online-Skatverband, der so manchen jungen Spieler abfängt, hält Wachendorf allerdings trotzdem nicht für zielführend. „Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.“ Das soziale Miteinander sei nicht zu vergleichen, durch eine Zusammenarbeit, befürchtet die Essenerin, könnten noch mehr Vereine kaputt gehen. „Skat ist zu sehr deutsches Brauchtum, um es an das Internet zu verkaufen.“

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik