Fortschritt

Die Angst vor neuer Technik ist so alt wie die Menschheit

Die erste Eisenbahn mit der Lokomotive Adler fährt am 7. Dezember 1835 in Nürnberg ab. Ihr Ziel ist Fürth.

Die erste Eisenbahn mit der Lokomotive Adler fährt am 7. Dezember 1835 in Nürnberg ab. Ihr Ziel ist Fürth.

Foto: ullstein bild

Essen.   Heute fürchten sich viele davor, dass ihnen durch Drohnen, Computer oder Roboter die Arbeit ausgeht. Ein Blick in Vergangenheit und Zukunft.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Es zischt. Es pfeift. Es knallt. Zweimal am Tag steigt dieses Spektakel, als sei Disneys Mega-Ingenieur Daniel Düsentrieb am Werk. Mit großen Augen stehen Kinder um „Puffing Billy“ herum. Mitarbeiter des Münchner Deutschen Museums in der Halle nahe der Theresienwiese holen dann die älteste Lokomotive der Welt für ein paar Minuten ins Leben zurück. Der Engländer William Hedley hatte sie als Ersatz für Zugpferde und Pferdeknechte seiner Kohlengruben gebaut. Das war 1813. Sie gab das Signal der beginnenden großen industriellen Revolution. Und sie bewies, dass Technik anno 1813 noch ziemlich laut sein konnte.

Heute macht „Puffing Billy“, einst rasante acht Stundenkilometer schnell, nur noch Spaß. Niemanden schlägt sie in die Flucht. Doch in der Zeit vor rund 200 Jahren war der abschreckende Effekt der allerersten Loks groß: Kutscher und Stallburschen begannen, um den Job zu bangen. Die Halter der Poststationen fürchteten um den Umsatz.

„Die Eisenbahn ist ein Teufelsding“, zielte der Pfarrer von Schwabach noch 1835 von der Kanzel aus tief in die Psyche der Gläubigen. Gerade hatte die erste deutsche Schienenverbindung zwischen Nürnberg und Fürth den Betrieb aufgenommen. Technik-Skeptiker prophezeiten, die Menschheit werde die höllische Erfindung büßen: Der Qualm vergifte Fahrgäste und grasendes Vieh. Der Fahrtwind führe zu Lungenentzündungen. Das rasende Tempo werde Gehirnverwirrung zur Folge haben.

Fortschritts-Skeptiker gab es schon immer

Hasenfüße, würde die Welt von heute über die Verhuschtheit ihrer Vorväter spotten. Doch etwa bis 1800 war in der Gesellschaft der Bauern und Händler technisches Vorankommen kein besonders aktuelles Thema. Und, zweitens: Sind die Fortschritts-Freaks und Fortschritts-Skeptiker 2016 wirklich anders gestrickt?

Ist da nicht immer die heimliche Angst, dass am Ende Revolutionen ihre Kinder fressen könnten? Hat nicht noch jede Epoche Sorgen und Vorbehalte gegen das unbekannte, drohende Neue gehabt – seien es jetzt die Technologien 4.0 oder die Auswirkungen der grenzenlosen Globalisierung?

Gutes, böses Handy

Erkrath bei Düsseldorf. Ein ganz normales Städtchen am Rand der Metropolen des Rhein-Ruhr-Raums. 45 000 Einwohner. Ein CDU-Bürgermeister. Denkbar knapp, mit 22 zu 19 Stimmen, hat der Stadtrat hier kürzlich eine fast zehnjährige Debatte abrupt beendet.

Geheim sei die Abstimmung gewesen, sagt Tanja Grothoff vom Büro des Bürgermeisters. Denn das Votum hat die Bürgerschaft gespalten. Es drehte sich um den Mobilfunk, um Funkmasten an jeder Ecke, um „Elektro-Sensibilität“ und Fragen wie: Lösen die Funkstrahlen Migräne, Konzentrationsmängel, vielleicht Krebs aus? Oder, aus anderer Sicht: Kann sich ein modernes Gemeinwesen Funklöcher leisten und Downloads im Schneckentempo, nur weil die Funkmasten stören könnten?

2007, bundesweit eine Zeit der Bürgerinitiativen gegen die Handy-Strahlen, war es in Erkrath zum Wutbürger-Aufstand gekommen. 30 Sendemasten? Bei uns? Viel zu gefährlich. Das Kommunalparlament bestellte ein Gutachten, das 91 Seiten lange Mobilfunkkonzept, und beschloss: Statt 30 dürfen die Netzbetreiber nur sechs Masten bauen und die, bitteschön, möglichst hoch.

Am Ende fiel der Rat um

Aber Telekom, O2 und Vodafone bauten weder niedrig noch hoch. Sie bauten gar nicht. Mit der Zeit gingen die ersten Beschwerden von Geschäftsleuten ein. Die Jugend reagierte unwillig. Am Ende fiel der Rat um. Das Ergebnis der geheimen Stimmabgabe deutet aber an, dass der Argwohn wohl nicht nur bei Grünen tief sitzt und auch nicht nur in Erkrath.

Der Brexit, die AfD-Erfolge, Trumps Wahl. Es sind die Bausteine des unruhigen Jahres 2016. Umfragen zeigen: Wer Populisten nachläuft, tut das vielleicht der Flüchtlinge in der Nachbarschaft wegen und des Terrors, aber nicht nur. Ängste vor dem eigenen ökonomischen Abgehängtwerden spielen eine Rolle, das Misstrauen gegenüber einer unübersichtlichen Weltwirtschaft oder der rasanten Entwicklung der Informationstechnologien. Das Fremde ist der Feind.

Weniger Arbeit, leben in Mega-Cities

Zukunftsforscher haben Konjunktur. Eike Wenzel glaubt, dass wir in zwanzig Jahren „alle weniger arbeiten werden“. Dass Berufe wie Pfleger und Choreographen neue Chancen haben. Dass Mega-Cities die Staaten der Zukunft sind. „Digitalisierung, Automatisierung, Robotik und virtuelle Realitäten werden unsere Märkte umkrempeln“, sagt Wenzel.

Wird dann auch jeder zweite Arbeitsplatz durch den Computer überflüssig, wie die Wissenschaftler Osborne und Frey errechnet haben, und sind es tatsächlich neun von zehn Jobs in den Dienstleistungs-Etagen? Das Selbstfahr-Auto macht den Taxifahrer künftig brotlos. Der Rechner prüft Kredite, nicht die Bankfachfrau. Und der Scanner findet Brüche und Tumoren, nicht die Röntgenassistenz.

„Mal ehrlich“, hat Wissenschaftsministerin Johanna Wanka humorvoll für eine begrenzte IT-Skepsis geworben, „wer von uns möchte in der Wohnung einen Roboter mit blinkenden Kulleraugen herumlaufen sehen?“

Das Höhlenfeuer

Den Menschen haben schon immer solche Gedanken gequält. Angsthase zu sein, steckt in seinen Genen. Es ist die Bremse. So schützt er sich vor Überschätzung. Wann das losging? Forscher wissen wenig über die Konflikte und Besorgnisse, die unter den Clans der Vorfahren vor mehr als 400 000 Jahren grassierten.

Aber was sie wissen: Es waren Zeitalter, in denen irgendwann das Feuer seinen ersten Auftritt hatte. Nicht das, was der Blitzeinschlag in den Baum auslöste. Das, was durch menschlichen Eingriff mit Hilfe der Reibung entstand. Einerseits: Kalte Nächte wurden dadurch wärmer. Andererseits: Können wir uns nur im Ansatz die Schrecken und Familienkräche vorstellen, die der erste Funke ins Höhlendunkel brachte? Da sind die Zerwürfnisse über neue Technologien aus den letzten Jahrhunderten schon eher ein offenes Buch. Schauen wir rein.

Der verhasste Webstuhl

Umbrüche fordern Opfer. „Im düstern Auge keine Träne“ zitiert Gerhard Hauptmann das Weberlied im Schauspiel über den schlesischen Weber-Aufstand von 1844. Drei Tage im Juni sind es, bis das preußische Militär den Aufruhr blutig niederknüppelt, eine Art erste proletarische Bewegung. Die Leinenweber von Langebielau und Peterswaldau im Eulengebirge protestieren gegen ihre elendigen Lebensbedingungen, die sie der Lohndrückerei durch Fabrikherrn zuschreiben: „Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch“.

Die Ursache ihrer Verarmung liegt aber nicht nur in der Gier der Herrschaft, sondern im technischen Fortschritt jenseits der Nordsee. Schon 1785 hat der Engländer Cartwright „Power Loom“ in Betrieb gesetzt. Dieser Webstuhl kann fast ohne menschliches Zutun breite Stoffbahnen herstellen. Ein Preisrutsch für Textilien überall in Europa ist die Folge. Heimarbeiter wie die schlesischen Weber sind aus dem Spiel. Auch anderorts gibt es Erhebungen deswegen. Die Aufrührer tragen ein Etikett: „Maschinenstürmer“.

Reizüberflutung im 19. Jahrhundert

Jahrzehnte später: Kohleförderung und Eisenproduktionen haben sich ausgebreitet. Ein Schienennetz verbindet Deutschland. Mit der Reichseinheit von 1871 sind innere Grenzen gefallen. Der Handel floriert. Die Wirtschaft im Reich boomt. Da befällt um 1880 viele Deutsche eine geheimnisvolle Nervosität. Angstzustände, Impotenz, depressive Verstimmungen. Politisch wird der Nationalismus stärker und liberale Tendenzen schwächeln.

Die Ursache? Der Historiker und Buchautor Joachim Radkau hat in der „Zeit“ erzählt, worauf die umgehende „Neurasthenie“ zurückzuführen war: „Die Zeitgenossen durchlebten einen Wandel, der ihren Alltag mindestens so radikal umwälzte wie die digitale Revolution heute. Elektrisches Licht machte die Nacht zum Tag, der Verkehr wurde in den chaotisch wachsenden Städten als nervenzerfetzend empfunden“. Also: Eine neue, ungewohnte Reizüberflutung. Kennen wir das nicht?

Das Feindbild Auto

Der hektische Fortschritt dieser Jahre provoziert den Widerstand. Er trifft: erst das Telefon. Jeder Telefonmast werde zum Spion, heißt es. Tod seinem Erfinder Bell, heißt es auch. Dann ist das Automobil dran. Pferdehufe brauchen lockeren Kies. Die Überlandstraßen im ausgehenden 19. Jahrhundert sind für Pferde angelegt, nicht für Autos. Gottlieb Daimler und Carl Benz bauen dessen ungeachtet den ersten Motorwagen 1886, den sich nur Wohlhabende leisten können, der aber die Kies-Pisten aufmischt.

Die finanziell gebeutelten Gemeinden wählen den Kleinkrieg. Sie buddeln Gräben quer zur Fahrbahn, um die reichen und unverschämten Benzinkutscher auszubremsen. Um 1900 wächst der Volkszorn. Hühner und Hunde liegen überfahren abseits im Graben. In London hat es mit Bridget Driscoll die erste Verkehrstote gegeben. Unbekannte spannen bei Berlin ein Drahtseil über die Straße, was ein autofahrendes Juweliers-Ehepaar das Leben kostet.

Doch die Spaltung der Gesellschaft in Motorisierte und Nichtmotorisierte hebt schon der nächste technologische Schritt auf. Henry Ford ist sein Schöpfer. Der Amerikaner lässt ab 1913 Fahrzeuge vom Fließband laufen. Sie werden für Mittelschichten bezahlbar. Das System schafft Autos – und Jobs. Alles wird gut.

Das Atom

Alles wird gut? Der Satz hat in der Geschichte nicht immer gegolten und nicht für alles. Kann der Mensch in seinem Fortschrittsglauben – und sei es Zufall – ein Fass aufmachen, die Büchse der Pandora, die er nicht mehr schließen wird?

Als Otto Hahn in einer Dezember-Nacht des Jahres 1938 bei einem chemisch-radiologischen Experiment versehentlich den Uran-Kern zerschießt, ahnt er nicht, was da passiert ist. Erst seine vor den Nazis geflohene Mitforscherin Lise Meitner aus Stockholm klärt ihn auf: Der gespaltene Atomkern kann bis dahin Undenkbares.

Hahn versteht, bangt – und ruft „Schweinerei“, als amerikanische Atom-Bomber 1945 Hiroshima und Nagasaki einäschern. Noch bis 1989 wird die Welt zittern, ob die beiden, nuklear bewaffneten Supermächte USA und Sowjetunion Hahns Entdeckung irgendwann einsetzen. Die weltgeschichtliche Wende bewahrt davor. Da die Bomben nicht alle vernichtet sind und die Waffen verbreitet wurden, besteht die Gefahr auch nach dem Kalten Krieg weiter.

Strahlen tut das Atom aber auch bei der Stromerzeugung. Die Deutschen haben also noch eine andere Konsequenz gezogen. Sie schalten die friedliche Nutzung der Kernenergie nach den Unfällen von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima ab. Die übrige Welt ziert sich. Noch?

Kein großer Knall

31.12.1999, 23.59 Uhr. Silvester steht vor der Tür. Computer bestimmen längst das Leben, doch verstehen die auch was von der großen Datumsumstellung an der Jahrtausendwende? Eher nicht, fürchten viele den Millennium-Bug, den digitalen Totalzusammenbruch in dem Moment, in dem draußen die Böller knallen. Europas Zentralbank beugt vor. Sie stellt ihr Zahlungssystem „Target“ ab. Vorsichtshalber.

01.01.2000, 00.01 Uhr. Der große Knall ist ausgeblieben. Der Weltuntergang hat wieder nicht stattgefunden. Die Angst, das menschliche Sicherheits-Gen, hat Vor- und Nachteile.

Der Dampf machte die Treidler überflüssig 

Es ist der 4. April 1848. Die neuartigen Dampfschlepper „Overstolz“ und „Franz Haniel“ kämpfen sich mit ihren Kohlekähnen gerade südlich von Remagen stromauf, als vom Ufer bei Kripp das Feuer eröffnet wird. Die Schützen verbergen sich hinter Erdwällen. Schon am Tag zuvor waren 90 meist mit Hufnägeln und Steinen gefüllte Geschosse, „Katzeköppe“ nennt man sie, auf die „Niederrhein II“ gefeuert worden.

Der Aufstand gegen die Technik

Am Mittelrhein ist der Aufstand gegen die neue Technik der Dampfboote ausgebrochen. Die Schützen sind die „Rheinhalfen“ – Treidler, die bisher die Schiffe, die gegen den Strom fahren mussten, vom Ufer aus teils mit Pferden oder der eigenen Muskelkraft gezogen haben. Doch die seit 1817 aufgekommene Dampfschifffahrt, der Wind und Wetter meist nichts ausmachte, droht das Geschäft der Halfen zu ruinieren.

Der technische Fortschritt wird den Mittelrhein-Anliegern die Existenzgrundlage rauben, fürchten sie. Bei einem Kongress in Köln hatten sie zuvor das Verbot aller eisernen Rheinschiffe gefordert.

Drei ganze Wochen dauern die gewalttätigen Auseinandersetzungen, die sich über die gesamte Rheinfront bis nach Holland ausdehnen und bei denen die Besatzungen der aus Ruhrort kommenden Stinnes- und Hanielschlepper auch zurückschießen. Sogar eine schwere Kanone kommt am Ufer zum Einsatz, die ein Engländer den Kripper Halfen besorgt haben soll.

Dragoner und Ulanen aus Bonn, die auch an Bord der gefährdeten Dampfschiffe gegangen sind, haben den Aufstand schließlich gewaltsam niedergeschlagen. Die Rheinhalfen mussten ihre Einkommen künftig anders beschaffen. Sie wurden Ziegelbäcker und Ackerbauern.

Experten-Interview: „Künstliche Intelligenz ist noch nicht klug genug“ 

Eine ältere Frau ruft in der Redaktion an. Sie beklagt sich: Beim Besuch ihrer Verwandten in Pirmasens sei ihr aufgefallen, wie die altbekannte Schuh-Stadt durch den Rückzug der Schuhindustrie gelitten hat. Die Schuhe würden jetzt in Asien hergestellt. Das sei doch schlimm. Dies ist nur eine von vielen persönlichen Beobachtungen, die zeigen, wie sich die Berufswelt verändert. Dietmar Seher sprach mit Hilmar Schneider, Professor am Institut für die Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn.

Gibt es ein breites Unverständnis in der Bevölkerung gegenüber neuen Techniken und neuen wirtschaftlichen Entwicklungen, die damit zusammenhängen?

Schneider: Natürlich. Dieser Unwille ist so alt wie die Menschheit. Technischen Fortschritt hat es immer gegeben. Menschen sind ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, sich von dem schweren Los der Arbeit zu befreien und sind dabei sehr erfinderisch. Andere sehen sich dadurch bedroht, fürchten, die Einkommensgrundlage zu verlieren und hätten gerne, dass es bleibt wie früher.

Solche Konflikte sind nicht immer friedlich abgegangen. . .

Fahren Sie mal an die Ahrmündung. Dort steht das Böllerdenkmal. Die sogenannten Rheinhalfen haben im 19. Jahrhundert einen richtigen Krieg gegen die Haniels und Stinnes und ihre Dampfschiffe geführt, die ihnen die Arbeit wegzunehmen drohten. Aber in solchen Situationen taucht oft eine verschobene Wahrnehmung auf. Wir sehen, dass Dinge, die lange Bestand hatten, von einem auf den anderen Tag verschwinden. Das ist immer spektakulär. Wir sehen nicht, was an dessen Stelle tritt, weil es sich oft in kleinen Schritten vollzieht. Dabei können wir sicher sein: Auch wenn alte Techniken und damit alte Berufe spektakulär verschwinden, hat das unter dem Strich bis heute nicht dazu geführt, dass den Menschen die Arbeit ausgegangen ist. Im Gegenteil.

Ist es nicht so, dass gerade die digitale Technik viele auch verschreckt?

Wenn wir unterstellen, dass die Digitalisierung zur Schaffung von Maschinen mit künstlicher Intelligenz führt und damit auch zum Ersatz des Menschen, dann würde das auch mich beunruhigen. Davon sind wir aber noch meilenweit entfernt. Entgegen dem ganzen Geschwafel von angeblich künstlicher Intelligenz haben wir es bei der gegenwärtigen Digitalisierungsphase lediglich mit Vereinfachungsprozessen durch fest programmierbare Abläufe zu tun. Dass ein staubsaugender Roboter Stellen meidet, an denen er schon mal angestoßen ist? Na ja, das ist ja kein Ausweis künstlicher Intelligenz. Das ist nicht seine eigene Entscheidung, am nächsten Tag dort rechtzeitig stehen zu bleiben. Das ist ein Verhalten, das der Fantasie des Programmierers entsprungen ist.

Wo werden besonders viele Jobs durch die Digitalisierung verloren gehen?

Derzeit scheint es erstmals bestimmte Bereiche des Dienstleistungsgewerbes zu betreffen. Da wo Entscheidungen nach schematischen Regeln getroffen werden, etwa bei der Kreditvergabe oder dem Abschluss von Versicherungsverträgen. Alle Prozesse, die nach beschreibbaren Regeln ablaufen, können von Maschinen übernommen werden. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das, was sich heute im Bankgewerbe vollzieht nicht von dem was in früheren Zeiten bei den Textilarbeitern und den Druckern passiert ist oder vor mehr als 100 Jahren bei den Treidelknechten, die am Rhein entlang gezogen sind. Es war alles schon einmal da.

Könnte man sagen: Ingenieure und Altenpfleger haben eine glänzende Zukunft, Mitarbeiter öffentlicher Verkehrsbetriebe, die durch fahrerlose U-Bahnen ersetzt werden, und Verkäufer dagegen nicht?

Ihrer ersten Aussage stimme ich sofort zu. Bei den Verkäufern mache ich eine wesentliche Einschränkung. Natürlich kaufen wir mehr im Internet. Aber das ersetzt nicht eine gute Beratung und auch nicht das Gespräch, der Kontakt von Menschen mit Menschen ist unabdingbar. Wir alle wollen nicht einsam sein, und gerade ältere Leute brauchen das Gespräch. Die blecherne Stimme des Sprachcomputers am Telefon wird zu Recht nicht akzeptiert. Unterm Strich könnten wir sagen: Durch die derzeitige Entwicklung werden wir auf das kreative Schaffen und die soziale Interaktion zurückgeworfen. Das sind die Dinge, die wir besonders gut können. Das ist deswegen auch keine Bedrohung, sondern eine Chance.

Sie haben gesagt: Gerade die sozialen Dienstleistungen haben eine große Zukunft. Wenn wir uns aber zum Beispiel Pflegelöhne anschauen, sieht das überhaupt nicht danach aus. . .

Die sind oft katastrophal niedrig. Aber ich bin sicher, dass sich das in Zukunft ändern wird.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (2) Kommentar schreiben