Abenteuer

Die Lust an der Qual: Aus dem Revier über die Alpen

Auge in Auge: Begegnungen mit tierischen Alpenbewohnern sind auf dem E5 an der Tagesordnung.

Auge in Auge: Begegnungen mit tierischen Alpenbewohnern sind auf dem E5 an der Tagesordnung.

Foto: Philipp Nesbach

Oberstdorf.   Unser Autor hat sich mit Freunden an das Abenteuer Alpenüberquerung gewagt – und gelernt, dass sich Schmerzen und Glück keineswegs ausschließen.

Mit Wucht ramme ich die Schuhspitzen in den weichen Schnee. Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, wie in Zeitlupe geht es bergauf. Ich lehne mich weit nach rechts, gegen den Hang, und suche mit meinen Stöcken nach Halt. Wo würde ich landen, sollte ich hier doch einmal ausrutschen? Ich zwinge mich, nicht weiter daran zu denken. Nicht ständig nach links zu schauen – dorthin, wo es steil nach unten geht, hinein in den Kessel. Doch die Angst, sie läuft mit.

Mein Shirt ist von Schweiß getränkt. Die Muskeln schmerzen, der Akku ist leer. Wenn aber die Beine nicht mehr recht tragen, hilft nur noch die eiserne Willenskraft. Und damit bin ich zum Glück nicht allein: Nur wenige Meter vor mir kämpfen sich auch meine Begleiter durch die rutschigen Trittspuren im Schnee. In immer kürzeren Abständen halten wir an. Schnaufen, schwitzen, schweigen.

Und schauen uns trotz allem begeistert um: Hoch über uns brennt die Nachmittagssonne, hinter uns ruhen die Reste des Ötztaler Gletschers. Ringsum zerklüftete Berge, ein traumhafter Mix aus Blau, Grau und Weiß. Und knapp 100 Meter den Hang hinauf, schon gut zu erkennen und doch viel zu weit weg, liegt das heutige Tagesziel: die Braunschweiger Hütte, ein Zufluchtsort für Wanderer in exakt 2759 Metern Höhe.

Als Belohnung lockt eine warme Dusche

Erst dort oben, und das treibt uns an, werden wir für die Strapazen des Aufstiegs belohnt: mit einer warmen Dusche, einem eiskalten Weizenbier, Käsespätzle oder Kaiserschmarrn – und einem fantastischen Blick über die Alpen. Ansporn genug, um irgendwie auch noch diese, die bislang härteste Etappe zu meistern. Nur noch zwei weitere, dann sind wir schon da: Italien.

Ausgangspunkt unserer Tour war vor vier Tagen Oberstdorf, gleichsam der südlichste Zipfel Deutschlands. Wir, das sind fünf Jungs aus Nordrhein-Westfalen, im Schnitt 30 Jahre alt und maximal mäßig trainiert. Unserer alpinen Ahnungslosigkeit zum Trotz hatten wir uns zum 30. Geburtstag von Kumpel Milan ein ambitioniertes Ziel gesetzt: auf dem Europäischen Fernwanderweg E5 wollten wir die Alpen überqueren, von Oberstdorf im Allgäu bis nach Meran in Südtirol. Sechs Tage, fast 100 Kilometer, dabei knapp 5250 Meter bergauf und 6500 wieder runter. Übernachtet wird in den Hütten des Deutschen Alpenvereins (DAV) – mit ihren Standorten unterteilen sie die Gesamtstrecke in tagesfüllende, aber machbare Abschnitte.

An einem Samstagvormittag im Juni geht‘s los. Wir stehen auf Parkplatz P1, eine wenig charmante Schotterfläche vor dem Zentrum des Ski- und Kurorts Oberstdorf. Die Rucksäcke sind gepackt, zehn bis zwölf Kilo wird jeder von uns nun tagtäglich schultern. Noch ist es recht kühl, der Himmel bedeckt, doch die Vorhersage hat es in sich: Bis zu 37 Grad werden für die kommende Woche erwartet – sogar hier, im Oberallgäu, auf 800 Metern.

Wasser – überall Wasser

Unsere Trinkblasen fassen je zwei bis drei Liter, in einem Café oben im Dorf füllen wir sie vollständig auf. In den folgenden Tagen werden diese drei Kilo in unserem Gepäck die wichtigsten sein. Und dann, die schweren Schuhe ein letztes Mal feste geschnürt, ist es tatsächlich so weit: raus aus der Stadt, rein in die Wildnis.

Die erste Etappe beginnt freundlich, auch hinter Oberstdorf bleibt es erst einmal flach. Der Weg führt uns durch eine schmale Allee und über teils asphaltierte Landwirtschaftswege immer tiefer ins Grüne hinein. Im Hintergrund lassen die ersten schneebedeckten Berge erahnen, dass es so gemütlich nicht bleiben wird. Und ein rauschender Fluss ist Vorbote dessen, was uns auf dem gesamten Weg immer wieder begleiten wird: eiskaltes, kristallklares Schmelzwasser.

Ob nun in Form eines Bergsees, als wilder Wasserfall, sanft plätschernder Gebirgsbach oder bloß noch als kleines Rinnsal – das Wasser ist überall und bedenkenlos trinkbar. Der letzte Winter in den Alpen war lang und hart, noch immer liegt auf den Gipfeln deshalb viel Schnee. Und der taut nun. Und taut und taut. Verdursten, so viel ist sicher, werden wir trotz der extremen Hitze wohl nicht.

Am Abend schmerzen die Knie

Ziel unseres ersten Wandertags ist die auf 1844 Metern gelegene Kemptener Hütte. Sattgrüne Wiesen und dichter Wald verwandeln sich von Zeit zu Zeit in karge Felswände, verschneite Hänge und kleine Geröllfelder. Das im Hochsommer von einem Bächlein durchzogene Sperrbachtobel ist noch vollends von Schnee bedeckt. Durch die Schlucht weht ein eisiger Wind, der Weg beginnt sich zu ziehen – und wehzutun.

Bei der Orientierung helfen uns nebst Wanderführer und GPS auf dem Handy rot-weiße Markierungen am Wegesrand, aufgemalt auf Steinen und Felsbrocken. Wegen der Schneemassen haben Bergführer zudem rote Fähnchen gesteckt, die uns die geänderte Route zur Unterkunft weisen. Irgendwann folgt hinter jeder Biegung auf Hoffnung Ernüchterung: noch immer kein Ende in Sicht. „Man sollte den Tag nicht vor der Hütte loben“, werden wir später im Scherz sagen – und genau das soll sich bis zum Schluss bewahrheiten. Nach rund sechs Stunden samt Pausen kommen wir an, so schnell geht’s danach nie wieder.

Am Abend, und das wird fortan nicht besser, schmerzen die Knie. Und wenn nicht die, dann irgendwas anderes. Die Schultern, die Waden, ja sogar die Schienbeine. Bergauf und bergab im stetigen Wechsel, daran sind Ruhris und Rheinländer schlicht nicht gewöhnt. Der Weg ist das Ziel, so jedenfalls sollte es sein – und doch will ich ab dem späten Nachmittag stets nur noch ankommen.

Eine Hüttennacht ist gewöhnungsbedürftig

Nach einer warmen Mahlzeit und zwei, drei Getränken geht’s daher vom ersten Tag an sehr zeitig ins Bett. Und so eine Hüttennacht, die ist gewöhnungsbedürftig: Der Erschöpfung wegen beginnt sie schon ziemlich früh, nicht selten vor zehn. Zwischen fünf und sechs Uhr am Morgen ist’s dann mit der Ruhe vorbei, und diese Ruhe ist sowieso relativ: Wohl dem, der selber schnarcht. Im Hochsommer sind die Unterkünfte auf dem E5 oft ausgebucht, die Bettenlager stickig und voll. Trotz Müdigkeit fällt das Einschlafen allabendlich schwer.

In diesem Rhythmus wird es nun weitergehen, Tag für Tag. Mal streng bergauf – knapp 1300 Meter zur Braunschweiger Hütte zum Beispiel –, dann wieder stetig bergab, so wie an Tag drei: Dort führt der E5 von der Memminger Hütte (2242 m) über die Seescharte (2599 m) bis ins österreichische Städtchen Zams (767 m), mehr als 1800 Meter abwärts, hinein ins Tal. Dass an solchen Tagen die Knie gereizt reagieren – wen wundert’s?

Und dennoch: Genau dieser dritte Tag, da sind wir uns später einig, ist der wohl schönste der ganzen Tour. Gleich am frühen Morgen geht es durch den noch hart gefrorenen Schnee, hoch hoch hoch zum spektakulär-schroffen Seescharten-Kamm. Auf der Rückseite dieses felsigen Nadelöhrs will ein steil abfallendes Schneefeld bezwungen werden, weit hinten im Dunst schmückt die scharf in den Himmel ragende Silberspitze (2461 m) das „Zammer Loch“.

Die Blüten stehen in voller Pracht

Wo sonst ein steiniger Weg beginnt, geht es hier auf Schnee so rapide bergab, dass manche der Wanderer es als das Beste erachten, einfach herunterzurutschen. Wer das richtig angeht, verhindert viel Kraxelei und macht schnell wertvolle Meter – wer nicht aufpasst, wird bestraft: So wie Felix. Unten angekommen, erwartet er uns mit blutender Lippe, beim Hinabrutschen hat er sich den eigenen Stock ins Gesicht gerammt. Ein Glück, dass das Kühlen hier oben nicht schwer fällt.

Kurz darauf wird es schnell wieder grüner, wir unterschreiten die Baumgrenze, bewegen uns immer an einem rauschenden Bach entlang. Je flacher diese Postkarten-Landschaft wird, desto mehr Fleckchen machen wir aus, die zum Verweilen einladen. Kurz vor einer kleinen Hütte, der Oberlochalm, biegen wir auf eine Wiese ab, ziehen uns die Wanderschuhe aus und halten die gepeinigten Füße in den kalten Bach. Eine Wohltat. Links und rechts des glitzernden Wassers erstreckt sich ein Meer aus knallgelben Trollblumen. Überhaupt stehen die Blüten in voller Pracht – die alpine Pflanzenwelt zeigt, was sie kann: In dunkelblau, violett, rot, rosa und weiß.

Nur wenig später durchqueren wir einen märchenhaft stillen Wald, in dem sich auch unser Bach eine Schattenpause gönnt. Und so ändert sich Stunde für Stunde, Tag für Tag die Vegetation – und mit dieser die Tierwelt: Auf unserer Wanderung begegnen wir Steinböcken, Gämsen und Murmeltieren, aber auch frei herumlaufenden Pferden, Ziegen, Schafen und Kühen. Am letzten Tag, hoch oben auf der Similaunhütte – mit 3019 Metern der höchste Punkt der Alpenüberquerung – schwebt dann auch noch ein riesiger Steinadler über uns hinweg. Ehrfurcht.

Viele Wanderer trifft man bloß beim Start und am Ende einer jeden Etappe. Abseits der Hütten entzerren die langen Tagesmärsche die Gruppen erstaunlich erfolgreich. Überlaufen, das können wir nach den sechs Etappen festhalten, ist der E5 im Juni noch nicht, Engpässe gibt es nur wenige. Und oberhalb des türkis schimmernden Stausees in Vernagt, kurz vor dem Ende unserer sechstägigen Reise, sind wir sogar richtig euphorisch, wieder auf Menschen zu treffen. Die nämlich bringen den ermatteten Alpenbezwingern fünf eiskalte Weizen. Na dann mal Prost, Buam – verdienter wird’s nicht!

Dieser Bericht ist zuerst in unserer digitalen Sonntagszeitung erschienen:

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>>> Tipps für den Weg über die Alpen

Nicht jeder Kilometer auf dem E5 von Oberstdorf bis Meran muss erlaufen werden. Bei mehreren Etappen verkürzt eine Busfahrt den Weg durch das Tal. An Tag vier steht zudem eine Fahrt mit der Seilbahn an. Die Hilfsmittel sind zwar optional, bei der sechstägigen E5-Variante aber unumgänglich.

Zur Vorbereitung und gerade für unterwegs empfiehlt sich ein Wanderführer. Bewährt hat sich auf unserer Tour das „Outdoor“-Büchlein von Christian K. Rupp: „E5. Oberstdorf – Meran/Bozen“. Ebenfalls geeignet ist der Wanderführer von Rother (Stephan Baur und Dirk Steuerwald: „Fernwanderweg E5“).

Die Übernachtungen in den Hütten des Deutschen Alpenvereins (DAV) sollten schon im Vorfeld gebucht werden. Während der Saison von Juni bis September sind freie Schlafplätze rar. Wer Mitglied im DAV ist, zahlt weniger – und hat selbst ohne Reservierung Anspruch auf einen Schlafplatz. Die Mitgliedschaft kostet zwischen 50 und 100 Euro im Jahr.

Infos: www.alpenverein.de/Mitglied-werden-DAV/

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