Nachlass

Die spannende Jagd der Erbenermittler rund um die Welt

Der Genealoge Max Bloch hat sich auf die Erbenermittlung spezialisiert.

Der Genealoge Max Bloch hat sich auf die Erbenermittlung spezialisiert.

Foto: Kai Kitschenberg

Köln.   Jedes Jahr sterben 60.000 Menschen mit erheblichen Vermögen, ohne bekannte Nachkommen zu hinterlassen. Dann kommen Erbenermittler zum Einsatz.

Ein Abend, an dem das Haus leer geräumt ist. Wieder mal: Fernumzug. Der Möbelwagen ist schon auf dem Weg. Die Familie will die Haustür ein letztes Mal abschließen und der Wohnungseinrichtung über gut 500 Autobahnkilometer folgen, da klingelt das Festnetz-Telefon auf dem nackten Wohnzimmerparkett. Ein Unbekannter ist in der Leitung. „Endlich“, sagt er. Die Familie werde händeringend von einem Nachlasspfleger gesucht. Es gehe um eine Erbschaft, konkret: um die Abklärung, ob man als Erbe in Frage komme. Es ist kein Scherz. Eher ein starker Zufall. Ein Treffer im letzten Moment, bevor die Spurensuche durch den Fernumzug wieder ein paar Grad schwieriger geworden wäre.

Solche Alltagsüberraschungen sind nicht so selten. 60 000 Mal im Jahr müssen in Deutschland erhebliche Vermögen in die Warteposition, bis die neuen Eigentümer nach aufwendiger Recherche gefunden sind. Das ist immer dann so, wenn ein Testament fehlt und Nachkommen unbekannt sind. Eltern? Kinder? Geschwister? Keine (mehr) da? Das können Nachlasspfleger noch verifizieren. Onkel und Tanten, Neffen und Nichten, Cousins und Cousinen? Vielleicht. Aber wo? Wie viele? Sind weitere Verwandtschaftslinien zu ermitteln? Oder leben, diesseits oder jenseits der Grenzen, verheimlichte uneheliche Töchter und Söhne? Nachlasspfleger und Amtsgerichte geben an dieser Stelle, erscheint die Sache nur lohnend genug, die Akte weiter. Dirk Zeiseler und seine Kollegen kommen zum Zug. „Zwischen einer Woche und Jahren“ könne so eine Fahndung dauern, sagt er. Zeiseler ist Erbenermittler.

Viele haben keine Ahnung, dass noch Verwandte leben

Im belgischen Viertel von Köln, am Hohenzollernring, ist der Genealoge Standort-Chef von GEN, der Gesellschaft für Erbenermittlung. Das Unternehmen hat in zwölf weiteren Städten auf der Welt Niederlassungen und Partner. Es ist einer der Branchenführer im Bundesgebiet – und das auf einem Terrain, das derzeit heftig boomt. „Die Generation, die den Krieg noch als Kind erlebt hat oder als junger Mensch“, die versterbe jetzt nach und nach, sagt Zeiseler. Viele aus der Gruppe haben im hohen Alter alleine gelebt. Viele sind vermögend. Und viele haben keine Ahnung gehabt, dass noch Verwandte leben.

Rückschläge muss man wegstecken

Max Bloch kann so eine Geschichte erzählen. Der studierte Historiker und GEN-Mitarbeiter, der seine Doktorarbeit über den preußischen Finanzminister Albert Südekum geschrieben hat, sitzt an seinem Schreibtisch. Vor dem 40-Jährigen türmen sich die Aktenstapel einer Nachlass-Recherche im westlichen Ruhrgebiet. „Ein unheimlich verzweigter Fall, bisher mein größter“, sagt Bloch. Das gelte für das Volumen der Erbschaft – 1,8 Millionen Euro –, aber auch für die Zahl der als Erben in Frage gekommenen Personen. „Der Stammbaum ist vollkommen ausgeufert.“ Hunderte Namen habe er seit dem Eintritt des Essener Erbfalles 2015 durchleuchtet – nur, um mittendrin den großen Rückschlag hinnehmen zu müssen: Die ermittelte Alleinerbin, eine Cousine zweiten Grades der Erblasserin-Mutter, war kurz nach dem Tod der Erblasserin selbst gestorben. Heute, nach zwei Jahren, hat er neun ihrer Nachkommen gefunden. In diesen Tagen hat Bloch den 35-seitigen Antrag ans Nachlassgericht geschickt, gespickt mit 300 Personenstandsurkunden. Die neun, „alle aus Essen und Mülheim“, können mit Anteilen rechnen.

„Ich habe keine Cousinen“. Falsch. Er hat 38.

Erbenermittler haben einen spannenden Job. Sie verstehen viel von historischen Abläufen, von den großen Wanderungsbewegungen in der Geschichte, verfügen über Wissen in der Familienkunde. In ihrem Fachjargon geht es um Urgroßelternlinien oder die „vierte Erbordnung“. Ihre Fahndungsmittel sind heute zwar immer öfter einschlägige Links im Internet, doch spielen Gespräche und Verbindungen nach wie vor eine große Rolle. Vor allem tun das die Standesämter, Kirchenbücher, Archive. Bloch sagt, es könne sein, dass er sich ein Fünftel seiner Arbeitszeit „im Staubigen“ herumtreibe, um dort notfalls einen Stammbaum aus dem 19. Jahrhundert herauszuwühlen. Und immer wieder müssen sie sich auch mit viel Misstrauen herumschlagen, wenn sie jemanden ansprechen, der den Erblasser gar nicht kennt. Wie kürzlich in Alfter bei Bonn. Der Mann hat Anzeige wegen versuchten Betruges erstattet: „Ich habe keine Cousinen“. Falsch. Er hat davon 38.

Fahndung bis nach Kanada und Chile

Die Kölner Truppe um Zeiseler und Bloch fahndet bis nach Chile und Argentinien, nach Kanada und China. „Ein Drittel“ mit Auslandsbezug sei nicht unrealistisch, berichtet Dirk Zeiseler. Doch gerade die geografisch nächstliegenden, die Ruhrgebiets-Fälle, sind problematisch. Mehr als anderswo fehlen hier hinweisstarke Urkunden. Sie sind in den Feuerstürmen des Zweiten Weltkriegs verlorengegangen. Ähnlich schwierig gestalten sich Recherchen im Osten Europas, die inzwischen einen Großteil der Aufträge ausmachen. Zwar helfen Archivöffnungen nach dem Zusammenbruch des Ostblocks weiter. Bislang geheime Dokumente aus ehedem sowjetischen Lagern sind nutzbar. Sie belegen Todesfälle, was entscheidend ist für die Erbenermittler. Doch „in Königsberg“, so Zeiseler, „sind sogar Kirchenbücher nicht mehr da. Die Familien selbst haben auch nichts. Da kommt es zum traurigen Fall, dass ein Erbe mit großer Sicherheit vermutet werden kann, es aber schriftlich nichts gibt“.

Vater Staat darf den Nachlass nicht ausschlagen

Wer erbt, wenn am Ende kein Erbe aufzutreiben ist, wenn auch Unternehmen wie GEN, die das Honorar von im Schnitt einem Drittel der naturgemäß höherwertigeren Nachlässe nur im Erfolgsfall kassieren, die Waffen strecken müssen? 50 Kilometer nördlich vom Kölner Hohenzollernring, in Düsseldorf, sitzt der „Profiteur“ in solchen Fällen. Es ist die Landeskasse von Nordrhein-Westfalen. Die Gesetzeslage ist klar. Nach Paragraph 1936 des Bürgerlichen Gesetzbuches darf Vater Staat anders als private Erbberechtigte noch nicht einmal den Nachlass ausschlagen.
Sein großenteils eher unerwünschter Eigentumszuwachs hat sich seit 2010 verdoppelt. Allein 2016 kamen in NRW 1130 Nachlässe in die staatliche Sammlung. Neben wenigen Wertpapieren waren das 119 meist eher marode Wohnimmobilien und 118 unbebaute Grundstücke. Hier landet ein bunter Mix aus Kleingärten und Garagen, der halben Volme-Brücke im sauerländischen Kierspe und einem ebenfalls halben Büdchen in Bochum. Nordrhein-Westfalen sitzt auf einer alten Müllkippe bei Breitscheid und einer stillgelegten Bahnlinie in der Eifel. Zu den besseren Stücken gehörten schon mal ein Segelboot im Mittelmeer und ein Wald auf den Bahamas.

Das Land versucht, die besten Teile zu verkaufen

„Die Erbschaften fallen deutlich häufiger in den Großstädten an und eher im Ruhrgebiet und im Bergischen Land als im Rheinland“, sagt Dagmar Groß von der Düsseldorfer Bezirksregierung. Ihr Arnsberger Kollege Christoph Söbbeler sieht das ähnlich: Aus Dortmund, Bochum, Herne, Hagen und Hamm stammten zwei Drittel der abgelieferten Erbschaften. Das Land versucht, die besten Teile zu verkaufen. 2016 konnte es damit 2,4 Millionen Euro einnehmen – bei Kosten von 1,2 Millionen.

In Köln ist es 15 Uhr. Für Max Bloch schlägt die wichtigste Stunde des Tages, die der Akquise neuer Fälle. Der Bundesanzeiger stellt „Öffentliche Aufforderungen“ der Amtsgerichte ins Netz, Informationen über unbekannte Erben zu melden. Die Jagd der Erbenermittler nach Aufträgen beginnt. Ein Fall aus Duisburg ist heute dabei. Ein Mann, 1958 geboren, 2013 verstorben. Nachlasswert: 6000 Euro. Kein Fall für GEN.

>>>Erbschaften in NRW in Zahlen

2016 hat es in NRW 27 526 Erbschaften gegeben, die „steuerrelevant“ waren – insgesamt waren das 9,3 Milliarden Euro Vermögen.

Die Erben zahlten laut Statistischem Landesamt it.nrw darauf 1,2 Milliarden Euro Erbschaftssteuer – ein Anstieg um fast zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die Erben in Nordrhein-Westfalen sind nach einer Onlineumfrage des Meinungsforschungs-Instituts YouGov ganz besonders streitlustig. 23 Prozent ziehen wegen eines Nachlasses vor den Kadi.

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