Pflegefamilie

Ein Glück der etwas anderen Art: Papi, Papa und der Kleine

Das gleichgeschlechtliche Ehepaar Kevin (li.) und Max Groos (re.) mit ihrem Pflegekind. Sie hatten sich lange um ein Pflegekind bemüht.

Das gleichgeschlechtliche Ehepaar Kevin (li.) und Max Groos (re.) mit ihrem Pflegekind. Sie hatten sich lange um ein Pflegekind bemüht.

Foto: MATTHIAS GRABEN / FUNKE Foto Services

Bochum.  Der einjährige Dano wurde alleingelassen. Nun hat er eine neue Familie gefunden und wächst mit zwei Vätern auf – ganz wie seine Kinderbuchhelden.

„Heiß, heiß, heiß“ – wer sich an Danos* Fantasie-Menü die Finger verbrennt, kann nicht behaupten, nicht gewarnt worden zu sein. Was nicht im Blut steckt, macht eben das Vorbild: So wie der Eineinhalbjährige an seiner Spielküche brutzelt, tat es auch sein Papa tagein, tagaus – als Chef einer Großküche. Bis er Ende 2019 ganz schnell den Elterngeldantrag stellen musste.

Für die nächsten zwei Jahre ist Kevin Groos nun tagsüber allein zu Hause, mit seinem Pflegekind, mit seinem Sohn. Kurz vor Weihnachten veränderte sich alles. „Da ist der Kleine bei uns eingezogen.“ Vor etwa einem Jahr gingen Kevin (29) und sein Ehemann Max Groos (28) das Thema Kinder gezielt an. Nach Eigenheim und Hochzeit war es das letzte Puzzleteil zum vollendeten Familienglück. „Eine Adoption schien uns aber zu kompliziert – gerade als gleichgeschlechtliches Paar“, sagt Kevin. Die Alternative: Pflegefamilie.

Die Vorbereitung auf das Eltern-Dasein – die Kontaktaufnahme und Gespräche mit dem Bochumer Pflegefamilien-Vermittler Plan B e.V., die Bewerbungsmappe an das Jugendamt, die Youtube-Anleitungen zum Windelwechseln – war dann sozusagen ihre Schwangerschaft. Eine der unkomplizierten Sorte. „Max und Kevin waren bei allem total herzlich und einfach“, sagt Plan-B-Mitarbeiterin Annika Schepers über die beiden. Denn ob blau- oder braunäugiges Kind, Tochter oder Sohn, behindert oder nicht: „Das war uns völlig egal“, sagt Max. „Es gibt genug Kinder, die Hilfe brauchen.“

Geschlecht und Herkunft: ganz egal

Die beiden hatten sich also fest entschieden. Und wie es auch mit so mancher Geburt ist, kam dann alles ganz schnell. Plötzlich stand ein kleiner Kandidat bereit – Dano. „In weniger als zwei Wochen mussten wir das Kinderzimmer herrichten, alles mit dem Job regeln, alle Papiere erledigen“, sagt Kevin. Und das Wichtigste: Dafür sorgen, dass sich der Kleine möglichst schnell an sie gewöhnt.

Aber das sei eigentlich das Unkomplizierteste gewesen, erzählt das Paar. Erst eine Stunde, dann zwei, dann einen halben Tag trafen sich die Elternanwärter bei der Bereitschaftspflegefamilie (siehe “Pflege auf Zeit“), die Danos Betreuung zeitweise übernahm. Für die beiden war es Liebe auf den ersten Blick. „Und auch er ist beim ersten Treffen direkt total offenherzig auf uns zugegangen“, erinnern sie sich. Kevin und Max wissen beide gut, dass sie Glück hatten. Denn andere Kinder wären wohl viel misstrauischer und zurückgezogener, wären sie so in ihr Leben gestartet wie der quirlige und aufgeschlossene Dano.

Die minderjährige Mutterfloh allein nach Deutschland

Als er erst wenige Wochen alt war, flüchtete seine minderjährige Mutter mit ihm alleine aus Osteuropa. In Deutschland lebte sie zunächst in einem Jugendheim, bis sie erneut schwanger wurde – und anschließend untertauchte.

Max und Kevin haben sich entschieden, ganz offen mit der Vergangenheit ihres Sohnes umzugehen. „Das ist empfehlenswert, weil die Kinder sonst dazu neigen, ein unrealistisches Bild von ihren leiblichen Eltern zu konstruieren“, weiß Annika Schepers von Plan B. „Wir haben deswegen auch ein Foto von Danos Mutter, falls er sich mal fragt, wie sie ausgesehen hat.“ Offenheit: Ohnehin ist es der wichtigste Wert, den die beiden ihrem Sohn vermitteln wollen. Nicht, weil sie als homosexuelles Paar genau das oft bei ihren Mitmenschen vermisst haben – ganz im Gegenteil.

„Die Reaktionen auf unsere Entscheidung, Eltern zu werden, waren allesamt positiv, in der Familie genauso wie unter unseren Kollegen“, erzählt Max. Überhaupt seien es maximal verwunderte, nie gehässige Blicke, die die Zwei, jetzt Drei entgegengebracht bekommen. Vielleicht liegt es daran, dass man es im Hause Groos nicht an die große Glocke hängt, als Familienmodell Exot zu sein. „Manchmal grenzt man sich vielleicht zu sehr selbst aus – wenn man nur in Schwulenbars oder -Treffs geht“, glaubt Kevin.

Alles ganz normal

Ironischerweise haben sich Max und Kevin vor knapp zehn Jahren in einem Bochumer Schwulen-Club kennengelernt und ineinander verschossen. Heute würden sie eher auf Partys für alle gehen – wobei statt Mitternachtstouren nun erst mal Gute-Nacht-Geschichten angesagt sind. Zum Beispiel die Geschichte vom kleinen Max, der Freundschaft mit einem kleinen Kaninchen schließt – und völlig selbstverständlich mit zwei Papas durchs Leben geht. Ein Kinderbuch wie eine Anleitung für die eigene Erziehung. „Wir wollen ihm zeigen, dass es völlig normal ist, zwei Papas zu haben“, sagt der große Max.

Kaufladen neben der Spielküche

Sich dabei als Papa eins und Papa zwei zu bezeichnen, hielt Familie Groos allerdings für eine „unschöne Option“. Der Unterschied wird so klar: Kevin wird Papa genannt. Und Max ist Papi. „Dano weiß natürlich schon ganz genau, wer von uns beiden wer ist.“

Damit Dano auch Papi angemessen nachahmen kann, müsste wohl bald ein Kaufladen neben der Spielküche stehen – Max Groos ist Filialleiter bei einem Drogeriegeschäft. Und wenn er nach Hause kommt, steht doch sicher das frisch gekochte Essen auf dem Tisch? „Mit dem Zeitmanagement ist das so eine Sache. Frisch kochen schafft man da nicht immer – da muss es auch mal Fertigessen sein“, gibt Neu-Papa Kevin selbst als gelernter Koch zu. Das ganz normale Familienchaos eben.

Pflege auf Zeit

Max und Kevin Groos sind nun Pflegeeltern fürs Leben. Stellen wie die „interkulturelle Kinder- und Jugendhilfe“ Plan B in Bochum, die eng mit dem Jugendamt zusammenarbeiten, suchen aber stets auch Bereitschaftspflegefamilien.

In diesem Fall wird dem Kind ein Zuhause auf Zeit gegeben – solange bis es entweder in seine Herkunftsfamilie zurück kann oder eine andere Perspektive gefunden wurde. Im seltensten Fall entwickelt sich aus einer Bereitschafts- eine Vollzeitpflege.

*Name geänder t

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