Transgender

Endlich ein Mann! Und nur noch Ärger. Betroffener erzählt

Transgender-Menschen fühlen sich nicht eins mit ihrem biologischen Geschlecht.

Transgender-Menschen fühlen sich nicht eins mit ihrem biologischen Geschlecht.

Foto: gettY

Dortmund.  Alex kam im biologisch weiblichen Körper zur Welt und fühlte: Ich bin ein Mann. Nun ließ er die Papiere ändern. Und die Probleme werden größer.

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Alex ist ein Mann. Das war er schon immer. Obwohl der Körper des Jungen biologisch wie der eines Mädchens aussah. Wenn Verwandte ihn in die weibliche Rolle zwängen wollten, mit Puppen und Röcken, wurde er „megaaggressiv“. Sie verstanden es nicht, haben ihn eingesperrt, ausgestoßen. Seit Februar dieses Jahres ist es endlich offiziell: Der 43-Jährige ließ eine so genannte Personenstandsänderung vornehmen. Nun steht auch in seinen Papieren: „männlich“. Aber das erhoffte Glück stellte sich damit nicht ein. „Ich habe jahrelang ein Problem gehabt, weil ich nicht ich sein durfte, jetzt bin ich endlich ich und die Probleme werden größer.“

Alex ging zu seiner Gynäkologin Christine Bülow in Dortmund, die ihm seit vielen Jahren zur Seite steht. Doch der Computer zeigte die rote Lampe, als Alex wie immer die Chipkarte abgab: „Die EDV meldet Fehler. Es ist nicht vorgesehen, dass ein Frauenarzt einen Mann behandelt“, sagt Christine Bülow. Aber Alex benötigt die medizinische Versorgung eines Gynäkologen, seitdem er vor einigen Jahren die Diagnose erfuhr: Gebärmutterkrebs.

Die Schmerzen ließen sich nicht mehr ignorieren

Alex hatte es schon lange geahnt, dass er nicht gesund ist. Aber: „Was will ich bei einer Gynäkologin? Ich bin doch männlich!“ Irgendwann ließen sich die Schmerzen nicht mehr ignorieren. Christine Bülow war die erste Frauenärztin, die ihn untersuchen durfte. Die 51-Jährige fühlt sich in Menschen ein, die in einem für sie fremden Körper eingesperrt sind. Sie weiß, welche psychischen Probleme das Transgender-Sein mit sich bringt, insbesondere in der Jugend: „Jemand fühlt sich als Mann und bekommt dann die erste Periode – das ist der Super-GAU!“ Darunter würden viele leiden. „Je nachdem, wie stark das Brustwachstum ist, können sie nicht mehr vor sich selbst verheimlichen: Ich bin eine Frau.“

Alex fasste sofort Vertrauen zu seiner Ärztin. Er ließ sich behandeln, ging ins Krankenhaus, bekämpfte den Krebs. Die Gebärmutter wurde entfernt. Trotzdem muss er wie üblich alle drei Monate zur Nachsorge gehen – auch nach der Personenstandsänderung. Und nun signalisierte der Computer: „Ein Mann darf nicht zum Frauenarzt.“

Auch in Stellenanzeigen wird das dritte Geschlecht berücksichtigt

„In der heutigen Zeit muss man da offener sein“, ärgert sich die Medizinerin über veraltete Vorschriften. Schließlich lebten wir nicht mehr im 19. Jahrhundert. „Wir reden von der dritten Toilette in Fußballstadien“, sagt Christine Bülow. Stellenanzeigen – „auch in unserem Ärzteblatt“ – richteten sich selbstverständlich an weiblich/ männlich/ divers. Aber wenn eine Transgender-Person zum Frauenarzt ginge, dann werde ihr Steine in den Weg gelegt? Alex: „Ich bin nicht irgendein Auto, das einen Motorschaden hat. Es hat seine Gründe, warum ich hier sitze.“

Zum Glück hat seine Ärztin ihn behandelt – ohne Wenn und Aber. Alex bezweifelt, dass jeder Arzt das gemacht hätte. Die Medizinerin bekam die Kosten für die Untersuchung am Ende erstattet, „aber es waren lange Schreiben nötig.“ Und sie möchte ihren Patienten nicht nur „aus Kulanz“ behandeln dürfen, eine „Ausnahmegenehmigung“ bekommen. Sie verlangt eine neue rechtliche Grundlage. Alex: „Angenommen, die Krebserkrankung käme erneut zurück oder ich bekomme eine andere gynäkologische Erkrankung und muss in ein Krankenhaus? Das funktioniert ja gar nicht.“

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) bestätigt auf Nachfrage der Redaktion: „Bis Mitte 2019 galt die Inanspruchnahme gynäkologischer Facharztleistungen durch Männer als grundsätzlich fachfremd.“ Zwar sei die Behandlung eines Mannes in Ausnahmefällen möglich gewesen, aber dafür war ein Antrag notwendig. Zum 1. Juli seien die Regelungen nun auf Bundesebene geändert worden. „Demnach können Gynäkologen für männliche Patienten mit Inter- oder Transsexualität, bei denen ein sogenannter ,geschlechtsorganbezogener Befund’ vorliegt, nun die entsprechenden geschlechtsspezifischen (z.B. gynäkologischen) Gebührenordnungspositionen abrechnen“, schreibt KVWL-Sprecherin Vanessa Pudlo. Also ist alles „nur noch“ ein Problem der Praxis-Software, mit der Ärzte arbeiten müssen?

Der Computer zeigt: Ein Mann darf nicht zum Frauenarzt

Christine Bülow bezweifelt, dass nun alles reibungslos ablaufen wird: „Das sehen wir dann demnächst.“ Wenn Alex zur nächsten Nachsorge kommt. Außerdem habe sie auch nach dem genannten Stichtag im Juli einen Brief von der KVWL erhalten, indem die Probleme geschildert wurden. Die Ärztin liest vor: „Wir erwarten eine weitere zukünftige Problematik, wenn auf der Gesundheitskarte des Patienten das männliche Geschlecht eingetragen ist.“ Alex: „Es muss am Computer eine grüne Lampe angehen, vorher gebe ich nicht auf.“

Seine Wut ist spürbar: „Warum muss ich überhaupt dafür kämpfen, ganz normal behandelt zu werden?“ Seit 2011 darf man in Deutschland eine Personenstandsänderung beantragen, auch ohne vorherige geschlechtsangleichende Operation. „Aufgrund verschiedener Erkrankungen könnte ich das gar nicht über mich ergehen lassen. Ich bin körperlich weiblich, im Genitalbereich bin ich weiblich, wirke aber nach außen und auch beurkundet ganz klar männlich.“ Die Gutachter, die er im Zuge der Personenstandsänderung aufsuchen musste, seien nach wenigen Minuten davon überzeugt gewesen: Alex ist ein Mann.

Rund 5000 Euro hat er für die Änderung gezahlt

„Mein Vorteil ist, dass ich männlich wirke und keine Behandlung brauchte. Meine Stimme ist im Normal-Bereich. Ich quietsche nicht rum.“ Rund 5000 Euro habe er trotzdem für die Änderung zahlen müssen. Und da seien die Anpassungen der Papiere wie der Personalausweis noch nicht inbegriffen.

„Ich bereue den Schritt nicht. Ich war ein Leben lang im falschen Körper. Aber wenn ich gewusst hätte, was hier entsteht...“ Die Zeit, in der er gezwungen wurde, mit neun Jahren in einem Kommunionskleid in die Kirche zu gehen, ist zum Glück vorbei. „Ich habe es zerschnitten“, erinnert sich der Mann in Jeans und Kapuzenpulli. Doch seine Rebellion hat die Familie nicht als Hilfeschrei erkannt. „Ich bin dafür verprügelt worden.“

Lange Suche nach einem Therapeuten

Er bekam Depressionen. „Ich habe mehrfach darüber nachgedacht, wie ich mich am besten aus dem Leben kicken kann, weil ich es nicht mehr aushalte.“ Einen Therapeuten zu finden, der ihn ohne Vorbehalte unterstützt, war nicht leicht. Selbst in einer Stadt wie Köln, in der er damals gelebt hat. „Wo wir den Christopher-Street-Day fast als Nationalfeiertag einläuten können.“ Auch die Weltgesundheitsbehörde (WHO) hat mittlerweile erklärt, dass das Transgender-Sein nicht mehr als psychische Erkrankung betrachtet wird. Allerdings tritt das entsprechende Dokument erst im Januar 2022 in Kraft...

Sich im falschen Körper gefangen zu fühlen, damit aufzuwachsen, damit zurechtzukommen, sei das eine Problem. Aber das andere sei viel größer: „Ich bin total normal, die Umwelt kommt nicht mit mir klar.“ Mit fester Stimme kritisiert Alex die mangelnde Toleranz der Menschen. „Ohne Therapeuten bleibt dann nur eine Möglichkeit: Man bringt sich irgendwann um.“ Als Antwort auf die fehlende Akzeptanz. „Oder man tötet sich, während man lebendig durch die Gegend läuft auf eine ganz andere Art und Weise: Essstörungen, manipulatives Verhalten, Drogen, die Palette ist ellenlang. Es ist einfach eine Katastrophe.“

Er hilft heute Transgender-Jugendlichen

Weil Alex bereits früh an Krebs erkrankt ist und zudem Multiple Sklerose hat, muss der gelernte Krankenpfleger heute mit dem wenigen Geld auskommen, das ihm als Frührentner zusteht. Er nutzt seine Zeit, um sich bei sozialen Projekten zu engagieren, er hilft unter anderem Transgender-Kindern.

Auch Christine Bülow lernt junge Frauen in ihrer Praxis kennen, die sich männlich fühlen. Und bei denen die Mütter und Väter massiv Druck machen: „Warum bringst du keinen Freund mit?“ Diese Eltern – „Akademiker!“ – würden denken: „Das kann nicht sein, das ist nicht so, das darf nicht sein.“

„Viele wollen sich damit nicht beschäftigen“, sagt Christine Bülow. Auch im 21. Jahrhundert sei für einige Sexualität immer noch „bah“. Aber: „Sexualität ist etwas ganz Natürliches. Hauptsache, die Menschen sind glücklich“, betont die Ärztin. „Ich glaube nicht, dass wir Menschen das Recht haben zu verurteilen. Diejenigen, die es nicht so leicht haben, sollen verdammt noch mal akzeptiert werden“, sagt Alex, der heute in einer Patchworkfamilie lebt – mit Frau und Kind.

>>> INFO Wenn Männer Brustkrebs bekommen

Auch Männer können an Brustkrebs erkranken. Die Frauenheilkunde hat hier das Expertenwissen. Vanessa Pudlo von der KVWL: „Männliche Brustkrebspatienten werden in der Regel von ihrem Hausarzt oder ihrem Urologen an eine gynäkologische Praxis mit ausgewiesener Brustultraschallexpertise überwiesen.“ Für die Abrechnung muss ebenfalls ein Antrag bei der Kassenärztlichen Vereinigung gestellt werden.

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