Gesellschaft

Glück mit Münzen: Die verrückte Welt der Automaten

Eva Brinkschulte (li.) und Felicitas Grossmann von der Firma Brimatic.

Eva Brinkschulte (li.) und Felicitas Grossmann von der Firma Brimatic.

Foto: Socrates Tassos

Velbert.  Automaten gibt es nicht nur für Zigaretten, sondern auch für Fleisch und Witze. Sie erzählen eine Kulturgeschichte über Kinder, Kerle und Konsum.

Kaffee, Tee, Frikadellen und Studentenfutter: An den Automaten treffen sich Arbeiter, Angestellte und Chefs für den kleinen Snack zwischendurch. Aus Fach vier plumpst gerade ein Mini-Schoko-Kuchen. „Eines unserer beliebtesten Produkte“, erklärt Martin Brinkschulte. Erdnüsse gehen eher geht so. Brinkschulte kennt die „Renner und Penner“-Liste in- und auswendig. Mit seinen Schwestern Eva und Felizitas führt er das Velberter Unternehmen Brimatic für so genannte Vending-Automaten und Betriebscatering in zweiter Generation. Während Kaugummi-Automaten eher was für Nostalgiker sind, ist so ein Verpflegungsautomat hochkomplex. Doch der Reihe nach.

Angefangen hat alles in den 1950er-Jahren. Damals machte Vater Heinrich Brinkschulte eine kaufmännische Lehre bei einem großen Tee-Importeur. Fuhr mit der Vespa von Betrieb zu Betrieb, um Firmen davon zu überzeugen, in ihren Teeküchen Filterketten zu verwenden. Sein erster Auftraggeber orderte bei ihm Tee für 20 Mark und zählt heute noch zu den Stammkunden. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir als Kinder zu Hause in der Küche saßen und die Ketten zurechtgeschnitten haben“, erinnert sich Eva Brinkschulte.

Die Zeiten von Teekannen in Teeküchen ist vorbei

1971 machte sich ihr Vater selbstständig und die Zeiten von Teekannen in Betriebsküchen ging zu Ende. „Auf einmal war Instantgranulat angesagt. Unser Vater hat dann Automaten entwickelt, an denen sich Kunden Tee in verschiedenen Geschmacksrichtungen ziehen konnten. Das Granulat wurde frisch mit Wasser zu Tee gebrüht“, erzählt Martin Brinkschulte. Später wollten die Mitarbeiter in den Firmen nicht nur Tee, sondern auch Kaffee und Snacks ziehen. Das Geschäft wurde in zwei Sparten aufgeteilt. Unter dem Namen Hebris werden bis heute noch immer Tee und Flüssigkonzentrate nach eigenen Rezepturen vertrieben. Brimatic stillt Kaffeedurst, süße und herzhafte Gelüste.

Rund 570.000 Getränke- und Verpflegungsautomaten gibt es laut „Bundesverband der Deutschen Vending-Automatenwirtschaft“ (BDV) in der Bundesrepublik. Dabei stehen nur 20 Prozent an Bahnhöfen und anderen öffentlichen Stellen – alle anderen dienen etwa als Betriebsverpflegung. 15.000 Beschäftigte arbeiten im Vending-Sektor: Automaten-Hersteller ebenso wie Firmen, die die „Füllprodukte“ herstellen und damit die Geräte bestücken. Mittelständler Brimatic ist ein Operator, ein Aufsteller, mit 150 Beschäftigten. Sie betreuen über 1600 Automaten von Hürth bis Hamm. Bedürfnisse steigen: Der „Wittenborg 7600“ mit 600 Bechern soll Kaffee „in Gastro-Qualität“ liefern. Für Glasflaschen, die keine Fallhöhe vertragen, kennt der „Sielaff SÜ 2020“ die „Soft-Drop-Liftlösung für schüttelfreie Ausgabe“...

Wird der Snack größer, hat der Automat ein Problem

Die Spiralen in den Nummernfächern sind passend zum Snack eingestellt. „Doch manchmal werden die Produkte kleiner, höher, schmaler, tiefer.“ So mussten mal die Kinderriegel, ein Renner, aus dem Programm genommen werden. „Ferrero hatte die Preise stark erhöht, da hat der Kunde nicht mehr gekauft. Daraufhin wurde die Tafel mit mehr Inhalt verlängert. Ergebnis: die Schokolade passte nicht mehr in den Automaten.“ Einen der Spitzenplätze hält nun Duplo inne.

Mittels Telemetrie können die Firmen nachvollziehen, welche Produkte wann gezogen werden. Der Trend geht zu frischen, auch veganen Snacks. „Die Leute essen nicht mehr drei Mal täglich, sondern kleine Mahlzeiten zwischendurch“, so Verbandssprecherin Heike Richter. Frisch, hygienisch – und technisch einwandfrei muss so eine Kiste sein. Die Brinkschultes lassen sich Reklamationen aufs Notfall-Handy leiten, 24 Stunden, an 365 Tagen im Jahr.

Übrigens: An französischen Rastplätzen ersetzen Automaten den Kiosk. Die Niederländer schwören auf Frikandeln und Bitterballen „uit de muur“, also aus der Wand. Denkbar sei auch, dass die Verbraucher sich künftig etwas zu essen bestellen und Lieferdienste diese dann in Automaten abstellen, ähnlich wie bei Paketboxen. Bei Bedarf lässt sich der „Festival Classic“ aus Langenberg auch mit Obst oder Joghurt füllen. Mit aktuell 62 Prozent aller Einkäufe am Automaten, wie der BDV errechnet hat, dürfte Kaffee aber noch lange Favorit bleiben.

>> Grillfleisch, Fahrradschlauch oder Kondome – die Automaten

Da beult er an der Häuserwand, fast in Vergessenheit. 500.000 Kaugummi-Automaten soll es in Deutschland immerhin noch geben. Die Kindheitserinnerungen sind auch heute nur zwei Umdrehungen entfernt. Für 20 Cent gibt’s harte, bunte Kugeln, auf denen man – in Kinderzeitrechnung – ewig rumkauen konnte. Und für 50 Cent warten im nächsten Fach Spielfiguren und Flummis. Ach, herrlich. Eingeführt nach dem Krieg, hingen sie nicht selten auf dem Schulweg. Rund 1000 Automaten muss man betreiben, damit es sich lohnt. Einige haben laut Verband für Automaten-Fachaufsteller einen Jahresumsatz unter 100 Euro.

Der Dortmunder Sebastian Everding ist neu im Geschäft. Er hat ein Flachwitze-Maschinchen bei sich am Haus installiert. „Kennen Sie den schon? ,Was ist weiß und rollt den Berg rauf? – Eine Lawine mit Heimweh.’“ Für 20 Cent gibt’s solche Scherze.

Vor zwei Jahren hatte der Kettwiger Bauer Alexander Im Brahm die Idee, Wurst und Fleisch seiner Ruhrtaler Freilandschweine für Spontangriller an 24 Stunden im Automaten anzubieten. „Das wird vor allem am Wochenende und an Feiertagen gut genutzt.“ Sein „Regiomat“ wird bei zwei Grad gekühlt und stetig nachgefüllt.

Der Zigaretten-Automat gehört zu den Klassikern. 300.000 gibt es bundesweit. „Etwa die Hälfte befinden sich innen, also in Gaststätten und Hotels“, erklärt Burkhard Armborst, Leiter der Automatentechnik bei Tobaccoland. Und draußen? „Vandalismus hat zugenommen. Inzwischen werden Automaten auch schon mit schwerem Gerät aufgebrochen oder gleich gesprengt. Wir zeigen jeden Einzelfall an.“

Helfer in der Not sollen (ja, auch die Condomaten) die blauen Fahrradschlauch-Automaten der Reifen-Marke Schwalbe sein – schließlich halten sich Platten nicht an Ladenöffnungszeiten. Am Duisburger Modell zahlen Radler acht Euro für das Ersatzteil. Was ganz gut ankommt...

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