Umgekehrte Psychologie

Gute Einsichten durch schlechte Vorbilder aus Hollywood

Der Joker: Nicht gerade ein Sympathieträger, aber jemand, der sich zum Anderssein bekennt.

Der Joker: Nicht gerade ein Sympathieträger, aber jemand, der sich zum Anderssein bekennt.

Foto: Niko Tavernise / dpa

Essen.  Beim Joker in die Lehre? Auf Darth Vaders Seite wechseln? Schlimme Vorstellung! Dennoch lässt sich manchen Bösewichten eine Lektion abgewinnen.

Wer wäre nicht gern ein Batman auf der Jagd nach schäbigen Schurken in schummrigen Schluchten? Wer nicht gern John McClane, der in „Stirb Langsam“ mit lockeren Sprüchen und schnellen Schüssen seine Familie und ganz nebenbei die Stadt rettet? Oder Luke Skywalker, der im Lichtschwert-Kampf gegen das abgrundtief dunkle Imperium echte Schnitte hat? Alles wahre Helden, die haben noch was zu melden!

Aber der Joker? Der arrogant-fiese Hans Gruber? Oder gar der düsterste aller Düster-Lords Darth Vader? Das sind doch bodenlos böse Burschen!

Immerhin einer hat sie ins Herz geschlossen, sein Name ist Steffen Haubner. In seinem neuen Buch „Wecke den Joker in dir“ fordert er dazu auf, von den Bösewichten zu lernen. Das erscheint uns zunächst als Unerhörtheit: Fantomas, Dr. Evil, Cruella De Vil? Sollte man etwa Sympathie für die Teufel entwickeln? Da müsste man schon ganz schön stoned sein. Oder aber bereit, über einen Haufen von Leichen und sonstigen Opfern großzügig hinwegzusehen. Und vielleicht mal nach ihren Motiven zu fragen...

„Der Bösewicht (...) muss sogar überzeugender sein als der Held“

Motive? Interessieren die überhaupt? Na klar, nichts ist langweiliger als ein böser Charakter, der hirn-, sinn- und planlos vor sich hin mordet, keinen roten Faden und kein Motiv erkennen lässt. Haubner argumentiert, dass „dem Bösen eine Chance“ gegeben werden müsse. „Der Bösewicht (...) muss sogar überzeugender sein als der Held, dessen Rolle sich ja praktisch von selbst erklärt.“

Nach umfassenden Studien von Hollywood-Streifen erklärt dieser Zusammenhang auch, warum so viele Schurken scheitern: Der Schurke wähnt sich am Ziel und erklärt noch kurz, aber siegesgewiss, warum er so handeln musste, wie er es getan hat – und in dieser Zeit jagt der gefesselt-hilflose Held ihm eine Kugel, einen Eispickel oder ein Teppichbodenmesser in empfindlichste Körperteile. Fall gelöst, Welt gerettet, Vorhang zu, Applaus!

Wir müssen beginnen, uns selbst zu erkennen.

Haubner wagt die These, dass der Übeltäter „versucht, den Zuschauer wenigstens streckenweise zu seinem Verbündeten zu machen“. Dazu bemüht er Wissenschaftler, Psychologen und mehr... Eine der bitterbösen Erkenntnisse: „Wir müssen uns der unerfreulichen Tatsache stellen, dass Mord sich als bemerkenswert effektives Mittel herausgestellt hat, viele der Herausforderungen, denen wir uns im evolutionären Kampf ums Überleben und um die Gelegenheit zur Fortpflanzung gegenüber sahen, zu meistern...“

Aber es kommt noch dicker, denn laut Haubner müssen wir beginnen, uns selbst zu erkennen. „Man sollte sich also keineswegs einbilden, dass sich das menschliche Handeln stets danach ausrichtet, was sozial, konstruktiv und gut ist. Vielmehr ist die Grenze zwischen Recht und Unrecht dadurch definiert, ob man glaubt, dass man mit etwas durchkommen kann.“ Was Menschen mit hohen Moralvorstellungen wohl eher ungern akzeptieren mögen...

Hannibal Lecter als ein extrem begabter Empath

Haubners Kronzeugen sind von eher zwielichtigem Leumund. Denn da hat der Autor und Filmkenner sich wirklich ein paar fiese Brocken rausgesucht, unter ihnen Hannibal Lecter aus „Das Schweigen der Lämmer“, den Jigsaw-Killer aus der „Saw“-Reihe und Freddy Krueger aus den „Nightmare“-Filmen… Man glaubt es kaum: Selbst von denen kann man noch etwas lernen. Im Guten wie – Sie ahnen es schon – auch im Bösen.

Dazu muss man noch nicht einmal erwähnen, dass Hannibal Lecter so ein Typ ist, den man wirklich gut zum „Perfekten Dinner“ einladen könnte – zumindest falls man nicht gaaanz so genau darauf schaut, mit welchen Zutaten da gekocht wird. Außerdem: Lecter ist ein Meister darin, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ein extrem begabter, aber ebenso gestörter Empath. Was zeigt, dass ein hohes Einfühlungsvermögen auch als Waffe dienen kann.

Auch dem durchgeknalltesten Schurken lässt sich eine wichtige Erkenntnis abgewinnen, sogar dem „Joker“. Für die Darstellung des bemitleidenswerten Komikers Arthur Fleck, bei dem der mentale Sicherungskasten durchbrennt, erhielt Joaquin Phoenix den Oscar. Haubner: „Man kann Arthur Fleck als ein dramaturgisch überzeichnetes Statement dafür sehen, dass man die alltägliche Misshandlung und Ungerechtigkeit nicht immer schlucken muss.“ Natürlich darf man keine Menschen meucheln. Aber ein Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit und das Statement, anders zu sein, ist eine Möglichkeit, mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Sympathie sogar für Darth Vader

Wenn man die Bosheit gleich auf intergalaktische Ausmaße weitet, dann ist man schnell bei Darth Vader, der als Inbegriff des Bösen im „Star Wars“-Universum angesehen wird. Dabei erzählen „Episode I“ bis „III“ ja doch recht nachvollziehbar, wie aus dem Hoffnungsträger des Universums sein schlimmster Albtraum wurde. Verknappt gesagt: Anakin Skywalker musste sich zwischen seinem Glauben und der Liebe entscheiden: „Du verlangst von mir, vernünftig zu sein, aber das ist etwas, das ich nicht sein kann“, entgegnet er seiner geliebten Padmé. Das klingt schon mehr nach Schnulze als nach einem universellen Drama. Wir wissen, wie es für Anakin Skywalker endet, nämlich verkrüppelt in einer Lavagrube… Lektion: Halt dich an deiner Liebe fest, aber nicht um jeden Preis. Immerhin: Dem bösen Ende wohnt ein zauberhafter Anfang inne.

Selbst an Helden lässt Autor Haubner kein gutes Haar: James Bond, stellt er mal als These in den Raum, verursacht so viele Kollateralschäden, dass er selbst als Schurke gelten könnte. Und sein beliebtester Gegenspieler: Ernst Stavro Blofeld, der es immerhin in sieben Bond-Filme geschafft hat, von „Liebesgrüße aus Moskau“ bis hin zu „Spectre“ – gespielt u.a. von Donald Pleasence, Telly Savallas, Max von Sydow bis Christoph Waltz. Was man von ihm lernen kann: Stets technisch auf der Höhe der Zeit zu sein, etwa mit Laser-Satelliten, denn das Böse ist technisch weit vorn. Und: Wenn man wiedererkannt werden will, sollte man sich eine Marotte zulegen, die „nicht zu deinem teuflischen Image passt“. Mit flauschig-auffälligem Angorakätzchen auf dem Schoß darf man wiederkehren.

Familiäre Fassade, mörderischer Kern

Dass man sich zum Mitfiebern sogar mit einem psychopathischen Krawattenmörder bringen lassen kann, führt uns Alfred Hitchcock im Spätwerk „Frenzy“ (1972) vor, denn wir folgen dem kalten Robert Rusk, wenn er verfolgt wird – und fast möchte man ihn davor bewahren, für seine Mädchenmorde zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Auch die Erkenntnis, dass man so böse sein kann, dass es komisch wird, vertritt Haubner, etwa beim Betrachten von John Waters‘ „Serial Mom“. Die auf Liebreiz bis zur Unerträglichkeit erpichte Familienmutter (gespielt von Kathleen Turner), würde buchstäblich alles dafür tun, ihre heile, perfektionierte Welt zu bewahren – auch einen Lehrer mit dem Auto überfahren oder unliebsame Zeugen in Brand setzen. Lektion hier: Übertreibe es nicht mit der Selbstperfektionierung.

Steffen Haubner: Wecke den Joker in dir – Von den fiesesten Bösewichten der Filmgeschichte lernen (Riva, 192 S., 14,99 €)

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