Das besondere Museum

Sammlerherzen schlagen höher: Musikantenengel in Dortmund

Beflügelt von der Engel-Geschichte: Museumsmitarbeiterin Johanna Schäckermann mit einem großen Grünhainichener Engel.

Beflügelt von der Engel-Geschichte: Museumsmitarbeiterin Johanna Schäckermann mit einem großen Grünhainichener Engel.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Dortmund.  Eine Ausstellung erinnert an Freundinnen, die mit Musikantenengeln berühmt wurden. 100 Jahre später erfreuen sie immer noch an Weihnachten.

Elf weiße Punkte, nicht mehr, aber auch nicht weniger, schmücken jeden der grünen Flügel. Sie sind das Markenzeichen der Grünhainichener Musikantenengel, die seit bald 100 Jahren mit Harfe oder Trompete die Herzen der Menschen erwärmen – und das mittlerweile in 26 Ländern. Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund zeigt sie im Studio in der Weihnachtsausstellung „Himmlischer Besuch aus dem Erzgebirge“.

Die ersten drei Musikantenengel schuf Margarete Wendt 1923. Vorher hielten sie nur Lichternäpfe in den Händen. Nun spielten sie Geige oder Flöte. Ein dritter leuchtete ihnen mit einer Fackel. „Da gab es noch kein Orchester“, so Museumsmitarbeiterin Johanna Schäckermann (29). Das wurde als „Engelberg“ 1937 auf der Weltausstellung in Paris gezeigt und prämiert. Heute gibt es über 160 Engel, die teils einen hohen Sammlerwert haben. Manche Holzfiguren werden für mehrere Hundert Euro gehandelt.

Aber dies ist nicht nur eine Geschichte über niedliche Engel, sondern auch eine über Freundinnen, die in einer Zeit eine Firma gegründet haben, in der sie noch nicht mal wählen durften: Margarete Wendt und Margarethe Kühn verkauften ab 1915 zunächst Lichterengel und andere schöne Dinge aus Holz. Truhen, Dosen, Leuchter. Sie kannten sich aus der Lehrzeit bei den „Geschwistern Kleinhempel“ – die Reformkünstler leiteten eine Privatschule. Und von der Königlich-Sächsischen Kunstgewerbeschule in Dresden. Da besuchten die Freundinnen die allererste Damenklasse.

Kein Ehemann sollte sich einmischen

Noch eine Margarete spielte eine wichtige Rolle für das Unternehmen: Margarete Junge war ihre Lehrerin, die später eine weitere Schülerin an „M. Wendt & M. Kühn“ vermittelte: Olga Sommer, die sie Olly nannten. Die Lettin erschuf Engel, die mit prachtvollen Verzierungen an den Stil ihrer Heimat erinnerten, und sie verliebte sich in Johannes Wendt, den Bruder der Firmengründerin. Da hatte bereits eine andere Hochzeit die beiden Jungunternehmerinnen getrennt: Margarete Kühn war aus der Firma ausgestiegen.

Freundinnen fürs Leben

Einen Streit hatte es nie gegeben. Im Gegenteil: Die Freundinnen hatten vorausschauend im Gründungsvertrag festgehalten, dass eine der Frauen das Unternehmen verlässt, sobald sie vor den Altar tritt. „Verheiratete Frauen galten damals nicht als geschäftstüchtig“, erklärt Schäckermann diesen Schritt. Sie wollten so verhindern, dass sich ein Ehemann in die Geschäfte einmischt. „Die Lücke, die Margarete Kühn hinterlassen hat, hat im selben Jahr Olly Sommer ausgefüllt“, so Schäckermann. Die beiden Margaretes blieben aber ihr Leben lang Freundinnen.

„Wendt & Kühn“ wird heute in dritter Generation geführt. 200 Mitarbeiter zählt das Unternehmen, darunter sind 80 Figurenmaler, so Schäckermann. „Und nur vier dürfen die Gesichter malen.“

Elf weiße Punkte auf grünen Flügeln

Jedes Detail muss stimmen, wobei die elf weißen Punkte auf den grünen Flügeln keine tiefere Bedeutung haben, so die Kunsthistorikerin. Das habe einfach gut gepasst. Außerdem tragen nicht alle Engel Punkte. Die Margeritenengel mit den Blüten im blonden Haar – die Lieblingsblumen von Olly Wendt – haben zum Beispiel Streifen.

Und dann gibt es ja auch noch die Blumenkinder, die Blümchen halten und gar keine Flügel haben: „Sie alle stehen für ein Sehnsuchtsgefühl nach unbeschwerten Kindheitstagen“, sagt Johanna Schäckermann, die sich so den dauerhaften Erfolg der Holzfigürchen erklärt. „Dieses Gefühl lösen sie beim Betrachten auch heute noch aus.“

>>> Das liebste Ausstellungsstück

Margarete Wendt hat ihrem Bruder einen Schutzengel geschickt, als Johannes Wendt in den Ersten Weltkrieg ziehen musste. Im Winter 1914 bekam er an der Front in Frankreich den Gruß von der Familie. Dieser Lichterengel sollte Helligkeit in die dunkle Zeit bringen. Die Lichtnäpfe, links und rechts in den Händen des Engels, zeigen heute noch Wachsspuren von den Kerzen. „Ich finde die Geschichte, die hinter dem Engel steckt, anrührend“, erklärt Johanna Schäckermann ihr liebstes Ausstellungsstück.

Dieser Lichterengel ist der Vorläufer der später bekannten Himmelsgeschöpfe. Er ist etwas größer, die Flügel spitzer, das Gesicht älter und ernster. „Er ist in den nachfolgenden Jahren kindlicher, runder geworden“, sagt die Kunsthistorikerin. „Man hat ihn sozusagen verjüngt.“

Während sich die Schwester Margarete Wendt auf den künstlerischen Teil der Firma konzentrierte, übernahm der Bruder 1919 die kaufmännische Leitung. Im Zweiten Weltkrieg wurde er jedoch verschleppt. „Viele Jahre lang wusste man nicht, wo er war“, so Schäckermann. Heute ist man sich sicher: Johannes Wendt starb 1945 in russischer Gefangenschaft.

Der Schutzengel war damals nicht an seiner Seite. Den hatte er bei seiner Heimkehr nach dem Ersten Weltkrieg mit nach Hause gebracht.

Studio-Ausstellung bis zum 1. März, Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Hansastr. 3, Dortmund, Nähe Bahnhof, Eintritt frei. 0231/50 26 028, mkk.dortmund.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben