Familie

Schwestern – größte Konkurrenten und eine Liebe fürs Leben

Sind die eigenen Kinder groß, rücken Schwestern oft wieder eng zusammen.

Sind die eigenen Kinder groß, rücken Schwestern oft wieder eng zusammen.

Essen.   Sie streiten sich, sie konkurrieren miteinander. Und doch sind sich Schwestern sehr nahe. Erst in der Kindheit und später mit zunehmendem Alter.

Aussuchen kann sie sich keiner. Wäre man nicht mit ihr verwandt, würde man sie vielleicht nicht mal zur Freundin haben. Und doch ist die Beziehung zur Schwester etwas ganz Besonderes. Sie beeinflusst Frauen mehr als sie es im Mädchenalter für möglich halten. Denn in der Kindheit ist die Schwester oft die größte Konkurrentin.

Meine zwei Jahre jüngere Schwester Barbara war ein entzückendes Baby . . . Sie war natürlich der Liebling aller. Wenn Leute zu Besuch kamen, brachten sie ihr schöne Dinge mit, und Heide und ich saßen wie die Deppen daneben. Also bildeten wir eine Allianz gegen Bärbel. Wir haben sie gequält, wo wir konnten.“ Dodo Steinhardt, Schwester von Heide Simonis, ehemalige Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein.

Jedes Kind wünscht sich die Aufmerksamkeit der Eltern. Erstgeborene bekommen sie ungeteilt. Bis auf einmal ein neues Geschwisterkind geboren ist. „Das wird dann auch als Thronsturz bezeichnet“, sagt Anja Steinbach, Professorin für Familiensoziologie an der Uni Duisburg-Essen. Auf einmal ist da eine Rivalin, mit der die Mutter kuschelt und die das Lachen des Vaters gewinnt.

Wie viele Geschwister zusammenleben, ob jemand als erstes, zweites oder drittes geboren wird, beeinflusst die Persönlichkeit (siehe Text rechts). „Die Geburtsordnung spielt eine ganz große Rolle“, sagt auch Steinbach. Allerdings wurden mittlerweile frühere Vermutungen verworfen, dass mittlere Schwestern, so genannte Sandwichkinder, besonders sozial oder Nesthäkchen sehr rebellisch sind. Vielmehr suchen sie sich alle eine noch nicht besetzte Nische in der Familie. Ist die Große laut und fordernd, wird die Kleine vielleicht ruhig und genügsam.

Natürlich ist die gemeinsame Kindheit nicht nur von Neid geprägt, sondern auch von Vertrautheit und Verständnis. Dann werden aus Konkurrentinnen Verbündete, die bei den Eltern durchsetzen, dass sie länger aufbleiben dürfen. Lachen und weinen, streiten und versöhnen – zwischen jungen Schwestern können die Gefühle stündlich wechseln. Steinbach: „Es ist auf jeden Fall eine sehr ambivalente Beziehung.“

Der Altersabstand spielt eine Rolle

Es gab nie Konkurrenz zwischen uns, denn als sie sprechen konnte, war ich schon in der Pubertät; sie war einfach kein adäquater Streitpartner.“ Susanne Riemann über ihre kleine Schwester, die Schauspielerin Katja Riemann.

Ist die Große viel älter als die Kleine, ist der Neid oft nicht mehr so stark. Allerdings: Liegen Geschwister vom Alter her nahe beieinander, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass sie sich auch besonders nahe fühlen. Der Altersabstand beeinflusst somit ebenfalls die Beziehung. Dabei fühlen sich Halbschwestern, die zum Beispiel je einen anderen Vater haben, ähnlich miteinander verbunden. „Da kommt es darauf an, ob sie in einem gemeinsamen Haushalt aufwachsen“, erklärt Steinbach.

Schwestern erziehen sich gegenseitig

Schon als Kleinkinder verbringen Geschwister oft mehr Zeit miteinander als mit der Mutter. Die Ältere wird so leicht zum Vorbild der Jüngeren. In ganz jungen Jahren lernt die jüngere Schwester von der älteren, indem sie ihre Gesten nachahmt, die gleichen Worte wählt. Wenn die große Schwester viel liest, dann wird auch die kleine wahrscheinlich neugierig auf Bücher sein. Geht die Große zum Gymnasium, dann ist das auch oft das Ziel der Kleinen.

Sie erziehen sich gegenseitig. Selbst Jahre später werden die Wünsche von der Schwester beeinflusst. Steinbach: „Es wurde nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass ein Mensch ein Kind bekommt, wenn auch das Geschwisterkind eine Familie gegründet hat.“

Frauen halten die Familie zusammen

Sie besuchten mich mit dem Baby – wie habe ich sie darum beneidet! . . . Diese Zweisamkeit, wie wir sie in der Schulzeit und während des Studiums hatten, dieses Duo infernale – das war damit natürlich vorbei. Wenn man eine eigene kleine Familie hat, konzentriert man sich erst einmal darauf.“ Bettina Tietjen, Fernsehmoderatorin.

Wenn sich Geschwister in der Kindheit gut verstehen, dann werden sie in der Regel auch als Erwachsene einen Draht zueinander haben. Das gilt natürlich auch für die Beziehung zwischen Brüdern. Nur pflegen Frauen in der Regel stärker ihre Beziehungen, schreiben Weihnachtskarten, kommen zum Geburtstag vorbei. Steinbach: „Frauen halten die Familie zusammen.“

Der Kontakt verläuft u-förmig

Dabei verläuft der Kontakt im Leben u-förmig: Denn nicht nur in der Kindheit stellt die Schwester eine der wichtigsten Personen dar, sondern ebenso im Alter. „Auch wenn Geschwister in der mittleren Lebensphase vielleicht ihr eigenes Leben gelebt haben und sie in der Zeit nicht so eng miteinander waren, im Alter, so zeigen Forschungsergebnisse, finden sie trotzdem oft wieder zueinander und unterstützen sich“, sagt Steinbach. Die 43-Jährige betont: „Es ist die längste Beziehung, die wir im Leben überhaupt haben.“ Selbst wenn die Frauen gute Freundinnen finden, die Verbindung zur Schwester bleibt etwas Besonderes.

„Meine Schwester ist meine Schwester und nicht meine Freundin. Ich kann nicht sagen, das eine ist besser als das andere; es ist einfach ein unterschiedliches Gefühl von Liebe.“ Schauspielerin Katja Riemann über ihre ältere Schwester Susanne Riemann.

Weiterlesen: Ute Karen Seggelke hat Frauen nach den Beziehungen zu ihren Schwestern befragt. Die tiefgründigen Erzählungen, aus denen wir in diesem Artikel zitiert haben, sind als Taschenbuch erschienen: Schwestern – 30 Porträts, Herder, 200 Seiten, 12 Euro

>> ERSTGEBORENE STUDIEREN MEDIZIN

Zuerst geborene Kinder studieren häufiger sehr angesehene Fächer wie Medizin oder Ingenieurwesen als ihre Geschwister. Die Jüngeren interessieren sich eher für Kunst, Journalismus oder Lehramt, so ein Ergebnis der Bevölkerungsforscher Kieron Barclay und Mikko Myrskylä vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Zusammen mit Martin Hällsten von der Uni Stockholm haben sie die Fächerwahl von 146 000 Studenten in Schweden untersucht.

Dass jüngere Geschwister oft weniger Geld verdienen als die zuerst geborenen Kinder, war bereits aus früheren Studien bekannt. Erstmals wurden jedoch laut dem Max-Planck-Institut Unterschiede bei den Vorlieben für bestimmte Studienfächer belegt.

Drittgeborene bevorzugen eher Kunst

Der Trend zu vermeintlich weniger lukrativen Studienfächern verstärkt sich mit jedem weiteren Kind: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein zweites Kind Kunst studiert, liegt um 27 Prozent höher als beim ersten Kind. Bei Drittgeborenen liegt sie sogar um 36 Prozent höher als bei der großen Schwester oder dem großen Bruder.

Dabei sind Schulnoten nicht ausschlaggebend. Jüngere Geschwister mit sehr guten Noten wählen trotzdem tendenziell eher andere Fächer als die Großen. „Die häusliche Umgebung scheint die Einstellungen und Vorlieben der Kinder jenseits der schulischen Begabung zu prägen“, sagt Barclay.

Die genauen Gründe für die unterschiedliche Wahl der Studienfächer wurden jedoch nicht untersucht. Liegt es an der großen Aufmerksamkeit der Eltern, die Erstgeborene anfangs erfahren? Oder trauen sich jüngere Geschwister ein Studium wie Medizin nicht zu? Möglicherweise stehen die älteren Geschwister auch unter einem höheren Druck, etwas „Anständiges“ zu studieren, unabhängig von ihren wahren Vorlieben. Oder ihnen ist Sicherheit wichtiger als Selbstverwirklichung.

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