Ernährung

Süße Weihnacht ohne Zucker: So geht Genuss trotz Verzicht

Gebackt wird bei Nicola Herrmann (51) zur Adventszeit ohne Ende - auch ohne Zucker.

Gebackt wird bei Nicola Herrmann (51) zur Adventszeit ohne Ende - auch ohne Zucker.

Foto: Bernd Thissen / FUNKE Foto Services

Velbert.  Nicola Herrmann aus Velbert verzichtet ganz auf Haushaltszucker – und hat Tipps, wie man sich trotzdem ein sündhaft leckeres Fest bereiten kann.

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Man würde eher Gold in der Ruhr finden als ein Körnchen weißen Zucker in Nicola Herrmanns Küche. Frisch gebackene Zimtsterne reihen sich bei der 51-Jährigen trotzdem auf dem Backblech – ihre leichte Süße stammt alleine vom Kokosblütenzucker. „Mit einer 250-Gramm Packung davon komme ich durchs Jahr“, sagt sie. Denn abseits der Adventsnaschereien haben selbst Alternativ-Süßungsmittel schlechte Karten bei der Velberterin.

Dabei war die Mutter von drei Mädchen (13, 16, 18) als Kind selbst ein „Süßigkeitsjunkie“, wie sie sagt. „Wenn Gemüse auf dem Teller war, habe ich es weggeschoben.“ Ständige Gewichtsprobleme brachten Nicola Herrmann dazu, sich mit bewusster Ernährung zu beschäftigten. 2008 machte die gelernte Hebamme eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin mit dem Schwerpunkt Säuglings- und Kinderernährung. Der Skandal um Millionen falsch deklarierte Bio-Eier 2013 tat sein Übriges – und Herrmann wurde Veganerin. 2017 sollte es dann dem Zucker an den Kragen gehen.

Positive Effekte durch den Verzicht auf Zucker

Was damals als ein 40-Tages-Experiment zur Fastenzeit gedacht war, wurde zügig zum Lebensstil. „Es ging mir ohne Zucker so unglaublich gut, ich war klarer, hatte mehr Energie“, erinnert sie sich. „Es sind Effekte, auf die ich bei der veganen Ernährung lange gewartet hatte.“ Also zog Nicola Herrmann es auch nach Ostern weiter durch. Und die erste Adventszeit? „In der habe ich mit den Freundinnen meiner Tochter ganz viel in der Küche experimentiert“, sagt sie. Die Zutaten: Nüsse, Datteln, Ingwer. Das Resultat: Rezepte für zuckerarme Plätzchen und Printen, die dem Weihnachtsmann seitdem jedes Jahr vor die Tür gestellt werden.

Zwei Jahre später dreht sich nun der Großteil ihres Tages darum, wie die inzwischen hauptberufliche Ernährungsberaterin andere von den Vorteilen einer zuckerfreien Ernährung überzeugen kann. „Ich will daraus aber keine Religion machen“, sagt sie. „Wenn man zu fanatisch ist, geht der Spaß verloren.“

Auch bei Kindern hält sie radikale Verbote für den falschen Weg. „Die Eltern sind oft diejenigen mit den Schranken im Kopf“. In der Schule sei sie öfter auf Widerstand gestoßen, etwa als sie den Umstieg auf einen gesünderen Essenslieferanten oder zuckerfreie Muffins für Schulfeste empfohlen hatte. „Kinder dagegen sind spielerisch ganz einfach zu begeistern.“

Spielerisch Süßigkeiten reduzieren

Bei ihren eigenen drei Töchtern etwa hat Nicola Herrmann all die Süßigkeiten, die die Kinder von netten Nachbarn oder Geburtstagen angesammelt hatten, zu Tauschware für Spielzeugpferde und Schwimmbadbesuche gemacht. „Jeder hatte ein großes Glas. Wenn das voll war mit Süßigkeiten, durften die Kinder sich etwas dafür aussuchen.“ Für ihre Mädchen sei das auch deswegen ein lohnenswertes Geschäft gewesen, weil „das süße Zeug“ für sie längst nichts mehr Besonderes war. „An jeder Ecke wird Kindern heute ja etwas angeboten, sie sind völlig übersättigt.“

Nicola Herrmann gibt zu, dass der Inhalt der Gläser dann auch mal im Müll landete. „Ich ärgere mich normalerweise schwarz, wenn ich Lebensmittel wegwerfen muss, aber für mich ist das, was fast nur aus Zucker besteht, kein wertvolles Lebensmittel.“

Herrmann erzählt vom Zucker-Ausstieg wie andere von ihrer letzten Zigarette. Die Parallelen: offensichtlich. Denn Zucker sei nicht nur wie eine Droge, er lähme auch den Geschmackssinn. „Man schmeckt viel intensiver, wenn man länger auf Zucker verzichtet“, ist sie überzeugt. Andere positive Effekte ließen sich deutlich bei den Kindern beobachten. Viel ausgeglichener seien sie, wenn sie kein Knuspermüsli oder Nutella-Brot zum Frühstück bekommen würden. „Eltern von kleinen Kindern, die sehr bewusst mit dem Thema umgehen, erzählen mir, dass ihre sonst so ruhigen Kinder wie verrückt um den Tisch laufen, wenn sie mal ein Glas Kakao trinken.“

Schnelle Tipps für Zuckerverzicht

Nur: Wäre es mit einem Bann von Schokolade getan, würde Nicola Herrmann ihre Haupteinkünfte heute sicher nicht mit Online-Seminaren über zuckerfreie Ernährung erzielen. Denn Zucker zu streichen, ist sogar für Nicht-Nascher kompliziert. „Selbst bei einem vermeintlich gesunden Arbeitstag – mit Brötchen vom Bäcker am Morgen, Salat mit Dressing in der Kantine – kommen wir schnell auf 80 Gramm Zucker pro Tag“, erklärt sie – also drei Mal mehr als die Weltgesundheitsorganisation pro Tag empfiehlt. „Zucker steckt fast in allen Fertigprodukten.“

Damit auch gestresste Eltern wieder mehr selber kochen und backen, hat Herrmann vor allem viele Minutenrezepte in ihren Kochbüchern gesammelt. Aber auch bei „normalen“ Rezepten könne man mit leichten Abänderungen einiges bewirken, ist sie überzeugt. „Man kann eigentlich direkt bei jedem Backrezept ein Drittel der Zuckermenge streichen. Es wird am Ende überhaupt nicht auffallen.“ Ansonsten: Haushaltszucker durch Alternativen austauschen – Agavensaft, Kokosblütenzucker, Dattelsirup. „Das hat alleine eine psychologische Wirkung. Weil der Zucker viel teurer ist, geht man damit auch sparsamer um.“

Und so gehen die zuckerfreien Zimtsterne (ca. 25 Stück): 1 EL gemahlene Leinsamen, 4 EL Wasser, 250 g gemahlene Mandeln, 50 g Kokosblütenzucker, 1 EL Zimt, abgeriebene Schale von einer Orange, walnussgroßes Stück Ingwer (fein gerieben), 2 TL Weinstein-Backpulver, 1/4 TL Salz

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