Von Krusty bis Pennywise

Von wegen komisch! Warum wir uns vor Clowns gruseln

Rote Kugelnase, fragwürdiger Hutgeschmack: So kennen wir den Clown von früher – trotzdem gruseln sich gerade Kinder vor ihm. Warum ist das so?

Rote Kugelnase, fragwürdiger Hutgeschmack: So kennen wir den Clown von früher – trotzdem gruseln sich gerade Kinder vor ihm. Warum ist das so?

Foto: FrenchFrouFrou

Nicht nur jetzt zur Karnevalszeit ist der Clown ein beliebter Zeitgenosse. Doch irgendetwas stimmt nicht mit ihm – eine kleine Kulturgeschichte.

Er kommt in unmöglicher Kleidung daher, die Schuhe zu groß, der Anzug zu weit und auf dem Kopf sitzt ein peinlicher Hut. Schließlich wird er auch noch frech, wenn sich seine Kunstblume im Revers als Wasserpistole entpuppt – und wir das Pech haben, in der ersten Reihe zu sitzen. Aber wir verzeihen ihm sofort, denn sein beißender Spott gilt doch immer sich selbst. Und wenn er wieder stolpert und auf seiner roten Schaumstoffnase landet, lachen wir auch, weil wir uns selbst in ihm wiedererkennen. „Der Clown ist ein Spiegel des Menschen insofern er uns das zeigen kann, was wir an uns nicht mögen, unser Scheitern, unser Unverständnis und unsere Begrenztheit“, schreibt der Freiburger Psychotherapeut Bernd Laserstein in einem Fachartikel. Der Clown biete dem Zuschauer „eine Versöhnung mit diesen ungeliebten Eigenschaften an“ und damit die „Möglichkeit, über uns selbst zu lachen“.

Der Clown tut niemandem weh. Im Gegenteil: Er sitzt sogar an unserem Bett, wenn es uns schlecht geht. Klinikclowns bringen Patienten zum Lachen, denen eigentlich kaum danach zumute sein kann. Und doch: Irgendwas ist seltsam an ihm. Nicht komisch, nein, einfach seltsam. Insbesondere Kinder erfüllt der Anblick des weiß geschminkten Antlitzes oft eher mit Unbehagen, wie eine Studie der englischen Universität Sheffield 2008 herausfand. Danach sollten 250 Probanden zwischen 4 und 16 Jahren die Dekoration einer Kinderstation bewerten, auf deren Fluren Wandbilder von Clownsfiguren hingen. Der häufigste Verbesserungsvorschlag war: Hängt die Clowns ab, die sind gruselig. Hätten die Dekorateure den Roman „Es“ von Stephen King gelesen oder eine der zahlreichen Verfilmungen gesehen, wären sie wohl gar nicht erst auf die Idee gekommen, eine Kinderstation mit Clowns zu dekorieren. Seit der kinderfressende Clown Pennywise zum ersten Mal durch einen Gullydeckel gelugt hat, sind die bunt geschminkten Spaßmacher so unbeliebt wie nie zuvor bei jugendlichem Publikum.

Ein gefeierter Bühnenkünstler wird zur Gruselfigur

Für die Angst vor Clowns erfanden Wissenschaftler sogar einen eigenen Begriff. Wen beim Anblick roter Nasen und aufgemalter Grinsemünder das kalte Grauen packt, der leidet demnach an „Coulrophobie“. Ob die dunklen Clownsfiguren, die ab den 1980er-Jahren immer häufiger in Filmen auftauchten, nun Ursache oder Wirkung dieses Phänomens sind, darüber lässt sich trefflich streiten. Sicher ist: Das Image des einstigen Spaßmachers wird seit vier Jahrzehnten kontinuierlich düsterer. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Clownsein ein geachteter Beruf und viele seiner Vertreter gefeierte Showstars. Die gespielte Tollpatschigkeit erfordert schließlich ein hohes Maß an Kunstfertigkeit, wie auch Denise May bestätigt, die in einem Schulungszentrum in Bergisch Gladbach Frauen zu Clowninnen ausbildet: „Man muss sich gut bewegen können, da man sich die meiste Zeit über nonverbal ausdrückt.“ Wichtig seien zudem psychische Stabilität und ein gewisses Maß an Lebenserfahrung.

Im Film der 1920er- und 1930er- Jahre war der Clown oft eine Figur voll tragischer Tiefe. So wie Charlie Chaplin im Film „Der Zirkus“: In der Komödie verliebt sich der unfreiwillige Clown unglücklich in eine Seiltänzerin – und opfert am Schluss sein eigenes Glück, damit es ihr gut geht. Weiter entfernt könnte das aktuelle Film-Image des Clowns kaum sein. Figuren wie das dreiradfahrende Monster Jigsaw aus der Horrorfilmreihe „Saw“ oder der „Joker“, für dessen Darstellung zuletzt der Schauspieler Joaquin Phoenix mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, gehören zu den jüngsten Beispielen dafür, wie ein Kinderstar zu einem Kinderschreck wurde. „Sein irres Lachen geht durch Mark und Bein“, schrieb ein Kritiker über den neuen Joker-Film. Nicht gerade das, was man sich für einen fröhlichen Zirkusnachmittag mit der Familie vorstellt.

Laut dem Bayreuther Medienwissenschaftler Matthias Christen, Mitautor des Essaybands „Über den Clown“, ist genau das das Problem. Christen zufolge tritt die Angst vor dem Clown nämlich dann auf, wenn wir ihm nicht an seinem gewohnten Ort – der Zirkusmanege – begegnen. „Innerhalb des Zirkus herrschen Regeln, die auch das ungewöhnliche Sozialverhalten des Clowns betreffen“, so Christen. Mit anderen Worten: Solange wir den Clown nicht unerwartet irgendwo treffen, darf er uns auch Wasser aus seiner Kunstblume ins Gesicht spritzen und wir lachen trotzdem darüber. Denn wir wissen: Er meint das nicht so. „Tritt der Clown als einzelne Figur auf, fällt diese ,Bändigung‘ seines irrationalen Verhaltens weg“, so Christen weiter. Im Grunde erscheine uns der Clown dann genauso gefährlich wie ein wildes Tier, das aus einem Zoo ausgebrochen ist.

Ab den 2010er-Jahren machten sich Kriminelle diese bis dahin eher diffuse Angst zunutze. In den USA und Europa wurden immer wieder als Gruselclowns verkleidete Personen in den Straßen gesichtet und das längst nicht nur an Halloween. Während einige von ihnen nur das Ziel hatten, Passanten zu erschrecken, kam es vereinzelt auch zu bewaffneten Raubüberfällen. Vor allem in Großbritannien und Schweden wurde im Jahr 2016 fast jede Nacht mindestens ein Mensch von einem solchen Horrorclown erschreckt oder bedroht. Inzwischen ist das Phänomen glücklicherweise wieder abgeebbt. Die Skepsis gegenüber Clowns hingegen blieb.

Hinter der Clownsmaske verbirgt sich ein Gesellschaftskritiker

Fragt man die Filmwissenschaftlerin Yvonne Augustin hat dies auch damit zu tun, dass der Clown sich nicht zu erkennen gibt. Was er wirklich denkt und fühlt, versteckt er hinter viel weißer und roter Schminke. In ihrer Dissertation hat sich Augustin damit beschäftigt, welche gesellschaftlichen Ängste diese Maskierung aufdeckt. Ihr zufolge hilft die Maske dem Clown, ungestraft Gesellschaftskritik zu üben. „Seit jeher entlarvt der Clown Missstände und beanstandet sie auf humorvolle und ungewöhnliche Weise“, schreibt die Wissenschaftlerin. Durch seine Maske könne der Clown außerdem die gewohnte Ordnung auf den Kopf stellen. So zum Beispiel im Film Hold-Up: Darin setzt ein Bankräuber nach dem Überfall dem gefesselten Bankdirektor die Clownsmaske auf, die er zuvor selbst getragen hat. So rüttelt der Film an den sozialen Verhältnissen, wie Augustin schreibt: „Ist es zunächst der Bankräuber, der aufgrund der Clownsmaske nicht als ernsthaft gefährlich eingestuft wird, ist es danach der Bankdirektor, welcher seiner Seriosität beraubt wird.“

Dass er sich nicht um die soziale Ordnung schert, macht den Clown zu einer Figur, die zu allem fähig scheint. Tatsächlich hat das lange zurückreichende historische Wurzeln: Der Clown ist ein Nachfahre des Hofnarrs, der lange Zeit ein gesellschaftliches Exklusivrecht auf Respektlosigkeit hatte. Im Mittelalter war der Narr der Einzige am königlichen Hof, der jeden seiner Gedanken offen aussprechen durfte – auch gegenüber dem Herrscher persönlich. Schon seine Kleidung nahm einen satirischen Bezug auf die königlichen Insignien: Die schellenverzierte Narrenkappe veralberte die Krone, oft trug er dazu ein buntes Zepter und, als womöglich wichtigstes Accessoire, den Narrenspiegel. Mit ihm hielt er dem König dessen allzu menschliche Schwächen vor Augen. Dadurch, dass der Narr mit am Hof lebte, kannte er viele private Gewohnheiten des Herrschers und hatte ihn durch sein Wissen und seine scharfe Zunge vor seinen Gefolgsleuten in der Hand.

Wir mögen düsterere Clowns – solange wir ihnen nicht allein begegnen

Der gemeine Zirkusclown wirkt dagegen fast harmlos. Durch sein unentwegtes Stolpern, Straucheln und seine allgemeine Tollpatschigkeit zeigt er zwar demonstrativ, dass er mit den Anforderungen unserer Gesellschaft überfordert ist. In Zeiten allgegenwärtiger Selbstoptimierung und Selbstinszenierung hat auch das etwas Subversives. Aber für wirkliche Gesellschaftskritik taugt er damit nicht mehr. Dafür brauchen wir womöglich die düstere Version des Clowns, gebrochene Filmcharaktere wie den Joker, deren irres Gekicher lange in unseren Ohren nachhallt – solche also, denen wir im wahren Leben niemals außerhalb eines Zirkus begegnen möchten.

Der Zyniker

Hinter der lustigen Maske verbergen sich allzu oft unglückliche Gestalten. So auch bei Krusty der Clown: Der zynische, vom Leben gezeichnete Medienzirkus-Profi aus dem Simpsons-Universum ist der Archetyp des lieblosen Witzboldes, der jede Werbeeinblendung nutzt, um sich eine Zigarette anzuzünden. Es ist kein Geheimnis, dass Krusty sein Kinderpublikum verachtet. Doch letztlich sehnt sich Herschel Shmoikel Pinchas Yerucham Krustofsky – so der volle Name des Mannes hinter der Maske – lediglich nach der Anerkennung seines Vater. Der ist Rabbi und hält nicht viel vom Clownsberuf. Ein wahrlich tragisches Schicksal.

Der Kinderfänger

„Willst du einen roten Luftballon?“, ist eine Frage, die man lieber mit Nein beantwortet, wenn man einem Clown mit roter Struwwelmähne und spitzen Fangzähnen in einem Kostüm aus dem 18. Jahrhundert gegenübersteht. Der Clown Pennywise aus Stephen Kings Horror-Roman „Es“ steht für alle nur erdenklichen Kinderängste. Von der Kanalisation der US-Kleinstadt Derry aus sucht er sich seine jungen Opfer und terrorisiert sie mit den Dingen, vor denen sie sich am meisten fürchten. Etwas Gutes hat der von Tim Curry und Bill Skarsgård auf die Leinwand gebrachte Charakter allerdings: Das personifizierte Böse wütet nur jeweils 18 Monate am Stück. Danach bleibt es rund 27 Jahre verschwunden.

Der Soziopath

Jack Nicholson, Heath Ledger oder Joaquin Phoenix? Wenn es um den passendsten Darsteller des Jokers geht, spaltet sich die Fanmeinung. Der fieseste Antagonist der Batman-Saga fasziniert die Comic-Enthusiasten bereits seit 1940, als er sich dem Milliardär mit Schwäche für Fledermausverkleidung erstmals in den Weg stellte. Seitdem entstanden zahlreiche Mythen, was den sadistischen Witzemacher zu solch einem Soziopathen hat werden lassen. Eine einheitliche Theorie gibt es bislang nicht und vielleicht ist es gerade diese Ambivalenz des Charakters, die ihn bei seinen Fans so beliebt macht. Über eines allerdings sind sich fast alle einig: Jared Leto muss ihn nicht noch mal spielen.

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