Eine Foto-Sozialstudie

Was der erste Virus-Lockdown im Frühjahr mit uns gemacht hat

Bärbel Wagner begrüßt Anton, der in der Notbetreuung der Essener Kindertagesstätte Vogelnest seinen Tag verbringt. Als er die Leiterin durch die Scheibe entdeckt, ruft er ihr zu: "Deine Bluse sieht aus wie Corona.“

Bärbel Wagner begrüßt Anton, der in der Notbetreuung der Essener Kindertagesstätte Vogelnest seinen Tag verbringt. Als er die Leiterin durch die Scheibe entdeckt, ruft er ihr zu: "Deine Bluse sieht aus wie Corona.“

Foto: Andreas Teichmann Fotografie / ©Andreas Teichmann Fotografie

Essen.  Bleibt der Mensch ein soziales Wesen? Dieser Frage ging Fotojournalist Andreas Teichmann aus Essen beim ersten Corona-Lockdown im Frühjahr nach.

Die Hand an der Scheibe und das Kind dahinter: Kita-Alltag im Corona-Frühjahr 2020. Als Anton, hier in der Notbetreuung, die Leiterin in ihrem gesprenkelt-geblümten Oberteil sieht, begrüßt er sie durchs gekippte Fenster: „Hallo Bärbel, deine Bluse sieht aus wie Corona!“ Das ist natürlich ein Lacher, ein echter Kracher . Wenn die Komik die Tragik bricht, wie es nur in Krisenzeiten entstehen kann. Eben eine „besonders schöne Situation“, drückt es Andreas Teichmann aus, der diesen winzigen Moment so gerade noch mit der Kamera eingefangen hat – zu betrachten auf der Titelseite unserer heutigen Ausgabe.

Der freiberufliche Fotograf ist das Auge des Lockdowns. Als im Frühjahr das erste Mal die Rollos runtergingen in Schulen, Altenheimen und aber auch im Privaten, war der 50-Jährige noch nicht sofort elektrisiert für seine visuelle Sozialstudie, die uns rückblickend und fürderhin vielleicht ein unwiederbringliches Zeugnis jener Zeit liefern dürfte, sondern er war zunächst einmal: selbst betroffen.

Leere Regale nur Symptome der Situation

Teichmann: „Mit Beginn der Ausgangsbeschränkungen begrenzte sich auch mein soziales Leben auf unser Zuhause. Ich kann mich kaum erinnern, so viel Zeit am Stück zusammen mit meiner Familie an diesem einen Ort verbracht zu haben. Das verändert die Wahrnehmung.“ So holten die Teichmanns erstmal den Ältesten, der schon eine eigene Bude hat, zu sich heim und waren sechs. „Es war ja eine komplett neue Situation und niemand wusste, wie lange sie anhalten würde.“

Nach der persönlichen Schockstarre musste er sich auch beruflich neu orientieren. Einerseits blieben für den Freiberufler mangels öffentlichem Leben die Aufträge weg, und außerdem boten sich als Motive nun vermeintlich nur die schnell sattsam bekannten an von leeren Klopapierregalen und einem verwaisten Kennedy-Platz in der City. „Doch das waren ja nur die Symptome der aktuellen Lage“, begriff er – und dachte vielmehr nach, wie sich die Leute in dieser neuen Realität verhalten und ob es sie verändert. „Was passiert bei Alleinerziehenden? Was bei Älteren? Geburtstag, Hochzeit, Tod – das ganze Leben war ja betroffen.“ Kurzum, und dies wurde Leitthema seines eigenen Arbeitsauftrags: Bleibt der Mensch ein soziales Wesen?

Über das private Netzwerk gelang es Andreas Teichmann, Menschen zum Mitmachen zu motivieren. Beziehungsweise besser: ihn teilhaben zu lassen an ihrem Alltag. Dann wollten natürlich auch die Protagonisten gewonnen werden, was nicht einfach war in extremen Einzelfällen wie den sonst hermetisch abgeschirmten Klinik-Korridoren. Versuchen Sie mal, mit Maske Vertrauen zu gewinnen… Und dennoch: „Diese Personen nehmen dich auf in ihr intimstes Innerstes, das hat mir Einblick in fantastische Welten geöffnet. In Lebenswirklichkeiten, die man sonst einfach nicht wahrnimmt.“

Beispiel Beerdigung: Eine russisch-stämmige Familie suchte jemanden, der das Begräbnis dokumentiert für die vielen Verwandten, die wegen der Pandemie in Moskau bleiben mussten. Der Bestatter hat das vermittelt. „Es war sehr anrührend und hat mich auch sehr mitgenommen“, berichtet Teichmann, „weil die Anteilnahme so groß war, obwohl nur wenige anwesend waren. Dass die anderen durch meine Bilder auch ein bisschen dabei sein konnten, das fand ich nur fair.“ Überhaupt haben alle, die Teichmann porträtiert hat, nachher auch die Fotos bekommen, betont er. Oder die 93-jährige Dame, erinnert er sich, deren Lebensinhalt es geworden war, jeden Tag ihren Mann zu besuchen, immer von 11 bis 15 Uhr. Das ging nicht mehr, als auch das Heim den Lockdown verhängte. „Sie war völlig verzweifelt.“ Wie solche Schicksale weitergehen, würde er schon gerne wissen, denkt Teichmann bereits an eine Fortsetzung.

Überhaupt habe er bereits als junger Fotograf das größte Interesse gehabt an Projekten, die einen Wert über den Tag hinaus besitzen – so begleitete er den Papstbesuch 1987 und die Mauereröffnung 1989 in dem Bewusstsein der historischen Dimension.

Die entsprechenden Erkenntnisse aus der aktuellen Serie hat der Fotodokumentarist, der über das Schwarzweiß der Aufnahmen die Intensität der Augenblicke des zwischenmenschlichen Seins wirken lassen möchte, für sich gezogen: „Es geht allen so“, verweist Teichmann auf das Virus als großen Gleichmacher. Was auch Mut machen solle, denn er hat es ja erlebt, dass „jeder das Beste draus macht, mit seinen Mitteln“. Daraus speist sich auch sein Fazit nach rund 20 Begegnungen: „Es sind kurze Momente, die die emotionale Bandbreite von Beziehungen skizzieren. Der Mensch bleibt ein soziales Wesen!“

Und was ihn ausmacht, den Menschen, sei die Empathie. Teichmann erwartet sogar eine neue Freundlichkeit, wenn das da draußen endlich alles vorbei ist und der Alltag wieder stattfindet. Dass man etwas wieder mehr zu schätzen weiß, wie es eben nur der Fall ist, wenn man die Einschränkung gemeinsam erfahren hat. „Das ist vergleichbar mit dem Geschmackserlebnis nach dem Fasten. Der Moment, in dem man in den Apfel beißt und erstmal merkt, wie lecker er eigentlich ist.“

Das Digitale ersetzt nie körperliche Nähe

So auch bei den Erziehern. „Erst wenn die Kitas schließen, merken manche, wie wichtig dieser Beruf ist und wie schwierig es ist, selbst eine Betreuung zu organisieren.“ Dass man dann gern schnell wieder in altgediente Handlungs- und Denkmuster verfällt, wie zu beobachten war mit dem verpufften Applaus für Pflegekräfte oder Kassiererinnen, sei eine andere Frage. Seine Hoffnung: „Vielleicht setzt es sich ja doch für eine nachhaltigere Wirkung im kollektiven Unterbewusstsein fest.“

Das Digitale jedenfalls sei gut, um im Kontakt zu bleiben. „Das Physische kann es aber niemals ersetzen, die körperliche Nähe.“ Drum dürfe man auch eigentlich nicht von Social Distancing sprechen, denn man bleibt ja alternativ etwa übers Internet verbunden, sondern von Physical Distancing, der körperlichen Distanz. „Wir brauchen einander. Alleine gehst du unter, deswegen ist Einzelhaft, ist Isolation die Hölle. Wenn wir wieder zusammen feiern können, werden wir uns doppelt freuen – wie beim Apfel nach dem Fasten.“

Übrigens hat Andreas Teichmann nicht nur Bilder gemacht. Er hat auch eins bekommen, selbst gemalt. Von einem Mädchen aus dem Kindergarten und den Worten „Hier, für dich!“, mit einem Virus und einem Regenbogen darauf. Und wenn man so will, auch einem Fingerzeig auf die aktuell anhaltende Pandemie-Phase: Für die Hoffnung gibt es keinen Lockdown.

Über den Fotografen

Andreas Teichmann (50) , der mit seiner Familie in Essen lebt, hat an der Folkwang-Universität der Künste studiert und in über 25 Jahren als freier Fotograf für Magazine wie GEO, Stern und Spiegel gearbeitet. Eine Reportage fürs Zeit-Magazin, zu der Teichmann in Langzeit-Dokumentation (zwei Jahre) die Bilder beisteuerte, wurde mit dem renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet: „Dann eben im Sitzen“ über einen Rollstuhlfahrer. Weitere Auszeichnungen: World Press Master Class, Stiftung Kulturwerk Bild-Kunst, Red Dot Award. Für sein Projekt 50days.de wanderte er zweimal mit der Kamera 50 Tage durch Deutschland. Die hier vorgestellte Serie „Der Mensch bleibt ein soziales Wesen“ aus dem Lockdown möchte Andreas Teichmann als Ausstellung und Buch veröffentlichen. Kontakt: andreasteichmann.de

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