Kfz-Industrie

Fünf Jahre nach Opel: Was vom Auto-Land NRW übrigblieb

Die Werkshallen sind abgerissen worden, aber das Verwaltungsgebäude mit dem charakteristischen „Halbturm“ über der gläsernen Eingangshalle wurde neu genutzt. Statt Opel steht auf dem Dach der Schriftzug „How Love Could Be“.

Die Werkshallen sind abgerissen worden, aber das Verwaltungsgebäude mit dem charakteristischen „Halbturm“ über der gläsernen Eingangshalle wurde neu genutzt. Statt Opel steht auf dem Dach der Schriftzug „How Love Could Be“.

Foto: Sabine Hahnefeld

  Überholspur oder Standstreifen? Vollgas oder ausgebremst? Krisen und Chancen einer einst so stolzen Kfz-Industrie fünf Jahre nach dem Opel-Aus.

Nach dem letzten Opel, der am 5. Dezember 2014 im abgewickelten Bochumer Werk vom Band lief, schien der Automobilstandort Nordrhein-Westfalen für viele in der Öffentlichkeit so gut wie gestorben – was natürlich gar nicht den Tatsachen entsprach. Doch mit der neuen Elektrowagen-Produktion von Ego Mobile und Streetscooter in Aachen erscheint NRW wieder auf der Auto-Landkarte. Eine Bestandsaufnahme ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Auch nach dem traurigen Aus für Opel – 52 Jahre lang wurde hier im Revier alles vom Kadett über den Manta bis hin zu Astra und Zafira zusammengeschraubt – hielt lediglich Ford die Fahne als Massen-Autobauer hoch. Köln ist eine der ältesten Autobaustädte in Deutschland. Seit 1931 werden im Stadtteil Niehl Fords fabriziert, aktuell der Fiesta. In Düsseldorf fertigt Mercedes seit 1962 Nutzfahrzeuge wie den Sprinter, und das mit zurzeit über 6500 Mitarbeitern.

Erst belächelt, dann bestaunt, jetzt ein Teil des Straßenbildes: Der Streetscooter wird von der Post selbst in Aachen und Düren gebaut. Die Wurzeln des elektrischen Lieferwagens liegen wie auch beim Elektroflitzer Ego Life, in der ersten 5G-gesteuerten Fabrik der Welt. Wenn alles gut geht, werden in und um Aachen in wenigen Jahren E-Autos in sechsstelliger Zahl gebaut.

Wenn nicht alles gut geht, dann droht Ego Mobile das Schicksal vieler Kleinserienhersteller. Erst hatten sie kein Glück, dann kam auch noch Pech dazu: In Delbrück scheiterte das schöne Sporwagenprojekt Artega vom innovativen Zulieferer Paragon an der Post-Lehman-Finanzkrise. Mehr an sich selbst als an der Finanzkrise scheiterte in Dülmen Wiesmann trotz eines wunderschönen Retro- Roadster mit moderner BMW-Technik, und das nach langen Jahren des Erfolgs. Auch ein ganz großer Kleiner aus NRW, Karmann, konnte sich in Zeiten der Globalisierung nicht mehr halten. Wenigstens übernahm Volkswagen die Reste in Osnabrück.

Kein Fahrzeugbau ohne Zulieferer, und da fährt NRW in der ersten Reihe. Im Sauer-, Sieger- und Bergischen Land sind viele Zulieferer aus der klassischen Metallverarbeitung hervorgegangen. An Schlössern wurde beispielsweise in Velbert schon immer gefeilt. Daraus entwickelten sich Hidden Champions für Schließsysteme auf Rädern. Hunderte Millionen Kraftfahrzeuge weltweit bekämen ohne Hülstenberg und Fürst, Witte und Kiekert die Tür nicht zu. Kat-Spezialist HJS aus Minden entwickelt in Witten beheizte Diesel-Kats, mit denen aus Stinkern Saubermänner werden können.

Ihre Namen kennt man meist nur vor Ort oder unter Insidern. Dabei erzielen Zulieferer wie Kirchhoff aus Iserlohn Milliarden-Umsätze und beschäftigen oft weltweit Mitarbeiter in fünfstelliger Zahl. In Kirchhundem hat Mennekes seinen Sitz, bekannt für seinen sogenannten Typ2-Stecker zum Laden von Elektroautos, inzwischen ein Standard in der EU. Kostal in Lüdenscheid ist auf Sensoren spezialisiert. Mubea (Muhr und Bender) aus Attendorn baute 1916 seine erste Feder.

Seltener sind Zulieferer dank ihrer Markennamen bekannt wie Licht-Spezialist Hella aus Lippstadt oder Otto Fuchs aus Meinerzhagen mit seiner berühmten Fuchs-Felge für den Porsche 911. Mahle-Kolben aus Plettenberg sind ein Begriff für Premium-Qualität im Motorenbau. Fahrwerkskomponenten aus Ennepetal von Eibach, Borbet und Bilstein werden auch nicht gerade unter der Ladentheke gehandelt.

Auch daran denkt man beim Automobilstandort NRW nicht zuerst: Die beiden am meisten zitierten Branchenexperten kommen von hier. „Autopapst“ war Ferdinand Dudenhöffer bereits an der Fachhochschule Gelsenkirchen. An der Universität Duisburg Essen leitet er das CAR Institut. Stephan Bratzel leitet an der Fachhochschule Bergisch-Gladbach das ähnlich klingende Center of Automotive Management. Ansonsten verbindet die beiden Konkurrenten freilich nichts.

Auch wenn die fetten Jahre vorbei sind: In den IAA-freien geraden Jahren ist die Essener Motor-Show Anfang Dezember die größte Automobil-Ausstellung in Deutschland. Tuning ist ein Schwerpunkt in Essen – bei Brabus in Bottrop, dem größten werksunabhängigen Mercedes-Tuner weltweit, sowieso. Tempo 330 auf der A31, das war für den 2018 verstorbenen Gründer Bodo Buschmann kein Problem, auch kein persönliches. Am anderen Ende des Reviers bricht 9ff am Dortmunder Flughafen Rekorde. Zwischenzeitlich war ein modifizierter Porsche 911 von 9ff- Gründer Jan Fatthauer das schnellste straßenzugelassene Fahrzeug der Welt: offiziell gemessene 409 km/h, inoffiziell 437 km/h.

Von Opel blieb ein „Adieu“

Im Frühjahr geht sowieso kein Weg an Essen vorbei, denn die Techno Classica ist die bedeutendste Messe für Oldtimer und Klassiker überhaupt. Essen darf sich zusätzlich rühmen, seit einem Jahr im Stadtteil Kettwig an der Ruhr das einzige Classic Centre von Jaguar auf dem europäischen Kontinent zu beherbergen. Wem das Lenkwerk in Bielefeld zu weit ist: Eintritt frei und eine kleine Reise Wert sind auch die großen Oldtimerzentren Classic Remise in Düsseldorf und die 2018 eröffnete Motorworld auf dem alten Kölner Flughafen Butzweiler inklusive Michael Schumachers privater Rennsport-Sammlung.

Zum Schluss zurück nach Bochum. Die Fahrzeugwerke Lueg kümmern sich hier seit 1868 um alles, was mit Vor- oder Nachnamen Wagen heißt, bauen immer noch auch Spezial-Nutzfahrzeuge und gehören mit über 25.000 Stück deutschlandweit zu den großen Pkw-Verkäufern. Von der Opel-Produktion im Revier übrig blieb nur der Sitze-Hersteller Johnson Controls, der inzwischen unter dem Namen Adient firmiert, was nur zufällig an Adieu erinnert, aber trotzdem passt.

DIESER ARTIKEL STAMMT AUS DER SERIE „DOSSIER NRW“ DER DIGITALEN SONNTAGSZEITUNG DER FUNKE MEDIENGRUPPE

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DIE STANDORTE IM LAND

1. Köln: Ford Werke , Motorworld

2. Aachen: Ego Mobile , Streetscooter

3. Düren: Streetscooter

4. Bottrop: Brabus

5. Dortmund: 9ff

6. Essen: Motor-Show Essen, Beilharz Nutzfahrzeuge (Spezialaufbauten wie Gefängnisbusse), Jaguar Classic Centre

7. Duisburg: CAR Institut der Universität Duisburg Essen, Thyssenkrupp Steel (Karosseriebleche)

8. Düsseldorf: Classic Remise , Mercedes Nutzfahrzeug-Werk

9. Witten: HJS (Twintec)

10. Minden: HJS

11. Bochum: Fahrzeugwerke Lueg, Adient

12. Solingen: Adient

13. Lippstadt: Hella

14. Hamm: Hella

15. Kirchhundem: Mennekes

16. Iserlohn: Kirchhoff Automotive

17. Velbert: Huf Group , Witte

18. Heiligenhaus: Kiekert

19. Lüdenscheid: Kostal

20. Attendorn: Muhr und Bender

21. Plettenberg: Mahle

22. Meinerzhagen: Otto Fuchs

23. Ennepetal: Eibach , Borbet und TK Bilstein

24. Delbrück: Paragon

25. Bergisch Gladbach: Center of Automotive Management

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