Orientierungssinn

Ziel erreicht: Wie wir uns auch ohne Navi orientieren

Mit einer Karte bekommt man auch heute noch einen guten Gesamtüberblick

Mit einer Karte bekommt man auch heute noch einen guten Gesamtüberblick

Foto: deimagine

Bochum.   Fällt das Navi aus, sind wir heute oft aufgeschmissen. Dabei hilft uns der Orientierungssinn. Der kennt nicht nur einen Weg zum Bestimmungsort.

Früher ist man bereits mit dem Finger die Strecke auf einer Karte abgefahren, bevor man sich ins Auto gesetzt hat. Heute vertrauen die meisten Menschen aufs Navi. Aber auch ohne Hilfsmittel sind wir oft in der Lage, uns zurechtzufinden. Dabei unterstützt uns unser Orientierungssinn.

Das ist natürlich kein Sinn im eigentlichen Sinne, vielmehr ein Zusammenspiel aus verschiedenen Fähigkeiten. „Dabei ist der visuelle Sinn zentral“, sagt Nikolai Axmacher, Neuropsychologe an der Ruhr-Uni Bochum. Wir speichern ein Bild vom Bäcker, an dem wir rechts ab müssen, von der großen Eiche, an der wir links gehen.

Neben dem Auge hilft uns auch das Gleichgewichtsorgan: Da ging es bergauf, dort bergab. Ebenso liefert uns das Gehirn eine Bewegungs-Rückmeldung: „Wenn man nachts in einem Hotelzimmer aufsteht und zur Tür gehen möchte, ohne dass man irgendetwas sehen kann, dann kann man trotzdem abschätzen, wie weit es ungefähr bis zur Tür ist“, erklärt Axmacher dieses Können.

Dabei gibt es verschiedene Arten der Navigation. Die einfachste ist, etwa an einem Ferienort, sich eine Strecke anhand von Gebäuden oder Dingen zu merken, die besonders ins Auge fallen: eine grelle Reklametafel, ein schönes Fachwerkhaus. Wer die Route das erste Mal abläuft, sollte einen Blick zurückwerfen, um für den Rückweg gewappnet zu sein: Wie sieht die Reklametafel von der anderen Seite aus?

Weicht man einmal von der Route ab, ist man aufgeschmissen

„Das Problem ist, wenn man einmal von der Route abgewichen ist, dann ist man verloren“, so der 43-Jährige. Herausfordernder, dafür aber zielführender ist es, wenn man sich quasi eine Karte im Kopf malt und sich so einen Überblick verschafft: Da drüben ist der Kirchturm, dahinten die Oper, also müssen wir jetzt rechts. „Mit der inneren Karte kann man dann auch Abkürzungen wählen.“ Also lohnt es sich, von eingetretenen Pfaden abzuweichen – und neue Wege zu erkunden.

Das Navi funktioniert wie die erste Strategie, einen Überblick verschafft man sich eher mit einer richtigen Karte. Verkümmert daher unser Orientierungssinn, wenn wir uns nur noch vom Navi führen lassen? Soweit würde der Forscher nicht gehen, aber das Navigieren sei trotzdem eine Trainingssache. Wer innere Karten öfter abruft, findet sich auch besser zurecht. Das gelte für gedankliche Stadtkarten genauso wie etwa für U-Bahn-Pläne.

Männer können sich mit Karte besser orientieren, aber nicht alle

Trotz des Trainings fällt es nicht allen Menschen gleich leicht, ohne Hilfsmittel den eigenen Standpunkt zu bestimmen. „Gerade mit der Karten-basierten Navigation scheinen Männer besser zurechtzukommen als Frauen“, so Axmacher. Wobei er schmunzelnd hinzufügt, dass es da durchaus individuelle Unterschiede gebe. „Meine Frau kann das besser als ich.“

In unserem Gehirn gibt es also eine Art GPS-System. Aber wie funktioniert es genau? Dazu forscht Axmacher zusammen mit Kollegen anderer Unis. Gerade haben sie eine Studie abgeschlossen, die bestimmten Hirnwellen eine entscheidende Rolle beim Navigieren zuschreibt.

Das Gehirn funktioniert wie ein GPS-System

Dafür haben sie mit Epilepsie-Patienten zusammengearbeitet, die bereits im Gehirn Elektroden implantiert hatten und auf eine Operation warteten. Das wird bei einem kleineren Teil der Patienten gemacht, bei denen Medikamente nicht anschlagen. So können Neurochirurgen die Regionen ausmachen, die für die Anfälle verantwortlich sind, und diese entfernen. Einige der Patienten waren bereit, sich an einem Laptop in eine virtuelle Landschaft zu begeben und sich zu merken, an welchen Orten etwa eine Aktentasche oder ein Globus zu finden sind.

Später haben die Wissenschaftler ihnen Bilder von den Objekten gezeigt und die Probanden sind am Bildschirm zu dem Ort „zurückgegangen“, an dem sie zuvor etwa die Aktentasche gefunden hatten. Während dieser Zeit wurden dabei über die Elektroden die Aktivitäten im Gehirn beobachtet. Die Forscher erkannten dort je nach Objekt ein anderes Aktivitätsmuster. Ebenso beim Abrufen dieser Info: Wo lag die Aktentasche? Wo der Globus? Dabei überprüften sie die Hirnwellen und entdeckten dort ebenfalls Unterschiede je nach Navigations-Fähigkeit der Probanden. Sie gehen nun davon aus, dass die Hirnwellen helfen, die Erinnerungen auseinanderzuhalten.

Spannend sind solche Erkenntnisse für die Medizin. „Bei Alzheimer-Patienten ist die räumliche Navigation beeinträchtigt“, so Axmacher. Der Hippocampus, der auch für das Gedächtnis zuständig sei, ist dann geschädigt. Die Forscher hoffen, dass es eines Tages gelingt, etwa durch Hirnstimulation, diesen Menschen zu helfen.

Plötzlich blind: Wie eine Frau sich auch ohne Augenlicht zurechtfindet.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben