Für die meisten Fußballspieler vergangener Epochen war es ein Folterinstrument, aber Paul Baron hat es geliebt. „Sein wichtigster Trainingsinhalt war das Kopfballpendel. Er war ja nicht der Größte, hat aber dort das Timing zum Köpfen gelernt“, erinnert Sohn Holger.

„Goldköpfchen“ war der Spitzname des langjährigen Stürmers aus den glorreichsten Zeiten des VfB Bottrop, das Kopfballspiel seine hervorragendste Qualität. 

VfB Bottrop: Vereinslegende Paul Baron war Torjäger in der einzigen Zweitliga-Saison des Vereins

Auch als die Demenz des im Juni kurz nach seinem 88. Geburtstag verstorbenen Paul Baron fortschritt, war die Ausführung der Kopfstöße immer noch ein Thema, das er gerne aufgriff, wenn zu Hause Fußball geschaut wurde. Vor allem eins ärgerte ihn an modernen Profis. „Vorm Fernseher hat er immer geschimpft: ‚Warum macht er denn die Augen zu?!‘“, erzählt Enkel Timo.

Paul Baron, Sturmlegende beim VfB Bottrop, war Teil der Mannschaft, die bis heute die größten Erfolge der Vereinsgeschichte feierte. Im Juni diesen Jahres verstarb er im Alter von 88 Jahren.
Paul Baron, Sturmlegende beim VfB Bottrop, war Teil der Mannschaft, die bis heute die größten Erfolge der Vereinsgeschichte feierte.© Privat | Privat

Mit seinen Kopfbällen, und mehr, machte Baron den VfB Bottrop 1963 zum Meister der zweiten Liga West. Das Team stieg nur deshalb nicht in die Erstklassigkeit auf, da die 1. Bundesliga eingeführt wurde, so war Baron Teil des Teams in der ersten Regionalligasaison 1963/64, als die Bottroper auf demselben Niveau agierten wie Borussia Mönchengladbach oder Bayern München (in der Südgruppe). In dieser und zwei weiteren Regionalliga-Spielzeiten (65/66 und 67/68) kam Baron auf insgesamt 75 Spiele und 27 Treffer.

„Paul war ein enorm guter Fußballspieler“, erinnert sich der damalige Mitspieler Fred Bockholt, der fünf Jahre später geboren wurde. „Auf ihn war immer hundertprozentig Verlass. Prägnant war nicht die Technik, aber sein Torriecher.“ Ein eigener Laufstil zeichnete den Angreifer ebendso aus. Bockholt: „Ein wenig wie ‚Ente‘ Lippens, auch ein Wackelgang, aber anders. Ein Supertyp.“

Paul Baron (✝ 88): Wie er vom Straßenfußballer zu einem der Besten in Bottrop wurde

Mit neun fand der Straßenfußballer aus Bottrop-Eigen, der zuletzt im Fuhlenbrock lebte, seinen Weg zu den Schwarz-Weißen. „Ich hatte Glück und konnte mich bald durchsetzen,“ erzählte Baron zu seinem 75. Geburtstag 2013 in der WAZ.

Paul Baron, 4. von rechts, im Kreise seiner Mannschaftskameraden vom VfB Bottrop.
Paul Baron, 4. von rechts, im Kreise seiner Mannschaftskameraden vom VfB Bottrop.© Privat | Privat

Nachdem der etatmäßige VfB-Mittelstürmer Eckhard bei einem Badeunfall im Rhein-Herne-Kanal ums Leben gekommen war, wurde das „Goldköpfchen“ Mittelstürmer der Ersten unter Trainer Willi („Fischken“) Multhaup, stürmte dort von 1957 bis 1974. „Paul war ein reiner VfB-ler, hat ja ewig dort gespielt“, sagt Fred Bockholt.

Angebote gab es von Borussia Dortmund, vom VfL Bochum, Mainz 05 oder Kickers Pforzheim, doch der Bottroper blieb stets hier. „Es war schwierig herauszufinden, was er wirklich gedacht hat und warum er nicht gewechselt ist“, sagt Sohn Holger Baron. Er schließt nicht aus, dass der Vater das manchmal bereut hat. „Er sagte, wenn er sich in der Fremde verletzt hätte, sitze er ohne Arbeit irgendwo, wo er nicht weiß, was er machen könne.“

Angebote vom BVB, VfL Bochum, Mainz 05 – doch Bottrop war Barons Lebensmittelpunkt

Etwas komplett Neues anfangen mochte der Angreifer nicht, der bei der Stadt Bottrop zunächst im Katasteramt, dann als Hausmeister der Renzhalle arbeitete. „Für die vielen Waldläufer, die er kannte, hat er morgens schon extra die Duschen aufgeschlossen“, erzählt Holger Baron.

„Torjäger Baron auf der Pirsch.“ Die Karikatur stammt aus den Hochzeiten des VfB Bottrops Mitte der 1960er Jahre.
„Torjäger Baron auf der Pirsch.“ Die Karikatur stammt aus den Hochzeiten des VfB Bottrops Mitte der 1960er Jahre.© Privat | Privat

Eine „Engelsgeduld“ habe den beliebten Torjäger ausgezeichnet, er habe sich nie aus der Ruhe bringen lassen und sich selten gestritten. Enkel Timo erwähnt: „Ich kann mich nicht einmal erinnern, wo er über jemanden hergezogen ist. Und er sagte immer, man müsse dankbar sein.“

Gegenspieler Barons waren Rudi Assauer (Herten/BVB) und Horst-Dieter Höttges (Mönchengladbach), in die Niederrhein-Auswahl und die deutsche Amateur-Nationalmannschaft brachten ihn seine Leistungen, auch war der Bottroper in seiner langen Fußballkarriere nie ernsthaft verletzt. Er habe seine Gegner immer studiert und die WAZ zitiert ihn 2013: „Ich habe meine Angriffe über das sogenannte ‚Kakaobein‘ meines Gegenübers eingeleitet. Das war mein Erfolgsrezept.“

Es hing immer an der Garderobe: VfB Bottrop Legende wurde in seinem alten Trikot beerdigt

Das schwächere Bein aus Kakao – eine gelungene, heute nicht mehr extrem gebräuchliche Formulierung. Seine Karriere begleitete ein weißer Ford Taunus 15 M, mit dem der VfB-Star vor der Apotheke neben dem beliebten Jugendtreff am Pferdemarkt parkte. „Hinten in der Scheibe war eine Schmuckgirlande“, weiß Fred Bockholt noch. „Wir haben den Wagen bewundert, den ich nie dreckig gesehen habe.“

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Als „ganz ruhigen Vertreter“ beschreibt Bockholt den ehemaligen Teamkollegen. „Paul war einer, der nur ja und nein gesagt und selten mitdiskutiert hat.“ Sohn Holger Baron schildert ihn ebenfalls als „allgemein zurückhaltend. Nur bei Feiern hat er immer gerne ein Lied geschmettert.“

Paul Baron verstarb im Alter von 88 Jahren in Bottrop.
Paul Baron verstarb im Alter von 88 Jahren in Bottrop.© Privat | Privat

Sein Lieblingssport hat ihn bis zuletzt begleitet. „Er war sehr fußballbegeistert, es gab keinen Tag, wo er nicht darüber gesprochen hat“, sagt Enkel Timo Baron. Angesichts seiner Gedächtnisprobleme sagte „Goldköpfchen“ Paul einmal laut Sohn Holger: „Ich hatte wohl ein oder zwei Bälle zu viel geköpft.“

Zum Achtzigsten schenkte ihm der langjährige Vorsitzende Benedikt Mies ein VfB-Trikot, das seitdem an der Garderobe hing und das sich jeder Besucher ansehen musste. Paul Baron war immer stolz auf seinen VfB. In dem Trikot ist er auch begraben.

Anm. d. Red.: In einer ersten Version des Textes waren Paul Barons Einsätze in der zweitklassigen Regionalliga (nach Einführung der 1. Bundesliga) falsch wiedergegeben. Auch spielte der VfB Bottrop nach Bundesliga-Einführung insgesamt noch drei und nicht eine Saison zweitklassig. Wir haben das korrigiert und bitten es zu entschuldigen.