Die Berlinale wollte immer politisch sein. Das war ihr Markenzeichen, ihr moralischer Mehrwert gegenüber Cannes und Venedig. Internationale Konflikte, gesellschaftliche Bruchlinien, historische Verantwortung – all das gehörte stets zum Selbstverständnis des Festivals. Doch in diesem Jahr hatte man streckenweise das Gefühl, weniger auf einem Filmfestival zu sitzen als in einer Mischung aus Bundestagsdebatte und Twitter-Thread. Der Goldene Bär wirkte da fast wie ein Nebendarsteller.

Die Berlinale ist keine Uno-Vollversammlung

Natürlich dürfen Künstler politisch sein. Natürlich dürfen sie Haltung zeigen. Gerade das Kino lebt davon, dass es sich einmischt, dass es Widerspruch provoziert, dass es Position bezieht. Niemand verlangt eine entpolitisierte Glamour-Blase. Aber wenn auf einer Preisgala plötzlich länger und heftiger über den Nahostkonflikt gestritten wird als über die ausgezeichneten Filme, verschiebt sich etwas. Ein Festival ist keine Uno-Vollversammlung – und eine Dankesrede kein geopolitisches Panel. Wer auf die Bühne geht, um Preise zu feiern, sollte nicht das Gefühl haben, vorher einen außenpolitischen Eignungstest bestehen zu müssen.

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Genau hier liegt das eigentliche Problem: nicht im politischen Statement, sondern im moralischen Erwartungshorizont. Formulierungen wurden seziert, Begriffe gewogen, Statements in Echtzeit bewertet. Wenn selbst ein Wim Wenders zum Shitstorm-Futter wird, weil er eine Suggestivfrage nicht beantwortet, dann kippt etwas. Dann geht es nicht mehr um Debatte, sondern um Druck. Und Druck ist ein schlechter Kurator.

Berlinale bleibt politisch, darf das Kino aber nicht vergessen

Die Welt ist kompliziert genug. Ein Filmfestival darf sie spiegeln. Es muss sie aber nicht jeden Abend neu verhandeln. Vielleicht wäre es gar nicht rückwärtsgewandt, sondern befreiend, wieder mehr über Filme zu sprechen. Über mutige Drehbücher, riskante Bildsprachen, große Schauspielkunst. Mehr Premierenfieber, mehr Neugier – nicht als Eskapismus, sondern als Konzentration auf das, worum es hier eigentlich geht.

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Die Berlinale war immer politisch. Sie muss es bleiben. Aber sie sollte aufpassen, dass das Kino dabei nicht zum Nebendarsteller degradiert wird.