Nach heutigen Maßstäben wäre die junge Safiye Ali-Krekeler wohl hochbegabt: Schon als Mädchen gilt sie als wissbegierig und fleißig, interessiert sich für Literatur, Musik und Fremdsprachen. Als Tochter eines Paşas, eines hochrangigen Beraters des Sultans im Osmanischen Reich, hat sie zwar viel Zugang zu Bildung, Privatunterricht und sogar eine europäische Gouvernante. Aber: Als Frau wird ihr das Medizinstudium in der Türkei verwehrt. Zum Sommersemester 1916 nimmt Safiye Ali ihr Medizinstudium an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg auf – in Bayern waren Frauen schon 1903 gleichberechtigt zum Studium zugelassen worden.

Safiye Ali absolviert ihr Studium in unruhigen Zeiten: Sie erlebt das Ende des Deutschen Reiches und die Ausrufung der Weimarer Republik im November 1918. Im Osmanischen Reich entwickelt sich parallel dazu eine neue Auseinandersetzung, der Griechisch-Türkische Krieg. Damit nicht genug: Zwischen 1918 und 1920 infizieren sich auf der ganzen Welt rund 500 Millionen Menschen mit der Spanischen Grippe.

Safiye Ali fordert früh: gleicher Lohn für gleiche Arbeit

In dieser Zeit lernt die angehende Ärztin den kriegsversehrten katholischen Studenten Ferdinand Krekeler (1895-1970) kennen, der im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hatte. Die beiden promovieren und gehen nach Istanbul, wo sie 1924 heiraten. In ihrer Heimatstadt darf Safiye Ali-Krekeler schließlich als erste Ärztin überhaupt praktizieren und eröffnet eine eigene Praxis. Heute ist bekannt, dass vor allem Frauen aus ärmeren Verhältnissen sie aufsuchen und vor allem Mütter sie verehren. Patienten mit höherem Einkommen bevorzugen damals männliche Ärzte oder verlangen von Safiye Ali-Krekeler, sie zu einem günstigeren Lohn zu behandeln, selbst dann, wenn sie selbst Frauen waren. Die selbstbewusste Ärztin lässt sich das nicht bieten und verlangt früh gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Safiye Ali nimmt an internationalen Medizinkongressen teil, lehrt als Dozentin schließlich selbst Medizin. Dazu leitet sie die vom französischen Roten Kreuz gegründete Organisation Süt Damlası, übersetzt „Milchtropfen“, die das Stillen propagiert und Milchküchen einrichtet, um die Kindersterblichkeit zu senken.

Safiye Ali wird in Istanbul zur Zielscheibe konservativer wie religiöser Gegner: Sie gilt als Verkörperung des staatlich aufgelegten Modernisierungskurses, der der Gesellschaft viel abverlangt: vom Verbot des Fez als traditioneller Kopfbedeckung über die Einführung des Lateinischen Alphabets fürchten viele um ihre religiösen Werte.

Paar verliert im Zweiten Weltkrieg fünfmal Wohnung und Arztpraxis

1929 geht sie mit ihrem Mann – den die Muslima mit einer Ausnahmegenehmigung auch kirchlich in Würzburg geheiratet hatte – nach Dortmund. Auch dort ist die Türkin die erste Frau, die als Ärztin praktiziert. Ferdinand Krekeler tritt 1933 in die NSDAP ein, seine Frau verzichtet zeitweise auf die Nennung ihres Vornamens. Darüber hinaus ist über die Positionierung der Krekelers im Nationalsozialismus wenig bekannt. Nach Angaben des Dortmunder Stadtarchivs sind „beide Personen unbedenklich und haben sich in keiner politisch bedenklichen Form engagiert“.

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Infolge der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg verliert das Paar fünfmal Wohnung und Praxis, lebt zeitweise in einer Notunterkunft in Höxter. Nach dem Krieg und einem kurzen Aufenthalt in der Türkei lebt das Paar ab 1948 wieder in Dortmund. Hier verstirbt Safiye Ali-Krekeler 1952 infolge einer Krebserkrankung.

Schon länger plant die Stadt Dortmund einen Preis für Kindergesundheit, der nach der jungen Medizinerin benannt werden soll. Außerdem gibt es im Dortmunder Norden inzwischen eine Dr.-Safiye-Ali-Straße, die an die engagierte Ärztin erinnert.

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit dem Projekt „Frauen.Ruhr.Geschichte“ entstanden. Weitere Informationen auf www.frauenruhrgeschichte.de.