Wie konnte das passieren? Hätte das nicht verhindert werden können? Das waren die drängenden, immer wiederkehrenden Fragen nach dem schwersten Terroranschlag in Deutschland, als am 19. Dezember 2016 der Islamist Anis Amri mit einem gekaperten Lastwagen auf dem Berliner Breitscheidplatz mitten in den dortigen Weihnachtsmarkt fuhr. Zwölf Menschen starben damals, Dutzende wurden verletzt, ein 13. Opfer starb später an den Spätfolgen. Seither hat es viele Untersuchungsausschüsse gegeben, die eine Fülle von Fehlern und Versäumnissen aufdeckten. Das niederschmetternde Resümee: Erst die Summe dieser Fehler machte den Anschlag möglich. Das macht noch immer tief betroffen. Und fassungslos.

Nicht die Tat steht im Fokus, sondern die, die sie nicht verhinderten

Die Poller und Absperrungen in der City West erinnern bis heute an die schrecklichen Ereignisse. Zum zehnten Jahrestag hat die ARD nun, in einem großen Gemeinschaftsakt gleich dreier Länderanstalten, eine Miniserie produziert: „Breitscheidplatz19/12“ rekapituliert noch einmal die Geschehnisse, die die Nation erschüttert haben. Nicht dokumentarisch, sondern fiktional. Terror als Stoff für Filme? Das gibt es immer wieder, von „Der Baader Meinhof Komplex“ bis zu „Mitten in Deutschland: NSU“. Aber es weckt auch immer dieselben Vorbehalte: Kann man, darf man das so zeigen? Und: Gibt man damit nicht einmal mehr den Attentätern Raum? Und retraumatisiert die Opfer?

Breitscheidplatz 19/12
Wael Akhatib spielt den Terroristen Anis Amri.© © ARD | HR/NDR/rbb

Der Sechsteiler von David Nawrath geht bewusst anders vor. Im Mittelpunkt steht nicht die Tat. Die Serie beginnt viel früher, und erst mal ganz woanders: 17 Monate zuvor, in Nordrhein-Westfalen. Albrecht Schuch spielt einen Beamten des dortigen Staatsschutzes, eine fiktionalisierte Figur namens Frank Laudin, der bei der Observierung von Gefährdern immer wieder an innerbehördliche Grenzen, aber auch auf Widerstand aus anderen Behörden stößt. Und auch schon mal laut wird und dem BKA offen widerspricht: „Es ist keine Frage ob, sondern wann es passiert.“

Durch viele Perspektiven ergibt sich ein differenziertes Bild

Auf seinen dringenden Rat hin wird 2015 das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande in Hannover abgesagt. Wir alle haben noch den Satz des damaligen Innenministers Thomas de Maizière (CDU) im Ohr, der vor den Fernsehkameras mit der Beschwichtigung „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“ nur noch mehr verstörte. Als man danach keinerlei Hinweise für einen Anschlag finden kann, will man Laudin nicht mehr glauben. Und legt ihm erst recht Steine in den Weg.

Es gelingt ihm dennoch, einen Informanten in die Islamistenszene einzuschleusen. Mit dieser Figur, Murat Cem (Tamer Trasoglu), tritt der Zuschauer auch in diese Parallelwelt ein. Erlebt den Hass, der dort gepredigt wird. Und bangt mit dem V-Mann, der wiederholt aufzufliegen droht. Allmählich wird der Spitzel auf Anis Amri (Wael Alkhatib) aufmerksam und warnt früh vor dem abgelehnten, gewaltbereiten Asylbewerber. Doch für die Behörden scheint er nur ein Mitläufer, sie wollen den Kopf des Netzwerks stellen.

Eine dritte Perspektive, die ungewöhnlichste und vielleicht interessanteste, ergibt sich durch die junge syrische Polizeianwärterin Isra Al-Husseini (Bayan Layla), die zum Staatsschutz wechselt, weil niemand dort Arabisch spricht. Sie will ihren Beitrag leisten, um zu verhindern, dass Islamisten nach Syrien reisen und für die Terrormiliz IS zu kämpfen, ist aber persönlich befangen, weil ihr Vater in Syrien gefoltert wurde und ihre Familie vor dem IS nach Deutschland geflohen ist. Dennoch muss sie für ihre Arbeit auch innerfamiliäre Konflikte durchstehen.

Ja, auch die Täter werden gezeigt, aber fast immer aus dem Blickwinkel der Beobachter. Und da die Polizeianwärterin und der V-Mann selbst migrantischen Hintergrund haben, ergibt sich ein differenzierteres Bild. Oft sehen sich Moslems nach islamistischen Anschlägen einem Generalverdacht ausgesetzt – was nur Wasser auf den Mühlen rechtsextremer Parteien ist, die das schamlos ausnutzen.

Auch Isra erlebt Argwohn und Fremdenfeindlichkeit, erst recht der V-Mann, selbst bei den Behörden, für die er sein Leben riskiert. So ergibt sich ein vielschichtiges Mosaik, das eben nicht den Fehler begeht, allzu einfach zwischen „denen“ uns „uns“ zu unterscheiden. Sondern von denen erzählt, die Gewalt verüben, und denen, die es zu verhindern suchen.

Terroranschlag in Berlin 2016
Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, nachdem der Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen über den Platz gerast war.© Bernd von Jutrczenka/dpa | Bernd von Jutrczenka

Die Uhr tickt dabei, in regelmäßigen Zeiteinblendungen, und die Szenerie wechselt ständig zwischen Städten und Zuständigkeiten. Da kann man auch als Zuschauer ein bisschen den Überblick verlieren. Allgegenwärtig aber ist der ständige Druck, der auf allen lastet – und sich bis ins Privatleben auswirkt. Der Anschlag selbst wird nicht gezeigt. Alles andere hätte sich auch verboten. Zu sehen ist nur, wie der Attentäter auf den Platz zusteuert. Dann gibt es eine lange Schwarzblende. Und einen Zeitsprung über mehrere Monate, der noch knapp die Zeit danach umreißt.

So vielfältig das Personal und so diffizil die Perspektiven: Die Opfer kommen dabei zu kurz. Stellvertretend muss ein junges Mädchen herhalten, das gerade einen Jungen kennenlernt, ihre Angst vor großen Menschenansammlungen überwinden will und sich mit ihm auf dem Weihnachtsmarkt trifft. Diese Seite ist deutlich unterrepräsentiert. Aber auch das war eine bewusste Endscheidung: Um das Leid der Opfer nicht auszuschlachten, es nicht zu verlängern. Und um sie nicht noch einmal als Opfer zu stigmatisieren.

Regisseur David Nawrath hat vieles richtig gemacht. Hat intensiv recherchiert. Hat nicht nur mit Ermittlern, sondern auch mit Opfern und Hinterbliebenen gesprochen. Und das alles in sein Drehbuch einfließen lassen, das er mit David Marian schrieb. Für viele im jungen Drehteam ist das auch eine sehr persönliche Produktion. Nawrath hat einige Jahre seiner Jugend im Iran gelebt. Bayan Layla stammt aus Syrien und hat dort einige Jahre Bürgerkrieg erlebt. Ebenso Wael Alkhatib, bekannt aus dem Berlin-Film „Sonne und Beton“, der 2014, erst zehn Jahre alt, unbegleitet, ohne Eltern, aus Syrien geflohen ist.

„Breitscheidplatz 19/12“ zeigt nicht den Tag, sondern die Monate davor. Nicht die Täter, sondern diejenigen, die die Tat nicht verhindern konnten. Erzählt wird das betont nüchtern. Der Fokus bleibt dabei immer das Versagen der Behörden. Eine unangenehme, aber wichtige Serie, die ein bisschen Licht in dieses dunkle Kapitel wirft, die die abstrakte Faktenlage durch fiktive Figuren und dramatische Szenen zumindest ein wenig begreifbarer macht. Doch die Ohnmacht bleibt.

Man hätte der Serie freilich mehr Aufmerksamkeit gewünscht. Die ARD versteckt diese Prestige-Produktion mal wieder im Spätprogramm.

„Breitscheidplatz 19/12“: ARD, 1.November, 21.45 Uhr (Folgen 1/2) und 6. November (Folgen 3-6), 23.55 Uhr. Ab 30. Oktober in der Mediathek.