Interview

Keine Noten, keine Klassen - Richard David Precht will die Schule revolutionieren

Richard David Precht bei einer Vorlesung im Audimax der Universität Duisburg Essen.

Richard David Precht bei einer Vorlesung im Audimax der Universität Duisburg Essen.

Essen.   Ein „Casting“ für gute Lehrer, eine Aufteilung der Schule in Lernhäuser wie bei bei Harry Potter in Gryffindor und Slytherin: Richard David Precht wünscht sich eine „Revolution“ an den Schulen. Das jetzige System sei veraltet, sagt er im Interview – und „schräg“.

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Er will nicht weniger als eine Revolution: Richard David Precht, einer der populärsten deutschen Denker, stellt dem Schulsystem ein denkbar schlechtes Zeugnis aus – und entwirft mit teils radikalen Vorschlägen ein Gegenmodell. Im Gespräch mit Britta Heidemann erläutert er einige der Grundpfeiler.

Sie haben eine ganz normale Schule besucht – und auf dieser Grundlage eine tolle Karriere gemacht. Was haben Sie also gegen das deutsche Schulsystem?

Richard David Precht: Neunzig Prozent meiner Bildung verdanke ich meinem Elternhaus. In der Schule habe ich vielleicht schriftlich multiplizieren gelernt. Aber viel mehr wüsste ich schon nicht. Kein Physiklehrer hat mir je erklärt, was eigentlich Strom ist. Stattdessen habe ich das Ohm’sche Gesetz gelernt. Mein kleiner Sohn, er ist jetzt in der Grundschule, interessierte sich vor einiger Zeit leidenschaftlich für die Römer. Dann behandelten sie die Römer in der Schule – und schon nach kürzester Zeit verlor er jegliches Interesse. Das schafft die Schule großartig. In dem Moment, in dem ich Arbeitsblätter ausfüllen muss und Wörter unterstreichen, verwandelt sich das beste Brot in Zwieback.

Was läuft falsch an unseren Schulen?

Precht: Wir versuchen Bildung zu vermitteln durch Fächer, die zusammenhanglos nebeneinander stehen, und davon haben wir dann fünf oder sechs am Tag. Das hat nichts damit zu tun, wie Lernen funktioniert. Als unser Schulsystem entstand, wusste man noch nichts über Lernen - und nichts über Kinder. Damals ging es nur darum, ordentliche preußische Untertanen hervorzubringen, die die Arbeitswelt gut gebrauchen kann. Die Aufgabe der Schule war das Erzeugen von fachkompetenten Untertanen. Das ganze System, die 45-Minuten-Stunde, das Pausensystem, ist darauf angelegt. Die Zensuren sind nicht zur Leistungsmotivation eingeführt worden, sondern um wie beim Militär Normieren und Vergleichen zu können.

Und heute wissen wir, wie Lernen funktioniert?

Precht: Heute wissen wir, dass vor allem das in Erinnerung bleibt, was wir uns mit Lust und Begeisterung erarbeiten. Wenn wir aber für Leistung belohnt werden, entwertet sich diese Leistung. Denn wenn es einen Lohn gibt, heißt das für ein Kind: Das ist offensichtlich etwas Blödes. So sollten wir mit dem spannenden Wissen der Welt nicht umgehen. Deshalb bin ich dafür, die Noten abzuschaffen. Wichtig ist, dass wir die intrinsische Motivation der Kinder fördern. Wichtig ist, dass wir diesen relativ verantwortungslosen Gesamtzusammenhang namens Schule unterteilen in Verantwortlichkeiten. Ich möchte an meiner Schule keinen Schuldirektor haben, unter dem ein hundert Lehrer arbeiten, die er nicht besonders gut kennt. Oder einen Chemielehrer, der fürs achte Schuljahr mal kurz in die Klasse kommt und am Ende, wenn er die Noten verteilt, sich kaum an die Namen der Kinder erinnern kann.

Sondern? Wie sähe „Ihre“ Schule aus?

Precht: Ich möchte ein Team von Lehrern, die die Schüler von Anfang an begleiten und sich auch für sie verantwortlich fühlen. Ich würde die Schule unterteilen in mehrere Lernhäuser. So, wie bei Harry Potter: in Gryffindor und Slytherin. Ich würde den Unterricht in zwei Bereiche unterteilen: Einerseits gemeinsame Projektarbeit und andererseits individuelles Lernen, das - zum Beispiel in Mathe - hervorragend am Computer geschehen kann. Den Matheunterricht, so wie wir ihn kennen, würde ich ab der sechsten Klasse abschaffen und durch individualisiertes Lernen im eigenen Lerntempo ersetzen.

Aber Mathematik ist doch wichtig!

Precht: Deshalb ja. Im Matheunterricht sind die besten so gut, dass sie zwei Klassen überspringen könnten. Und die schlechtesten verstehen gar nichts mehr. Die Begabten werden nicht gefördert und die Schwachen auch nicht. Das kann ein Lehrer gar nicht auffangen. In der Regel sind Mathe-Lehrer diejenigen, die am häufigsten unter Burnout leiden. Weil sie versuchen, einen Unterricht zu machen, den man spätestens ab dem zwölften Lebensjahr der Kinder gar nicht mehr machen kann! Das ist die Quadratur des Kreises. Diejenigen, denen Mathe leicht fällt, könnten mit einem Computerprogramm ganz alleine lernen – und vielleicht ein ganzes Mathestudium schon während der Schulzeit bewältigen. Und die anderen schreiten halt langsamer voran. Ich würde den Standard dessen, was jeder in Mathe können muss, senken. Aber die Möglichkeit dessen, was man Lernen kann, deutlich erhöhen.

Und wie würde das Lernen in Projektgruppen aussehen?

Precht: Ich würde Geschichte oder Deutsch nicht isoliert unterrichten. Ich würde in Teams arbeiten. Drei oder vier Lehrer planen zusammen ein Projekt, zum Beispiel: Klimawandel. Oder: Goethe und seine Zeit. Da könnte man den Faust lesen, vom Geschichtslehrer etwas über die Zeitumstände erfahren, in Chemie vielleicht alchemistische Experimente durchführen. Das wäre ein Panorama der Zeit! Beim Klimawandel ist es einerseits sehr interessant, das Physikalische daran zu verstehen. Und auf der anderen Seite eine Erklärung dafür zu bekommen, warum es den Darfur-Krieg im Sudan gibt – und welche Klima-Kriege uns noch bevorstehen, durch die Versteppung von Regionen. Davon kann man manches jahrgangsübergreifend machen.

Keine Klassen ab dem 12. Lebensjahr 

Das bedeutet, Klassen gäbe es nicht mehr?

Precht: Ich würde etwa ab dem 12. Lebensjahr die Klassen auflösen. Die Kinder könnten dann am Anfang des Schuljahres aus einer Palette von Projekten auswählen. Manche sind für bestimmte Altersgruppen ausgeschrieben – und manche sind unbegrenzt. Ich mit meinem Faible für Geschichte hätte als Zwölfjähriger schon zusammen mit den 17-Jährigen lernen können. Jeder Schüler könnte sich am Anfang des Schuljahres neben dem Pflichtprogramm im individualisierten Lernen aussuchen, an welchen Projekten er gerne teilnehmen würde.

Sie setzen dabei voraus, dass Kinder zu diesen Entscheidungen fähig sind – oder dass sie, was ja nicht selbstverständlich ist, Eltern haben, die dabei helfen können.

Precht: Oder Lehrer haben, die helfen! In meiner Schule würden die Lehrer die Kinder vom ersten Schuljahr an kennen. Sie hätten eine ganz andere Rolle, wären so etwas wie Coaches, Trainer. Mit denen könnte man sich darüber beraten.

Das wäre aber für die Lehrer eine ganz neue Rolle.

Precht: In der Öffentlichkeit gibt es immer die Debatte um die Frage, ob man die Lehrer ändern müsse oder das System. Aber wir brauchen beides: Bessere Lehrer, die bessere Bedingungen vorfinden müssen, um besseren Unterricht zu machen. Weil es so maßgeblich auf die Lehrer ankommt, dürfen wir nicht mehr einem einzigen Lehrer eine Klasse geben. Was ist denn, wenn ich mit diesem einen Lehrer nicht klarkomme? Zudem müssten Lehrer gecastet werden. Wir brauchen einen Eignungstest für Lehrer zu Beginn des Referendariats!

Was braucht es denn, um ein „guter“ Lehrer zu sein? Muss die Didaktik besser werden?

Precht: Die Didaktik nützt nur dann, wenn sie praxisbezogen ist. Wenn sie gut Skifahren können, müssen sie auch nichts über die Physik des Skifahrens wissen. Es schadet nicht, wenn Sie wissen, was Sie tun – aber es reicht eben auch nicht. Ein Lehrer muss gut reden können. Weniger als die Hälfte meiner eigenen Lehrer waren Menschen, denen man gerne zuhört. Aber wenn man jemandem nicht gerne zuhört, lernt man auch nichts von ihm. Mein Vorschlag: Holt Leute aus der Praxis dazu. Mein Vater, der mittlerweile 80 Jahre alt ist, hat eine tolle Bildung und könnte aus dem Stand alles über die Weimarer Republik erzählen – und zwar spannend. Er wäre eine glänzende Ergänzung zu jedem Lehrer.

Aber könnten wir uns das Schulsystem, das Ihnen vorschwebt, überhaupt leisten?

Precht: Das wäre nicht teurer als unser System heute. Man müsste die Lehrerausbildung umstellen. Natürlich bräuchten wir mehr Lehrer. Aber da könnte man eben Freiwillige zur Unterstützung heranziehen, die etwas zu erzählen haben und die in den Projekten mitarbeiten könnten. Und die kosten gar nichts. Wie viele fitte Pensionäre haben wir in Deutschland! Der ehemalige Physikprofessor, der am Teilchenbeschleuniger gearbeitet hat und jetzt im Garten die Geranien gießt und seiner Frau auf die Nerven geht - der wäre doch eine Bereicherung für jede Schule! Ich zähle aber auch den Tischlermeister dazu, der den Kindern Praktisches beibringen könnte.

Ganz ehrlich: Ihre Ideen hören sich gut an – und utopisch.

Precht: Dabei sind das keine Phantastereien, sondern Dinge, die anderswo schon mit Erfolg betrieben werden. In Dänemark zum Beispiel gibt es ganz lange keine Noten, und die Schüler bleiben nicht sitzen. Oder nehmen wir die Schuluniformen: Der ganze Commonwealth und auch viele Privatschulen in Deutschland haben sie. Das dreigliedrige Schulsystem hingegen, das so viele Leute erhalten wollen, das gibt es außer in Deutschland und Österreich nirgendwo. Da tun wir so, als wäre das normal! Dabei ist das System nicht normal, sondern schräg.

Sie glauben also fest an Ihre Schule der Zukunft?

Precht: Es gibt bestimmte Bewegungen, die können Sie nicht aufhalten. Wir wissen heute so viel über die Psychologie unserer Kinder und über ihre Art zu lernen – das können wir nicht weiter ignorieren, da müssen wir endlich dementsprechende Schulen schaffen.

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