Düsseldorfer Rheinoper

Mozart und Modell-Athleten

Foto: Eduard Straub

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Die tschechischen Meister Jiri Kylia?n und Petr Zuska choreographieren in der Düsseldorfer Rheinoper "Mozart? Mozart!".

DÜSSELDORF. Die berühmte Perücke mit Zopf, fein gekämmt und gepudert: Auf diese Mozart-Vignette wollen die Choreographen des neuen Ballettabends "Mozart? Mozart!" der Deutschen Oper am Rhein nicht verzichten. Jiri Kylián, der Meister der Neo-Klassischen Tanzkunst und Chef des weitgerühmten Nederlands Dans Theater, und Petr Zuska, Leiter des Prager Staatsballetts. Beide Tschechen machten sich auf die Suche nach dem Mythos Mozart, nach Facetten des Menschen und des Musikers. Doch darin erschöpft sich ihre Gemeinsamkeit. Kylián lässt in zwei Humoresken zu langsamen Sätzen aus Mozarts Klavierkonzerten und Sechs Deutschen Tänzen sein choreographisches Genie aufblitzen. Zuska indes, bisher für feine ironische Kleinformate bekannt, greift mit dem Requiem des Salzburger Säulenheiligen zu den Sternen, macht dabei aber fast eine Bauchlandung. In Ehrfurcht erstarrt, setzt er die Musik in seltsam fade Bilder. Mehr als 60 Minuten und ohne erkennbares Ziel schleppt sich Mozarts letztes Werk nicht nur im Orchestergraben, sondern auch auf der Bühne vor sich hin. Gottlob endete der Abend mit Kylians quecksilbrigen Satyrspielen, eingetaucht in ein Meer von Seifenblasen, die mit stürmischem Jubel gefeiert wurden.

Zunächst lässt Kylián in "Petite Mort" sechs Männer mit Floretten fechten. Spielerisch schwingen sie die biegsamen Kampfinstrumente, kämpfen wie gegen sich selbst, bevor Frauen, versteckt hinter schwarzen Rokoko-Krinolinen hineinrollen. Je langsamer das Ohrwurm-Adagio aus Mozarts Klavierkonzerten wiegt, desto schneller die Bewegungen der sechs Paare. Akrobatische Sprünge, Drehungen und Hebefiguren vereinen die Paare mit Komik und Ironie, karikieren theatralische Effekte.

Mit sprühender Leichtigkeit und virtuosem neoklassischen Tanz entwickeln vier Paare in "Sechs Tänzen" einen rasanten Bilderreigen von Alltagssorgen. Sie laufen und strampeln in der Luft, verschrauben und entwirren ihre Körper. Jeden Takt, jeden kurzen musikalische Akzent machen die Tänzer sichtbar.

Selbst-Ironie und Poesie

Selbst wenn bei einer Pirouette Puder aus der Perücke fliegt, wird das durch Schlagwerk oder Tremoli ausgelöst. Doch hüllt Kylián seinen stichelnden Spott in einen Trauerschleier. Bei aller Scheu vor Superlativen: Mozarts Musik und Botschaften erfahren durch Kylián eine geniale Umsetzung in Tanz. Zu Mozarts Selbst-Ironie und Poesie passt, das das Meisterwerk, das taufrisch wirkt und doch bereits vor 20 Jahren uraufgeführt wurde, von Tausenden von Seifenblasen eingerahmt wird.

Wenig davon zu spüren ist in Petr Zuskas Requiem-Deutung. Riskant ist bereits der Musik-Mix: Zuska wählt nicht die gewohnte Partitur, die nach dem "Lacrimosa" von Mozart-Schüler Süssmayer vollendet wurde. Nach dem "Lacrimosa" erklingen postmoderne Klänge des Schweizers Richard Rentsch. Warum Zuska das Requiem mit diesen gefälligen, aber wenig existenziellen Geräuschen entfremdet? Das bleibt so unklar wie seine Aussage. Zunächst taucht Mozart in mehreren Gestalten auf, mal im Dreispitz und Mantel, mal als Wunderkind, als Mann. Liebeswerben: Körperliche Kämpfe und seelische Krämpfe rund um ein gläsernes Klavier setzt Zuska in expressive Körpersprache und Ausdruckstanz um, der nicht selten in Kitsch abgleitet. Die stärksten Momente sind die Gruppenszenen mit nüchternem Virtuosentum. Hier werden, ähnlich wie bei Kylián, einzelne Töne und Akkorde in strenge Linien und lupenreinen Tanz umgesetzt. Schade, dass derartige Impressionen die Ausnahme sind.

Aus dem exzellent trainierten Ensemble stechen zwei Persönlichkeiten hervor: Valerio Mangianti, der mit seiner starken Präsenz verschiedene Seiten der Mozart-Medaille beleuchtet. Als Modell-Athlet indes fasziniert Armen Hakobyan: Die Art, wie der markante Armenier Kraft und Biegsamkeit effektiv einsetzt und zum "Instrument" der Musik wird, passt exzellent zu Kyliáns Stil. (NRZ) 14., 15., 18., 24., 11.; ab Jan. in Duisburg.

0211/8925 211

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