„Mindestens 1,8 Millionen Menschen in Deutschland sind an Demenz erkrankt. Wie lebt man damit, wenn Erinnerungen verschwinden?“ – mit dieser Frage eröffnet Louis Klamroth die neue Ausgabe der ARD-Sendung „Hart aber fair“. Es ist eine Sendung, in der seltene Offenheit entsteht – vor allem, wenn Rainer Heydenreich spricht. Fragen, die man sich oft aus Scham verkneift, werden hier gestellt.

Auch interessant

„Hart aber fair“: Rainer Heydenreich erzählt von seinem Leben mit der Diagnose

Heydenreich, früher Banker, heute Rentner, lebt seit vier Jahren mit der Diagnose Alzheimer. „Man wurde schusselig“, beschreibt er den Beginn seiner Erkrankung. Der Neurologe habe ihn zunächst beruhigt: „Ein Mann in Ihrem Alter, das ist völlig normal, dass man vergesslich wird.“ Doch es blieb nicht dabei. „Ich habe dann eingefordert, dass genauer untersucht wird.“

Seine Stimme ist ruhig, aber fest. „Die Alzheimer-Gesellschaft hat mich gerettet“, sagt er. „Ich habe wirklich viele gute Bekannte verloren. Das war der große Wendepunkt – in die Offensive zu gehen. Ich habe mich nie geschämt, dement zu sein.“ 

Auch interessant

„Ich habe keine Angst vor der Zukunft“ 

Wenn Klamroth ihn fragt, wovor er Angst habe, antwortet Heydenreich ohne Zögern: „Dass ich meine Familie verliere. Oder dass ich sie nicht mehr wahrnehmen kann. Das ist furchtbar.“ Dann lächelt er kurz: „Ich habe keine Angst vor der Zukunft. Ich habe meine Lebensqualität ganz gut zurückgeholt.“ 

Er erzählt von seinen vier Söhnen und sieben Enkelkindern. „Das ist ja schon mal die beste Medikation, die es gibt.“ An die Hochzeiten seiner Kinder erinnert er sich nicht mehr – „aber ich weiß: Es waren gute Hochzeiten.“

Auch interessant

Pflegepolitik bei „Hart aber fair“: Streit um Verantwortung und Systemfehler

Während Karl-Josef Laumann (CDU) über Pflegequoten spricht und Linken-Politikerin Stella Merendino das System als „überlastet“ beschreibt, bleibt Heydenreichs Blick auf das Konkrete gerichtet. „Da spielen sich Tragödien ab“, sagt er über Familien, die Angehörige pflegen. „Aber ich hab gelernt, es umzudrehen. Es macht Spaß, unterschätzt zu werden.“ 

Merendino, selbst gelernte Krankenpflegerin, sagt: „Notaufnahmen sind das Schlimmste, was man einem dementen Menschen zumuten kann.“ Sie wirft dem System Überforderung vor – es fehle an Personal, an Geld, an Würde. Bernd Meurer, Präsident des Verbands privater Anbieter sozialer Dienste, hält dagegen: „Wir versuchen im Rahmen der politisch gegebenen Möglichkeiten immer wieder das Beste für unsere Bewohner herauszuholen.“

216436_1325_216436_cover.jpg
#27 Vorschau: Dorothee Bär über Kinder im Bundestag und den Feminismus-Faktor von Friedrich Merz
Meine schwerste Entscheidung
 

Zuhause gepflegt oder im Heim? Zwischen Anspruch und Realität

Laumann verweist auf Strukturen: „Über 85 Prozent aller Pflegebedürftigen werden zuhause versorgt.“ Merendino entgegnet: „Wir sind das Auffangbecken für Menschen, die keine Hilfe mehr bekommen.“ Klamroth greift kaum ein – und doch bleibt der eindringlichste Moment ein stiller: als Heydenreich sagt, er wolle nicht in ein Heim. „Nö, überhaupt nicht.“

Was anfangs wie eine sachliche Bestandsaufnahme wirkt, wird zunehmend persönlich. Andrea Sawatzki schildert eindringlich, wie sie ihren dementen Vater pflegte, während die Mutter Nachtschichten schob. „Bis zu meinem 15. Lebensjahr, als er dann gestorben war“, sagt sie. Dann die Frage, die bleibt: „Wie kann man das beenden?“ Sätze wie dieser geben jeder Statistik Gewicht.

Auch interessant

Pflege in Deutschland: Angehörige zwischen Überlastung und Pflichtgefühl

„Ich finde das skandalös, was in Deutschland abgeht“, kritisiert Sawatzki. Sie erzählt von überforderten Pflegekräften, sedierten Bewohnern, wiederverwerteten Windeln, vergessenem Essen. Ihre Worte zeigen, was Zahlen oft verschleiern – den Alltag hinter den Türen der Heime.

Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen betont die Bedeutung von Prävention. „Alles, was gut ist fürs Herz, ist auch gut fürs Hirn.“ Und: „Scham ist völlig unangebracht.“ Er fordert eine gesellschaftliche Idee, wie Altern und Pflege künftig gedacht werden sollen.

Rainer Heydenreich: „Ich lebe im Jetzt“

Der Auftritt von Rainer Heydenreich, seit vier Jahren an Alzheimer erkrankt, verleiht dem Abend besondere Tiefe. Wenn er sagt: „Ich habe mich nie geschämt, dement zu sein“, klingt darin ein Stück Selbstbehauptung, das man im politischen Diskurs selten hört. Sein ruhiger, fast heiterer Ton kontrastiert die Schwere des Themas. Dass viele Bekannte sich abgewandt hätten, erzählt er ohne Bitterkeit – was den Schmerz nur deutlicher macht.   

Klamroth lässt die Gäste ausreden, fragt selten nach, manchmal fast zu selten. Doch genau das gibt Raum für die Momente, in denen Heydenreich die Diskussion trägt. Die Sendung formuliert keine Lösung – aber sie erzeugt Dringlichkeit.

Zwischen Laumanns Verteidigung des Systems, Merendinos Wut und Heydenreichs stiller Selbstbehauptung entsteht ein Bild dessen, was viele Zuschauer kennen – das Altern als Zumutung und Aufgabe zugleich. Da wirken Heydenreichs Worte wie ein Gegenentwurf zur abstrakten Pflegepolitik: „Ich lebe im Jetzt“, sagt er.