Sie ist Kommissarin, unfreiwillige Single-Mama – und Jüdin: Sarah Frankfurter ist nicht irgendeine neue Krimiermittlerin, die am Fernsehsamstag Mörder überführt. Die von Marie-Lou Sellem souverän gespielte Ermittlerin ist vielmehr die Protagonistin einer neuen ZDF-Reihe, die sich um Kriminalfälle dreht und zugleich mit viel Humor von jüdischem Familienleben im Deutschland von heute erzählt. „Ein neues Leben“ heißt die erste Folge von „Frankfurt Mord“ (Samstag, 10. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF) einer Reihe, die in der hessischen Bankenmetropole Frankfurt spielt und relevante Kriminalfälle mit Elementen einer Familienserie verbindet.
Die deutsch-französische Hauptdarstellerin Marie-Lou Sellem erklärt, sie sei nicht gläubig aufgewachsen, habe aber einen jüdischen familiären Hintergrund. „Meine Großeltern und mein leiblicher Vater waren Juden.“ Als Sarah Frankfurter ist sie von ihrem Ehemann (Wolfram Koch) für einen anderen Mann verlassen worden, sucht Trost im Nachtleben und erwacht eines Morgens verkatert nach einem One-Night-Stand. Als wenig später an einem Tatort am Mainufer eine Frauenleiche gefunden wird, stellt sie entsetzt fest: Jakob Loose (Johannes Hegemann), der Typ von letzter Nacht, ist ihr neuer Kollege.

Das kommt für den Zuschauer zwar nicht so überraschend wie für Sarah, aber von diesem Moment an ist die Krimilandschaft um ein sehenswertes „Odd Couple“ reicher: Hier die skeptische Sarah, da der deutlich jüngere Jakob, der aus der gemeinsamen Nacht gerne eine richtige Beziehung machen würde. Johannes Hegemann, der im Fernsehfilm „Olivia“ die Dragqueen Olivia Jones verkörperte, spielt diesen Berufsneuling wundervoll als freundlichen und offenen Menschen. Auf dem Kommissariat ergänzt Milli Schneider (Leona Grundig) das sympathische Ermittlerteam.
„Frankfurt Mord“: Kabbeleien zwischen den Kollegen sind das Herz der Reihe
Die Kabbeleien zwischen den Kollegen sind das Herz der Reihe. So emotional-komisch dieser Handlungsstrang aber auch ist, so ernsthaft ist der Kriminalfall. Die tote Frau vom Mainufer war eine Juristin, die jahrelang vergeblich versucht hatte, ein Kind zu bekommen, und sich nun für eine Lockerung des Embryonenschutzgesetzes stark machte. Hat sie damit den tödlichen Zorn des vernagelten Frauenhassers Holger Manthey (Peter Schneider) auf sich gezogen? Aber auch der Ehemann der Toten (Franz Hartwig) macht sich schnell verdächtig. Die Lösung des Falls ist überraschend und nicht ganz unkompliziert.
Bei der Schilderung von jüdischem Alltagsleben schöpfen die Macher aus dem Vollen. Sarahs Tochter Rakhel (Victoria Nikolaevskaja) ist Rabbinerin in einer progressiven jüdischen Gemeinde und bereitet gerade den Gottesdienst zum jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana vor, die Familie muss natürlich dabei sein. Ein weiblicher Rabbi? Tante Esther (Inge Maux) findet das „echt meschugge“, und Sarah will sowieso nur kommen, wenn es bei dem Fest einen bestimmten salzigen Fisch aus dem Koscher-Markt gibt.

Co-Drehbuchautorin Elena Lyubarskaya erklärt über Sarah Frankfurter, dass ihr „Jüdischsein“ als normaler Teil ihres Lebens auftaucht, der neben all den anderen wichtigen Fragen steht, die sie beschäftigen ‒ „ihrem Job, ihrer Familie, ihrem Liebesleben“. In der Tat: Die Kommissarin macht um ihr Jüdischsein kein Aufhebens, sie ist auch nicht sonderlich religiös, weiß aber immerhin, wann man in der Synagoge aufsteht und welche Lieder man singt.
Die erste Folge macht Lust auf mehr
Ihre nicht-jüdischen Kollegen sind da weit weniger entspannt, Jakob und Milli wollen im Umgang mit jüdischen Menschen alles richtig machen und stellen sich dabei mitunter überaus linkisch an. Als Jakob etwa Sarah kennenlernt und an ihrer Haustür eine Mesusa erblickt, einen rituellen religiösen Gegenstand, sagt er spontan: „Du bist jüdisch, das ist ja großartig.“ Sarah entgegnet etwas schnippisch: „Was ist denn daran jetzt großartig?“
Ein kurzer Dialog mit trockenem Humor, der charakteristisch für diese sehenswerte neue Reihe ist. Noch hat vielleicht nicht alles die beiläufige Selbstverständlichkeit, die vom Team um Regisseurin Franziska Margarete Hoenisch beabsichtigt ist, aber die erste Folge macht Lust auf mehr.
Bewertung: 5/5 Sterne
Samstag, 10. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF


