In den Schulklassen in Nordrhein-Westfalen sitzen heute deutlich mehr Kinder ohne deutschen Pass als noch vor zehn Jahren. Der Anteil der ausländischen Schülerinnen und Schüler hat sich laut dem Statistischen Landesamt (IT NRW) mehr als verdoppelt. Die Zahl ist von rund 214.600 im Schuljahr 2014/15 auf rund 441.100 im Schuljahr 2024/25 gestiegen. Während vor zehn Jahren 8,4 Prozent aller Schülerinnen und Schüler keine deutsche Staatsangehörigkeit hatten, waren es zuletzt 17,5 Prozent.
Viele der neuen Schülerinnen und Schüler sind mit ihren Familien aus Krisen- und Kriegsgebieten geflüchtet. Besonders häufig kommen sie laut Statistik aus Syrien oder der Ukraine. Kinder und Jugendliche aus diesen beiden Ländern machen demnach inzwischen fast ein Drittel aller ausländischen Schülerinnen und Schüler aus.
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Auch aus dem Irak und Afghanistan sind in den vergangenen Jahren mehr Kinder nach NRW gekommen. Zudem besuchen wesentlich mehr Kinder und Jugendliche mit rumänischer und bulgarischer Staatsangehörigkeit die Schulen: Die Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als vervierfacht.
Gleichzeitig weisen viele Berichte, etwa der Lagebericht Ruhr aus dem Jahr 2023, darauf hin, dass im Ruhrgebiet besonders viele Kinder aus armutsgefährdeten Familien leben – ein hoher Anteil wächst mehrsprachig auf. „Mehrsprachigkeit ist kein Problem, Armut ist es aber“, sagt Ayla Çelik, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in NRW. „Wer Kindern etwa im Ruhrgebiet echte Bildungschancen ermöglichen will, muss Armut und Sprachvielfalt zusammendenken.“
Anteil an ausländischen Schülern in Gelsenkirchen hoch
In Gelsenkirchen etwa haben sich die Staatsangehörigkeiten der Schülerschaft in den vergangenen Jahren stark verändert: Laut Statistikamt haben 3755 Schüler die syrische, 1830 die rumänische, 905 die bulgarische und 680 Schüler die ukrainische Staatsangehörigkeit. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren hatten gerade einmal 76 Schüler die syrische, 550 die rumänische, 182 die bulgarische und 56 die ukrainische Staatsbürgerschaft.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Essen: Während vor zehn Jahren 136 ukrainische und 203 syrische Kinder die Schule besuchten, sind es heute 1805 Schüler aus der Ukraine und 4955 aus Syrien.
Sprachprobleme erschweren den Schulalltag
Immer mehr Kinder in NRW haben bei der Schuleingangsuntersuchung teils immense sprachliche Defizite. Das zeigen Zahlen vom Land. Oft könnten die Kinder kein Deutsch sprechen oder sich richtig artikulieren. Viele können mit fünf Jahren noch nicht in vollständigen Sätzen sprechen, keine Laute bilden oder ihnen fehlen Begriffe, erzählen Lehrkräfte dieser Redaktion. Zudem seien einige Kinder teils sehr zurückhaltend, trauten sich nicht, sich im Unterricht zu melden.
So haben in Gelsenkirchen zum Schuljahr 2023/2024 rund 90 Prozent der wechselnden Kita-Kinder bei der Schuleingangsuntersuchung Defizite aufgezeigt – im Fokus stand dabei die Sprache. Landesweit weist inzwischen fast ein Drittel aller untersuchten Fünf- und Sechsjährigen einen Mangel in der deutschen Sprachkompetenz auf.
„Die Realität zeigt, dass die Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse oft mitlaufen, weil einfach die Zeit fehlt, ihren Bedarfen entsprechend gefördert zu werden“, sagt Gewerkschaftlerin Ayla Çelik. „Uns wird immer wieder rückgemeldet, dass Kinder trotz festgestelltem Förderbedarf ohne ausreichende Sprachkenntnisse in die erste Klasse kommen.“ Die Schnittstelle Kita und Grundschule sei eine Schwachstelle: Förderempfehlungen werden nicht systematisch übermittelt, Qualität und Umsetzung der Förderung variieren stark, kritisiert Çelik. Hier brauche es verbindliche Übergabeprotokolle, flächendeckend geschulte Fachkräfte und klare Verantwortlichkeiten.
Die schwarz-grüne Landesregierung will mit neuen „Sprachstand-Screenings“ gegensteuern. Hierbei sollen Eltern bei der Schulanmeldung erfahren, wie fit ihre Kinder für die Grundschule sind und wo es Förderbedarf gibt. Dann bleibt Zeit, die Kinder bis zum Schulbeginn gezielt zu fördern, zum Beispiel in der Kita und zu Hause. Solche Tests gibt es zwar schon, aber in der Fläche noch nicht digital. Die für den Herbst 2025 geplante Einführung eines digitalen Sprachstand-Screenings bei der Grundschulanmeldung verzögert sich auf unbestimmte Zeit.
Wer gilt als ausländischer Schüler?
Die Zahlen stammen aus der amtlichen Schulstatistik. Als ausländische Schülerinnen und Schüler gelten dort alle Kinder und Jugendliche ohne deutschen Pass, also mit ausschließlich nichtdeutscher Staatsangehörigkeit oder ohne Staatsangehörigkeit. Wer neben der deutschen noch eine weitere Staatsbürgerschaft hat, wird in der Statistik als deutsch gezählt.
Während die Zahl vieler ausländischer Schülerinnen und Schüler in NRW insgesamt deutlich gestiegen ist, gehen die Zahlen bei manchen Nationalitäten zurück. Besonders auffällig ist der Rückgang bei türkischen Kindern und Jugendlichen: Im Schuljahr 2024/25 besuchten rund 70 Prozent weniger von ihnen eine Schule an Rhein und Ruhr als noch vor zehn Jahren. Damals stellten sie die größte Gruppe unter den ausländischen Schülerinnen und Schülern. Auch die Zahl der Kinder mit italienischem Pass ist um rund 17 Prozent gesunken.




