Zusammenfassung

  • Wolfgang M. Schmitt analysiert die anhaltende gesellschaftliche Relevanz des Kultfilms „La Haine“.
  • Der Filmkritiker verbindet die filmische Ästhetik mit einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Analyse.
  • Schmitt kritisiert den Fatalismus im Film und fordert politisches Engagement, insbesondere von der Sozialdemokratie.

In Zeiten, in denen Kulturkritik oft eher Konsumberatung ist, kultiviert Wolfgang M. Schmitt eine selten gewordene Kunst: die Verschränkung von filmischer Analyse mit gesellschaftlicher Erkenntnis – ein Handwerk, das ihm 123.000 YouTube-Abonnenten beschert hat. Die Jusos Kreis Wesel luden ihn nach Dinslaken ein, wo er in der Lichtburg die anhaltende Bedeutung des französischen Kultfilms „La Haine“ für Fragen sozialer Ungleichheit analysierte.

Nach 30 Jahren noch immer brandaktuell

Das 30. Jubiläum des französischen Kultfilms „La Haine“ (deutsch: „Hass“) bildete den Anlass für Schmitts Besuch. Der Film folgt drei Bewohnern eines Pariser Banlieue (Vorstadtsiedlung) durch ihren Alltag und konfrontiert mit Armut, Rassismus und Polizeigewalt.

Und „La Haine“ bleibt drei Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung brandaktuell. „Das spricht dafür, dass der soziale Fortschritt nicht allzu weit gediehen ist“, kommentiert Wolfgang M. Schmitt diese Tatsache. „Der Film ist so aktuell, weil sich nichts verbessert hat.“

Die filmische Qualität von „La Haine“

Von der Ästhetik zur Ethik – Schmitt entfaltet seinen Vortrag als dialektischen Bogen, der zunächst die filmische Sprache würdigt, um sie dann als Medium gesellschaftlicher Kritik zu entschlüsseln. „Heute denkt man bei französischem Kino leider zuerst an Filme wie ‚Willkommen bei den Sch’tis‘“, merkt Schmitt an. Da ist „La Haine“ natürlich eine andere Art des Kinos. Für ihn fällt das Werk eher in die Kategorie des Autorenkinos im Stile von Jim Jarmusch und erinnert an New-Hollywood-Filme wie „Taxi Driver“, dessen bekannte „Spiegelszene“ in „La Haine“ direkt zitiert wird.

Täglich (außer Samstag)

Dinslaken-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!

Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

„Das brillante Schwarzweiß, das uns geboten wird, lädt dazu ein, die Details wahrzunehmen“, bemerkt Schmitt. Auch bei der Kameraführung ist „La Haine“ alles andere als Hollywood-Wohlfühlkino. Die Zuschauer werden dazu angeregt, über die Kameraführung nachzudenken, werden mit exzessiven Handkamerafahrten mitgerissen. Die Bilder, die entstehen, sind „von makelloser Schönheit“, wie Schmitt kommentiert, obwohl nichts Schönes zu sehen ist. Die Bildgestaltung sei „zum Niederknien“ urteilt der Filmkritiker, dient aber der Inszenierung einer Perspektivlosigkeit und Verlorenheit.

Gesellschaftskritik: Das „Wir“ und „Die Anderen“

Die ästhetische Komposition der Bilder steht im starken Kontrast zur dominierenden Gewalt. Schon in der Exposition des Films als Dokumentation der Ausschreitungen in den ghettohaften Pariser Vororten. In der Handlung dann inszeniert: als rassistisch motivierte Polizeigewalt, als Gewalt der Protestierenden im Banlieue gegen ihre Umgebung und die Polizei, als Gewalt einer Gruppe Skinheads gegen die Protagonisten, die sich ebenso brutal zur wehr setzen.

DIN: Wolfgang M. Schmitt Vortrag zu La Haine
Den Vortrag im Kinosaal verfolgten vor allem junge Menschen, darunter natürlich viele Jusos. Die Nachwuchsorganisation der SPD hatte zum Vortrag mit anschließender Filmvorführung in die Lichtburg eingeladen. © FUNKE Foto Services | Rainer Hoheisel

Von der Darstellung der Gewalt im Film leitete Schmitt zu einer tiefergehenden gesellschaftlichen Analyse über. Der Film entlarve ein zentrales Gesellschaftsphänomen: die Trennung in „Wir“ und „Die Anderen“. „Der Andere wird produziert, damit die Gesellschaft ein Wir konstruieren kann“, erklärt Schmitt.

Weit verbreitete Art des Denkens

Schmitt verbindet diese Analyse mit aktueller Identitätspolitik. Zum Beispiel mit Bezug auf Muslime. Er zitiert: „Die hier lebenden Muslime haben Anspruch auf Schutz vor rechtsextremer Gewalt. Zu Recht. Wenn sie angegriffen werden, muss dieser Anspruch eingelöst werden. Das Gleiche müssen sie jetzt einlösen, wenn Jüdinnen und Juden angegriffen werden. Sie müssen sich klipp und klar vom Antisemitismus distanzieren, um nicht ihren eigenen Anspruch auf Toleranz zu unterlaufen.“

Mehr aus Dinslaken,Voerde und Hünxe

Alle Nachrichten aus Dinslaken, Voerde und Hünxe lesen Sie hier. +++ Abonnieren Sie unseren Newsletter per Mail oder folgen Sie uns bei Whatsapp, Instagram und Facebook +++

In dem Zitat wird die Forderung einer Distanzierung zum Antisemitismus verknüpft mit dem Schutzanspruch vor Gewalt. Und damit werden die Muslime als Sondergruppe behandelt, die ohne dieses klare Statement eventuell ihren Schutzanspruch verlieren könnte. „Das ist ein Denken von ‚Wir‘ und ‚Die Anderen‘, das eingezogen wird“, erklärt Schmitt und überrascht mit der Information: Das Zitat stammt nicht von einem rechten Politiker, sondern von Robert Habeck.

Fatalismus im Film und in der Gesellschaft

Wolfgang M. Schmitt hebt den Fatalismus in „La Haine“ hervor - eine Ausweglosigkeit, die alle Protagonisten gefangen hält. Als Hubert, einer der drei Protagonisten, seiner Mutter erklärt: „Ich muss hier weggehen“ und seinen Plan zur Flucht aus dem Viertel nach der Zerstörung seines Boxstudios schildert, antwortet sie nur: „Bring Salat mit, wenn du wiederkommst.“ Kein Ausweg existiert.

Diese Perspektivlosigkeit verknüpft Schmitt mit politischer Verantwortung und der Rolle der Sozialdemokratie in abgehängten Milieus, die auch in deutschen Städten zu finden sind: „Die Sozialdemokratie ist nie in diese Milieus eingedrungen, weil sie das teilweise auch nicht wollte“, erklärt er. Denn den Sozialdemokraten war früher ebenfalls eine Unterscheidung zwischen einem „Wir“ aus Arbeitern und einem „die Anderen“ in Form von Gastarbeitern nicht fremd.

Mit Sozialdemokratie gegen Fatalismus

Schmitt verdeutlicht sein Argument mit lokalen Zahlen: 15 Prozent der Kinder im Wahlkreis leben in Armut. Zwischen gewissen Ortsteilen niederrheinischer Städte, Brennpunkten im nahen Ruhrgebiet und den Pariser Banlieues liegt also kein weiter Abgrund. Es ist eher eine gemeinsame Erfahrung der Ausgrenzung. „Da sind wir von ‚La Haine‘ nicht weit entfernt“, kommentiert er. Junge Menschen fühlen sich durch Wehrdienstdiskussionen, Vernachlässigung während der Corona-Pandemie und fehlende Perspektiven ähnlich verloren wie die Filmcharaktere.

Wolfgang M. Schmitt

Wolfgang M. Schmitt (*1988) arbeitet als freier Journalist, Ideologie- und Kukturkritiker, Podcaster und Youtuber.

Neben seinem Youtube-Format „Die Filmanalyse“ ist er regelmäßig im Podcasts- und Youtube-Format „Wohlstand für alle“ (gemeinsam mit Ole Nymoen) und „Die neuen Zwanziger“ (mit Stefan Schulz) zu hören.

Gemeinsam mit Ole Nymoen veröffentlichte Wolfgang M. Schmitt das Buch „Influencer: Die Ideologie der Werbekörper“, das mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Zudem schrieben die beiden gemeinsam das Kinderbuch „Die kleinen Holzdiebe und das Rätsel des Juggernaut“.

„Eigentlich müsste man ‚La Haine‘ als Utopie neu verfilmen“, meint Schmitt gegen Ende seines rund 45-minütigen Vortrages. „Wie wäre das, was wir da sehen, anders zu gestalten?“ Seine Kernaussage: Der Fatalismus mag dramaturgisch wirken, bleibt gesellschaftlich jedoch inakzeptabel. „Den Fatalismus zu durchbrechen wäre eigentlich die Rolle der Sozialdemokratie“, schließt er vor dem anscheinend überwiegend aus Jusos bestehenden Publikum.

Reaktionen und Wirkung des Vortrags

Schmitts Vortrag verknüpfte Film, Gesellschaft und politisches Engagement. Die folgende Vorführung von „La Haine“ in der Lichtburg ermöglichte den Besuchern, seine Analysen direkt zu überprüfen und die zeitlose Bedeutung des Films zu erleben. Nach dem dramatischen, brutalen Ende herrschte Stille im Kinosaal.

Die Frage, ob er glaubt, er habe seine sozialdemokratisch engagierten Zuhörer im Kinosaal erreicht, pariert Schmitt mit der lakonischen Skepsis eines Kulturkritikers. „Das weiß ich nicht“, sagt er. „Auf jeden Fall haben sie alle artig zugehört.“ Wenn Erkenntnis und Handeln in diesem Fall zusammenkommen, könnte das zu politischem Engagement führen, das zu etwas weniger Fatalismus in den Städten des Kreises Wesel beitragen würde. Damit wäre bereits viel gewonnen.