Dunkle Wolken hängen über dem Burgtheater, aber Maite Kellys Ansage aus dem Off sort für Überraschung bei den 2.000 Schlagerfans im, seit Wochen ausverkauften, Burgtheater aus: „Dies ist eine Open-Air-Veranstaltung. Bei leichtem Nieselregen wird die Show nicht unterbrochen“. Damit hätte wohl auch keiner gerechnet. Aber im Gegensatz zu zwei ihrer Brüder, Patrick und Angelo, war Maite Kelly noch nie im Burgtheater und konnte von daher auch gar nicht wissen, wie wetterfest das Dinslakener Publikum ist.

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Wenn es denn wirklich regnet. Der Fall trat nämlich am Donnerstagabend nicht ein. Nur die weißen Seifenblasen links und rechts der Bühne verwandelten das Burgtheater in eine riesige Schneekugel. Und das war bereits Teil der Show, deren Motto „Singen. Tanzen. Sommernacht“ mit „100% Herz“ zu 120 Prozent erfüllt wurde. Man brauchte nicht Schlagerfan sein, um diese Show im Rahmen der Sommerkultur zu schätzen. Sie war einfach gut.
Das Publikum schmilzt im Seifenblasen-„Schnee“ dahin
Und das lag an Maite Kelly und ihrer Persönlichkeit. Sie war, ist und bleibt eine Kelly, betonte sie, als sei dies nach dem Opener noch nötig gewesen. Im Seifenblasen-„Schnee“ tanzt eine ihrer beiden Tänzerinnen auf Spitze, Maite Kelly singt dazu im weißen Eisprinzessinnen-Cape „David‘s Song“. Das Publikum – alle Erwachsenen-Generationen sind vertreten – schmilzt dahin.
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Dann aber wechselt sie zu der Maite Kelly, die sie seit über zehn Jahren ist: eine der erfolgreichsten deutschen Schlagersängerinnen. Doch fast rockig klingt „Sieben Leben für dich“ – die Liveband leistet ganze Arbeit, während Maite Kelly, nun begleitet von beiden Tänzerinnen, zeigt, wie gut sie sich bewegt. Da merkt man die Musicalerfahrung in jeder Fingerspitze.
Nähe zu den Fans vor der Bühne
Noch ein Discofox hinterher, das Schlagerpublikum ist selig. Und Maite Kelly dreht auf, um der Show ihren ganz eigenen Stempel aufzudrücken. Sie bricht aus, spielt mit dem Genre, nimmt sich selber hoch und entlarvt dabei die anderen. Sie geht auf in den großen Gesten, dem Glitzer, dem Glamour der großen Showtreppe und bleibt gleichzeitig nahbar, authentisch, echt.
Das erlebt vor allem der etwas abseits gelegene Block C. Immer wieder zieht es sie nicht nur zu den Fans in der ersten Reihe Mitte, sondern in den Schatten am Rand, wo kein Scheinwerferlicht sie glänzen lässt, aber wo sie ihrem Publikum dort ihre ganze Aufmerksamkeit schenken kann und dafür die Sympathien zurückbekommt. Sie habe schließlich selbst mit ihrer Tochter mal für teures Geld Karten für Harry Styles gekauft und dann hätte man auf den Plätzen kaum was sehen können, der Block C soll nicht mit diesem Gefühl des Abseitsstehens nach Hause gehen. Maite Kelly zeigt Empathie. Und das gilt auch für ihre Crew und die Mitarbeitenden im Burgtheater, die sie immer wieder in den Fokus der Show stellt.
Weit abseits der Perfektion
Es regnet nicht, die Bedenkenträger haben Glück. Denn was hätte alles passieren können! Eine regennasse Schlagerdiva! Haar-Extensions, die vom Winde verweht werden! Es reicht doch schon, wenn sie etwas wilder tanzt, dann müssen die Stylistinnen sie auf der Bühne wieder zusammenbauen! Maite Kelly bedient in ihrer Show das Schlagerbiz und bricht gleichzeitig den Hang zum schönen Schein, der heutzutage normierte Perfektion bedeutet, geradezu ironisch subversiv.
Meine Schlagerfuzzis sind geiler als deine Pop-Leute
Maite Kelly via Smartphone zu Michael Patrick Kelly.
Sie selbst bezeichnet sich als „Dickerchen“, ihre Figur wäre aber „das Resultat aus harter Arbeit und Sahne“. Selbstironie als Gesellschaftskritik. Denn wann spricht es sich endlich herum, dass es Menschen halt in verschiedenen Größen und Formen gibt. Maite Kelly gehört zu jenen, die mit einer außergewöhnlichen Stimme gesegnet sind. Das und nur das ist es, was ihrer Erscheinung Gewicht verleiht.
Freddy-Mercury-Posen
Denn singen kann Maite Kelly wie kaum eine andere in Deutschland. Den Schlager interpretiert sie so perfekt, weil sie das Geheimnis der Legenden der Siebziger Jahre kennt und sogar dem Publikum verrät: Mit mehr „Drama“ soll es singen, mit mehr „Hchaa“. Mit Folkpop ist sie aufgewachsen, ebenso ist ist sie ein Kind der 90er. „What is love“ interpretiert sie als Klavierballade.
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Und ihr Rock‘n‘Roller-Herz schüttet sie mit „Sexy“ von Marius Müller-Westerhagen aus, als würde nun das ganze Konzert stilistisch umschlagen. Es wird aber nur gebrochen: Während sie den Mikroständer in Bon-Jovi-Manier schleudert, wechselt Maite Kelly vom Tina-Turner-Cover zu „Es ist einfach passiert“, um dabei im Finale Freddy-Mercury-Posen zu zelebrieren. Das Publikum tobt und Franky, der Fotograf auf der Bühne, knipst die Speicherkarte voll.
Kelly Family und Robby Williams
„Oh, wie ist das schön“, singen die Fans. Und „Oh, wie bist du schön“. Kelly kündigt ihre Arena-Tour 2027 an. Aber bevor sie „Warum hast du nicht nein gesagt“, ihr bekanntester Hit mit Roland Kaiser, wieder vor Zehntausenden singen wird, wird es noch einmal ganz nah und nostalgisch im Burgtheater. „Angel“? „Angels instead“? Ein letztes Mal zwinkert Maite Kelly musikalisch mit den Augen, singt erst den Hit der Kelly Family und dann den von Robby Williams. Dann genießt sie die Show und die Stimmung unter den Fans ein letztes Mal in vollen Zügen: „Guck mal Patrick“, grinst sie in die Smartphone-Kamera, „meine Schlagerfuzzis sind geiler als deine Pop-Leute“.




