Menschen auf der Flucht. Gestrandet an der Küste Nordafrikas, beginnt dort das zermürbende Warten auf das Visum nach Lissabon. Manche haben Glück, erwischen einen der Flieger, deren Donnern man über den Köpfen hört. Manche geben ihr Vermögen für Schlepperbanden, manche schlagen sich die Zeit tot. Es ist die Zeit, in der in Europa der Zweite Weltkrieg tobt, in der der direkte Fluchtweg durch Frankreich über Spanien nach Portugal und von dort aus in die USA abgeschnitten ist. Es ist eine Zeit, die nach der Entscheidung drängt, auf wessen Seite man steht. Aber sicherlich ist es keine Zeit für die große, unmögliche Liebe. Aber genau um dies alles geht es in „Casablanca“.
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Nadja Blank hat den Filmklassiker mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman von 1942, für die Burghofbühne Dinslaken bearbeitet. Am Samstag (t. September) fand die Premiere in der Kathrin-Türks-Halle statt. „Transit Casablanca“ heißt diese Bühnenadaption in bewusster Abgrenzung vom Film. Und schon der Titel zeigt, wo der Fokus des Theaterstücks liegt. Die Flucht-Situation, der Krieg und der Widerstand gegen das Nazi-Regime sind deutlich stärker hervorgehoben.
Von der eigenen Vergangenheit eingeholt
Zur Handlung. Der einst im Widerstand gegen die Faschisten aktive, jetzt aber desillusionierte Richard „Rick“ Blaine (Markus Penne) betreibt in dem unter französischer Vichy-Herrschaft stehenden Casablanca den Nachtclub „Rick's Café Americaine“, ein Treffpunkt der gestrandeten Geflüchteten. Ihm fallen zwei Transit-Visa in die Hände, für die ein Schwarzmarkt-Händler zwei deutsche Offiziere erschoss und selbst dafür mit dem Leben bezahlte. Da wird er von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt.
Ilsa (Christiane Schaller), mit der er in Paris eine Affäre hatte und die ihn sitzen ließ, erscheint an der Seite ihres Mannes Victor László (Thomas Kaschel), einem von den Nazis gejagten Widerstandskämpfer, in „Rick's Café“. Ilsa ist Ricks große Liebe. Enttäuschung und Wut, Hoffnung auf ein Happy End und die Erinnerung daran, dass er selbst einmal für seine Überzeugungen einstand, setzen einen Sturzbach der Emotionen in ihm frei. Der zynische Eisblock taut auf. Doch was bedeutet Liebe zu Zeiten des Krieges? Bis zum Schluss ist es nicht klar, ob und wie in Rick gleichermaßen Herz und Verstand siegen werden.

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Markus Penne spielt „Rick“ spielt. Kalt und abweisend, mit einem Hauch von Oberflächlichkeit ist er nur zu Beginn. Der korrupte Polizeichef Louis Renault (Arno Kempf), ein Spieler, der Visa gegen Sex vergibt, hat längst Ricks „sentimentale Ader“ aufgespürt. Und mit dem Erscheinen von Ilsa bricht Ricks äußere Fassade völlig zusammen. Alkohol, emotionale Ausbrüche: Markus Penne kehrt das Innenleben dieses Abenteurers und Verlierers nach außen.

Cool bleibt dagegen Ilsa. Nadja Blank und Christine Schaller haben sie als starke, beherrschte Frau angelegt, die László nicht aus Liebe zum Menschen, sondern aus Bewunderung für seine Sache geheiratet hat und die Ricks „Ich schau dir in die Augen, Kleines“, mit einem „Ich schau dir in die Augen, Kleiner“ kontert. Eine Beziehung auf Augenhöhe? Nein, Rick ist nur eine Schwäche von Ilsa, die sie zu beherrschen weiß.
Und in einer solchen Konstellation muss es einen umso stärkeren László geben. Einmal lässt „Transit Casablanca“ in sein Innenleben blicken. Und dies ist eine der stärksten Szenen des Stückes: Projiziert auf den Kordelvorhand über der Showtreppe von „Rick‘s Café“ (Bühne Jörg Zysik) singt, den Kopf im Dreiviertelprofil von der Kamera abgewendet, „Die Moorsoldaten“. Es ist Kaschels erstes Gastengagement bei der Burghofbühne, weitere dürfen nach der überzeugenden Leistung am Samstag gerne folgen.
Ich schau dir in die Augen, Kleiner“
Ilsa (Christine Schaller), ist in Nadja Blanks „Casablanca“-Version ein starke Frau.
Es wäre also alles darin angelegt, um aus „Casablanca“ ein großes, von der ersten Sekunde an packendes Bühnendrama zu machen. Doch das ist nicht die Intention. Nadja Blank inszeniert vor allem die erste Hälfte des Stücks als ein Nebeneinander von durchchoreographierten wie Distanz schaffenden Theater mit Sprechen im Chor, frontalem Spiel zum Publikum anstatt Interaktion der Schauspieler und erzählender Beschreibung der Handlung. Unterbrochen wird dies durch Gesangseinlagen.
Im Laufe des Stückes wird jeder, selbst Renault und Strasser, zu Musical-Protagonisten. Anna Marzinszik zersägt als Nazi-Major Strasser mit ihrem Gesang „Die Wacht am Rhein“ und Sam, Rick‘s Musiker, der das legendäre „As time goes by“ spielt, kann bei der Burghofbühne nur Jan Exner sein. Der spielt in „Transit Casablanca“ Gitarre. Und begleitet noch viele weitere Songs, die es im Film nicht gibt. Erst wenn mit Ilsa Ricks Gefühlsleben zurückkehrt, entwickelt sich echtes szenisches Spiel in den Dialogen, berührt „Transit Casablanca“ so, wie es der Film vermochte.
Und der „Beginn einer wunderbaren Freundschaft“? Es ist Krieg, Wie am Anfang heulen die Sirenen, sind Menschen auf der Flucht. „Vielleicht“, sagt Rick, „vielleicht“.




