Nicht ohne Stolz zeigt Silvio Magerl die fast 100 Jahre alte Stempeluhr, die einst im Bergwerk Sterkrade ihren Dienst tat, jahrzehntelang in einem privaten Keller gelagert wurde und nun, in Eigenleistung vom Freundeskreises des Ledigenheims Lohberg und einem Uhrmacher restauriert, im dortigen Bergleute-Museum Dizeum ausgestellt ist. Die Stempeluhr ist die erste Station des historischen Rundgangs durch das Ledigenheim. Und dieses ist wiederum eine der sieben Orte, die am Sonntag, 14. September, im Zuge des bundesweiten Tags des Offenen Denkmals in Lohberg erkundet werden konnten.
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Von der Stempeluhr zur Stanzkarte: Die erhielten die historisch Interessierten am Sonntag. Wer alle sieben, geöffneten Lohberger Denkmale besuchte, erhielt Souvenirs: eine Ansichtskarte mit den Sehenswürdigkeiten und einem kleinen Bergmann aus Holz sowie eine kleine Pappschachtel mit dem Text des Steigerlieds und einer Hariza-Gewürzmischung – schließlich gehörte ein kulinarisches Angebot mit zur Tour.
Beim Tag des Offenen Denkmals in Dinslaken bekamen die Besucher einen Einblick in die Architektur und Historie des Ledigenheims
Der Tag des Offenen Denkmals gibt einen erlebbaren Überblick über Architektur, die wertvoll ist durch ihre Historie und ihre Gegenwart. Einen Überblick, der im Ledigenheim tatsächlich eine fantastische Aussicht bedeutete. Silvio Magerl führte die Besucher unter den historischen Dachstuhl des Gemäuers. Und nach Osten bieten die Fenster – die obersten der Schmuckfassade – einen Blick über die Gartenstadt, das viele Grün und die Skyline des ehemaligen Bergwerks vom Wasserturm bis zum restaurierten Fördergerüst.
Der Tag des Offenen Denkmals
Der Tag des Offenen Denkmals wurde von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz initiiert und wird von ihr koordiniert. Mit rund 6000 Angeboten an einem Tag ist es die größte Kulturveranstaltung im Lande. In Lohberg koordinierten sich sieben Denkmal-Kümmerer von der Kirche bis zum Kiosk ihre Aktionen. Auf Dinslakener Stadtgebiet waren ebenso die Kirche in Oberlohberg, das Mühlenmuseum in Hiesfeld und das Museum Voswinckelshof geöffnet.
Links und rechts davon war an diesem Sonntag einiges los. Im Haus Barbara sitzten schon zur Mittagszeit die Gäste zu Tisch, hier beeindruckte einmal mehr die Licht- und Lohnhalle. Im ehemaligen Sozialhaus wies Walburga Schild-Griesbeck auf die Spuren des einstigen Mobiliars auf dem Parkettboden. Die Zeche schloss 2005. Und die Künstlerin hat ihr Atelier auch schon wieder mehr als eine Dekade in den Räumlichkeiten. Die Pop-up-Kneipe „Zum Glückauf“ dagegen öffnete, wie der Name schon sagt, nur im jeweiligen Aktionsraum. Aktuell ist es wieder soweit und die Ehrenamtlichen der Freilicht AG ließen auch am Tag des Offenen Denkmals die Geschichte der Zechenwerkstatt lebendig werden.
Auch die Johannesschule in Dinslaken wurde am Tag des Offenen Denkmals besichtigt
Der Blick aus den Dachfenstern des Ledigenheims begeisterte. Handys werden gezückt, dann ging es wieder treppab bis hinunter in den Keller. Doch der Weg führte über den Hof Backstage und über die Bühne. Die gab es schon, als hier noch die jungen, ledigen Bergmänner ohne Alkohol und Damenbesuche beschäftigt werden mussten. Was sich die Lehrer der Johannesschule von ihrem Lehrerzimmer sicherlich nie hätten träumen lassen. Doch genau das war im Erdgeschoss der Johannesschule an der Teerstraße 2 der Fall. Tagsüber Improtheater, gerne auch zum Mitmachen, abends gab Matthias Reuter ein Preview seines neuen Programms „Ich bin noch gut“. Ein Motto, das für alle zu besichtigen Orte in der als ganzes Ensemble unter Denkmalschutz stehenden Gartenstadt Lohberg galt.

St. Marien konnte erst eine Stunde später als die anderen Stätten besichtigt werden, um 11 Uhr fand noch eine kroatische Messe statt. Und sprach man Abdullah Aksoy im über 100 Jahre alten Kiosk auf dem Johannesplatz auf Sanierungsmaßnahme an, winkte er ab: „Hier drin ist alles modern genug“. Und das Angebot selbst war richtig gehend trendy: von der Schokolade bis zu den angesagtesten Schlüsselanhängern des Jahres.
Schriftzug im Keller der Johannesschule in Dinslaken wirft Fragen bei den Besuchern auf
Lohberg ist eine Schöpfung des Bergbaus. Alles im Stadtteil wurde darauf angelegt, Arbeiter zu gewinnen und zu halten. Mit der Zeche kamen die Zechenhäuser der Gartenstadt, die Nahversorgung, Schule und Kirchen. Alles bekannt, alles wissenschaftlich aufgearbeitet. Oder doch nicht? Gibt es noch Vergessenes zu entdecken? Das ehrenamtliche Team der Halben Treppe ließ in Spielszenen den Schulalltag von 1925 lebendig werden, setzte eine Utopie des künftigen Lernens mittels VR-Brillen dagegen. Dann ging es aus den ehemaligen Klassenzimmern, in denen immer noch die alte Kreidetafeln von Einst hängen, in den Keller. Und dort zeigte Wolfgang Schmidt ein historisches Zeugnis, das seit Jahrzehnten verborgen blieb.
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Im Kellerraum, den die Halbe Treppe als Theaterfundus nutzt, zeigt eine für ihr Alter frisch und sehr akkurat aussehende Wandmalerei Jungen im Stil der 30er Jahre am Lagerfeuer. Und oben, teils von Kabeln aus den 70er Jahren verdeckt, verläuft ein Schriftzug, der an typische Propaganda der Nazi-Zeit erinnern. Aber der „Wandervogel“-Text stammt von Eberhard Koebel. Der spätere Kommunist gründete 1929 die Jugendorganisation dj.1.11., der auch Hans Scholl angehörte. Wer also nutzte den Keller? Steht das Fahrtenlied im Kontext mit der Wandervogelbewegung oder mit dem progressiven und später im Untergrund agierenden dj.1.11.? Die Denkmale von Lohberg haben noch längst nicht all ihre Geheimnisse preisgegeben.


