Götz Aly, Historiker, Journalist und einer der bekanntesten Autoren zur Geschichte des Nationalsozialismus, ist am Samstag, 8. November, zu Gast in Dinslaken. Auf Einladung des Vereins Stolpersteine Dinslaken liest er um 18 Uhr im Dachstudio der VHS (Friedrich-Ebert-Straße 84) aus seinem gerade erschienenen Buch: „Wie konnte das geschehen?“

Für seine Werke (unter anderem „Endlösung“, „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“, „Die Belasteten“, „Europa gegen die Juden 1880–1945“) und sein Engagement zur Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit wurde der in Heidelberg geborene und in Berlin lebende Autor vielfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem „Heinrich-Mann-Preis für Essayistik der Akademie der Künste“, dem „National Jewish Book Award“ und dem Geschwister-Scholl-Preis“. 2007 wurde ihm zudem das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

Anne Priors Beitrag in Alys Buch schlug hohe Wellen

Auf den Verein „Stolpersteine Dinslaken“ und dessen Vorsitzende Anne Prior ist Götz Aly durch Priors Forschungen zum Schicksal der Juden in Dinslaken aufmerksam geworden. Vor zwei Jahren veröffentlichte die Dinslakener Forscherin, Autorin und Buchhändlerin – die ebenfalls mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde - einen Aufsatz in Götz Alys Buch „Unser Nationalsozialismus“.

Die Recherche, die Anne Prior seinerzeit gemeinsam mit Götz Aly in einer gemeinsamen Lesung im Landesarchiv NRW in Duisburg vorstellte, schlug hohe Wellen: Sie hat akribisch nachgewiesen, dass Irmgard Kroymann, Gewerkschafterin aus dem Ruhrgebiet und angebliche Ikone des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, gelogen und sich zum Opfer der Nationalsozialismus gemacht hat – tatsächlich aber war sie Täterin. Anne Prior sprach von „dreisten Lügen“.

Warum haben sich die Deutschen an den Massenmorden beteiligt?

Warum beteiligten sich Hunderttausende an den Massenmorden im Nationalsozialismus? Warum am Krieg, den das Volk doch eigentlich fürchtete? Diese Fragen beleuchtet Götz Aly in seinem aktuellen Werk „Wie konnte das geschehen?“ Jeder habe wissen können, welche Schuld die Deutschen auf sich luden, so Aly, die Angst vor dem, was nach einer Niederlage geschehen würde, sei bewusst geschürt worden.

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In dem Buch schildert Götz Aly die „Herrschaftsmethoden, mit denen die NS-Machthaber Millionen Deutsche in gefügige Vollstrecker oder in vom Krieg abgestumpfte Mitmacher verwandelten – und von denen nicht wenige beängstigend aktuell sind“, so der Verlag S. Fischer, in dem das Buch erscheint. 

Ich erkenne wesentlich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten.

Götz Aly,, zur Frage zu Parallelen zwischen damals und heute

Gibt es Parallelen zwischen damals und heute? Diese Frage, die aktuell immer wieder diskutiert wird, beantwortet Götz Aly in einem Interview mit der Deutschen Presse Agentur so: „Ich erkenne wesentlich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten“. Er sehe kaum Parallelen zwischen der Zerstörung der Weimarer Republik durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 und den heutigen Herausforderungen der deutschen Demokratie. 

„Wir haben intakte Verfassungsorgane – das kann man vom damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg nicht sagen“, sagte Aly. Er sei optimistisch, dass sich die heutige deutsche Demokratie zu verteidigen wisse. „Ich sehe keinen Grund für Alarmismus“, sagte er. Und weiter: „Ich finde es auch nicht in Ordnung, die AfD in die Nähe der NSDAP zu rücken. Ich kann nicht erkennen, dass in den auch mir unsympathischen Auftritten von Alice Weidel ein Goebbels oder Hitler durchschimmern würde – das waren ganz andere, völlig skrupellose Persönlichkeiten“, so Aly in dem Interview. Und weiter: „Fraglos gibt es rassistische, auch gewaltbereite Gruppierungen innerhalb der AfD. Aber das gilt bislang nicht für die gesamte Partei, außerdem haben wir heute keine Bürgerkriegssituation so wie 1931/32.“

Was ihn bei Trump und Putin an die Nazis erinnert

Allerdings beobachte er anderswo einzelne Herrschaftsmethoden, die ihn durchaus an die Nazi-Diktatur erinnerten. Dazu gehöre Putins Direktive, den Krieg gegen die Ukraine nur als „militärische Spezialoperation“ zu bezeichnen. Auch Propagandaminister Joseph Goebbels habe nach dem Überfall auf Polen 1939 das Wort „Krieg“ verboten, stattdessen musste die Presse von einem „Gegenangriff“ schreiben. Im weiteren Verlauf des Krieges seien dann umgekehrt die Wörter „Frieden“, „Friedensinitiative“ und „Friedenshoffnung“ verboten worden.

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Heutige autoritäre oder halb-autoritäre Regime verfolgten zudem häufig die Strategie, sich durch soziale Wohltaten des Rückhalts der Bevölkerung zu versichern. Das habe auch für die Nationalsozialisten eine zentrale und heute oft unterschätzte Rolle gespielt, so Götz Aly. So habe Hitler nach dem Stocken des Russland-Feldzugs im Herbst 1941 die Renten um durchschnittlich 15 Prozent erhöht und die Rentner in das Krankenkassensystem integriert – bis dahin verlor man mit Eintritt in die Rente den Versicherungsschutz. Solche sozialen Beruhigungsgeschenke seien Bestandteile der Politik von Viktor Orban in Ungarn und Putin in Russland, sagte Aly.

US-Präsident Donald Trump teile Hektik, Tempo und Aktionismus mit der NS-Regierung. „Jeden Tag ein anderes Dekret raushauen, jeden Tag Fake News herausposaunen, die Gegner fortwährend unter Druck setzen, die Welt durch immer neue Initiativen, Provokationen und Drohungen verunsichern.“

Gleichzeitig gelte aber: „All diese Vergleiche hinken. Weder Putin noch Orban noch Trump sind mit Hitler gleichzusetzen. Anders als dieser arbeitet Trump nicht auf einen von den USA zu führenden Eroberungskrieg hin“, so Aly. Vorschnelle Gleichsetzungen seien generell nicht hilfreich, um aktuelle Entwicklungen zu verstehen. Er wolle mit seinem Buch zeigen, wie die nationalsozialistischen Führer Herrschaftsmethoden benutzten, die bekannt und weiterhin in Gebrauch seien.

Eintritt und Büchertisch

Der Eintritt zum Vortrag in Dinslaken kostet 5 Euro an der Abendkasse. Die Buchhandlung Thalia stellt einen Büchertisch zum Thema zusammen. (mit dpa)