Der 27. Januar ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Spurlos aus dem Gedächtnis der Stadt Voerde verschwunden ist der Fotograf Carl Heldberg. Er wohnte mit seiner Familie, seinen beiden Söhnen einst in Friedrichsfeld auf der Poststraße. Das ist das Haus, wo sich heute ein Reisebüro und ein Blumengeschäft befinden. Wer weiß, vielleicht kleben in manchen alten Fotoalben in der Region noch Bilder, die er aufgenommen hat.

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Carl ist 1934 gestorben, seine Frau stammte aus Wesel, sie war eine gebürtige Frankfurterin, Tochter eines jüdischen Weseler Fotografen und Journalisten. Carl war kein Jude, aber er war zur Ausbildung in Wesel in einem jüdischen Fotoatelier und hat seine Zukünftige dort kennengelernt. Veronika starb 1927 und ist auf dem Friedrichsfelder Waldfriedhof beerdigt. Sie war eine begabte Pianistin und gab dieses Talent ihrem Sohn Lothar weiter.

In der NS-Zeit wurden solche „Halbjuden“ oft zur Zwangsarbeit herangezogen. Ob auch Lothar in Voerde im Straßenbau arbeiten musste oder zwangsweise die Friedhofswege sauber halten, das wissen wir nicht. Er überlebte aber die Nazizeit und blieb wohl unter dem Schirm der Judenjäger, er ist 1957 in Friedrichsfeld gestorben. Schlimmer erging es seinem Bruder Walter, der nach Hamburg gezogen war und sich dort in die Jüdin Laura/Lona Tarter verliebt hatte. Kurz nach der Hochzeit zog er für Deutschland in den 1. Weltkrieg.

Walter Heldberg verliebte sich in Lona Tarter.
Walter Heldberg verliebte sich in Lona Tarter.© Halle der Namen in Yad Vashem in Jerusalem

Auch er war Fotograf und arbeitete in der Hansestadt zudem als Schaufensterdekorateur. Ihre beiden Jungs, Werner und Egon brachte die Familie nach Dänemark und England in Sicherheit. Am 25. Oktober 1941 wurden die Eheleute Heldberg ins Ghetto Litzmannstadt deportiert. Hier schrieb Walter im Mai 1942 noch einen Brief, mit dem er um Verschonung vor einer weiteren Deportation bat. In dieser Zeit musste er harte Zwangsarbeit im Ghetto leisten. Wenige Tage später mussten sie sich am Bahnhof einfinden, um ins 70 Kilometer entfernte KZ Kulmhof eingeliefert zu werden. Sämtliche Ankömmlinge wurden dort in Gaswagen getrieben und mit Motorabgasen vergast. Kaum ein Insasse überlebte in diesem Vernichtungslager länger als einen Tag. 

Über Gastautor Markus Gehling

Markus Gehling ist 1967 im Münsterland geboren. Er ist seit 2013 Pastoralreferent in der Pfarrei St. Peter und Paul Voerde und seelsorglich hauptsächlich in den Gemeinden St. Paulus Voerde und St. Barbara Möllen tätig. Er ist unter anderem Ansprechpartner für Kindergärten und Grundschulen sowie für Ameland-Freizeiten.

Beide Heldberg-Kinder lebten seit ihrem 11./12. Lebensjahr in Voerde-Friedrichsfeld

Beide Heldberg-Kinder, Walter und Lothar, sind zwar in Schlesien geboren, lebten aber seit ihrem 11./12. Lebensjahr in Friedrichsfeld. Der Vater war ein anerkannter Mann im Ort, der 1903 sogar zu den Wahlleuten für das Preußische Abgeordnetenhaus in Berlin berufen wurde. Die Heldbergs waren evangelisch, auch Walter und Lothar waren evangelisch getauft. Auch Veronika wurde vom ev. Pfarrer beigesetzt, obwohl sie jüdisch geblieben war. 
 
Auch wenn sie niemand mehr kennt und niemand mehr an sie denkt. Wir haben ja viele Möglichkeiten, ihre Namen dem Vergessen zu entreißen und an sie zu erinnern. Diese Notiz in der Zeitung ist eine davon. Es wäre erfreulich, wenn noch das ein oder andere Foto aus dem Atelier Heldberg auftaucht oder vielleicht noch jemand etwas über Lothar sagen kann, der zuletzt an der Hindenburgstraße gegenüber vom Hindenburg-Grill lebte und dort eines Nachts an einem Herzinfarkt verstarb. Er war immerhin 57 Jahre lang Bürger der Stadt.

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Anmerkung der Redaktion: In dem Bericht von Markus Gehling über die Eheleute Heldberg hieß es an einer Stelle, dass die Eheleute „ins polnische Ghetto Litzmannstadt deportiert“ wurden. Die Formulierung hat bei Lesern den Eindruck erweckt, dass das Ghetto von polnischer Seite eingerichtet worden sei. Das ist aber nicht der Fall. Die polnische Stadt Lodz wurde 1940 von den deutschen Besatzern in Litzmannstadt umbenannt. Die Besatzer riegelten einzelne Bezirke ab und schufen so das Ghetto. Während des Zweiten Weltkriegs war es ein Bestandteil der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Der Satz im Artikel wurde korrigiert.