Wo das ausgezeichnete Jugendstück „Flaschenkinder“ seine Uraufführung feiern wird, durfte die Verfasserin jetzt den Kathrin-Türks-Preis in Empfang nehmen. Akteure der Burghofbühne, Rebecca C. Schnyder, die die diesjährige Preisträgerin ist, sowie zahlreiche Gäste erlebten einen abwechslungsreichen Abend in der Remise der Burghofbühne.

Mehr aus Dinslaken,Voerde und Hünxe

Alle Nachrichten aus Dinslaken, Voerde und Hünxe lesen Sie hier. +++ Abonnieren Sie unseren Newsletter per Mail oder folgen Sie uns bei Whatsapp, Instagram und Facebook +++

Darum geht es in dem Theaterstück der Preisträgerin

Schnyder wurde für ein Stück ausgezeichnet, das kein leichtes Thema zum Inhalt hat. Kim und Noe sind erst neun Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal am Altglascontainer begegnen. Sie sind beladen mit Tüten voller Flaschen und der ganzen Last, die man trägt, wenn man Kind alkoholkranker Eltern ist. Eine Last, die beide verbindet, ein Geheimnis, das für diesen gemeinsamen Moment am Tag ein klein wenig leichter wird.

Täglich (außer Samstag)

Dinslaken-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!

Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Sie teilen ihre Ängste miteinander, ihre Wut, aber auch ihre Träume und Wünsche. Und auch wenn ihre Situationen sich in vielerlei Hinsicht unterscheiden, merken sie doch, wie gut es ihnen tut, eine Art Verbündeten gefunden zu haben. Kim und Noe werden älter. Sie streiten sich, verzeihen sich und schmieden Pläne, die niemals Wirklichkeit werden, weil immer alles anders kommt. Und so verlieren sich die beiden über die Jahre und finden sich wieder. Immer am Container, immer zu zweit.

Rebecca Schnyders Jugendstück „begleitet Kim und Noe auf ihrem Weg vom Kindsein ins Teenageralter und zeigt eindringlich, was es bedeutet, mit suchtkranken Eltern aufzuwachsen. Sensibel und zugleich kraftvoll erzählt es von Verantwortung, Loyalität und der Sehnsucht nach Normalität – vor allem aber von einer Freundschaft, die Halt gibt, wenn alles andere ins Wanken gerät“, heißt es in der Jurybegründung zum Kathrin-Türks-Preis.

So hat die Jury das Theaterstück bewertet

Nikola Schellmann, die stellvertretend für die fünfköpfige Jury die Laudatio hielt, betonte, wie klug der Glascontainer von Schnyder als Ort der Handlung gewählt wurde: „Der Glascontainer ist sowohl für Noe und Kim als auch für das Setting des Textes eine Konstante. Für die Beziehung der beiden bedeutet er einen verlässlichen Ort. Und das, obwohl die Inhalte eines solchen Containers ja regelmäßig geleert werden müssen: Was eingeworfen wurde, ist erst zersplittert und wird später von einem Entsorgungsbetrieb abgeholt.“

Die mit den jeweiligen Flaschen verbundenen Tage, Situationen, Erlebnisse werden geräuschvoll weggeworfen und sind einige Zeit später nicht mehr da. Noe und Kim hingegen kommen immer wieder. Denn das zersplitterte Glas hilft nicht, ihr Leben aufzuräumen. Wie die Flaschen zerspringen auch ihre Leben täglich neu.

Die Bühne am Tenterhof

„Wir haben das Geld, die Veredelung findet aus der Gesellschaft heraus statt“, leitete Tobias Henrichs von der Niederrheinischen Sparkasse Rhein-Lippe (Nispa) die Preisübergabe an die Autorin feierlich ein. Anders als in den vergangenen Jahren wurde die Preisverleihung nicht in den Räumlichkeiten der Nispa, die seit der Wiederbelebung des Kathrin-Türks-Preises 2008 das Preisgeld stiftet, ausgetragen. Dort können wegen Umbaumaßnahmen gerade keine Veranstaltungen stattfinden, aber die Bühne am Tenterhof stellte sich als würdiger Ort für den Festakt heraus, nicht zuletzt, weil am selben Ort ja auch die Uraufführung von „Flaschenkinder“ im Januar 2027 geplant ist.

Zum Schluss des offiziellen Teils trugen Oleksandra Zapolska und Vera Rumpel, die beiden Schauspielerinnen des Kinder- und Jugendtheaters der Burghofbühne, Auszüge aus „Flaschenkinder“ in einer szenischen Lesung vor. Für das musikalische Begleitprogramm zeichneten ebenfalls Oleksandra Zapolska gemeinsam mit Jan Exner verantwortlich. Das Duo spielte Songs, die wie Wandas „Meine beiden Schwestern“ oder „Vierzehn“ von Tristan Brusch inhaltlich lose an die Themen des Preisträgerstücks anknüpften.

Das sagte Landrat Ingo Brohl bei der Preisverleihung in Dinslaken

Nicht nur die Jury-Laudatio, auch die Reden von Landrat Ingo Brohl und vom Dinslakener Bürgermeister Simon Panke würdigten die Qualität und die gesellschaftliche Relevanz des Preisträgerstücks. „Als Gesellschaft stehen wir in der Verantwortung, solche Realitäten nicht zu übersehen. Es geht um mehr als soziale Fragen – es geht um Würde, um Chancen, um das Versprechen, dass jeder Mensch gesehen wird. Gerade Kinder und Jugendliche brauchen Verlässlichkeit, Schutz und Perspektiven. Wenn diese fehlen, dann ist das nicht nur ein individuelles Schicksal – es ist eine Aufgabe für uns alle“, sprach Landrat Ingo Brohl über die gesellschaftliche Tragweite des Stücks. Er betonte in seiner Rede auch die Bedeutung von Kultur bei dieser Aufgabe: „Kultur kann etwas, das keine Statistik leisten kann: Sie erreicht uns emotional. Sie schafft Verbindung. Sie lässt uns verstehen, wo vorher vielleicht nur Distanz war. Der Kathrin-Türks-Preis ist ein Ausdruck genau dieses Verständnisses.“

Simon Pankes schlug in dieselbe Kerbe und stellte ebenfalls heraus, wie sehr das Wohlergehen und die Chancen von Kindern und Jugendlichen Thema für eine Stadtgesellschaft wie Dinslaken sein müsse. Ein Stück wie „Flaschenkinder“ leiste keine direkte Hilfe, trage aber zur Sichtbarkeit eines brennenden Themas bei. Er nutzte außerdem seine Rede, um der Burghofbühne mit großer Aufrichtigkeit seine Solidarität – in finanziell schwierigen Zeiten, das war nicht explizit Thema, schwang aber natürlich mit – auszusprechen.