Jacques Tilly nutzt traditionell den Veilchendienstag, um ausgesuchte Mottowagen zu zerstören. Nur einen Tag nach Rosenmontag also greift er zum Vorschlaghammer, klettert über eine Trittleiter auf den Wagen – und schlägt zu. Gefragt dazu, ob es ihm nicht ein bisschen leidtäte, die schönen Kunstwerke so schnell schon wieder zu schrotten, sagt er: „Nein – alles gut, das muss weg. Es ist wie die Zeitung von gestern, die liegt ja auch nicht wochenlang auf dem Küchentisch herum. Und mir so ein Ding ins Wohnzimmer zu stellen, dafür ist es zu einfach zu groß. Wir bauen ja fürs nächste Jahr wieder neue Motive.“
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Und natürlich nahm sich der Düsseldorfer Künstler als Erstes einen Wagen vor, auf dem „Erzfeind“ Wladimir Putin verbaut war – das Vehikel, auf dem der russische Staatschef gemeinsam mit Donald Trump das kleine Europa verspeisen will. Tilly schlug vor den versammelten Medien genussvoll mit dem Hammer mehrmals in Putins Visage. Pappe und Draht gaben sofort nach. Nach Sekunden war nicht mehr viel übrig.
Tilly gegen Putin: Kremlchef seit Jahren im Visier der Satirikers
Der Satiriker will damit klarmachen: Er lässt sich nicht einschüchtern. Auch wenn ihm aktuell vor einem Gericht in Moskau – in Abwesenheit – der Prozess gemacht wird. Wegen eben jenes bissigen Spotts, mit dem er Wladimir Putin seit Jahren an Rosenmontag belegt. „Das wäre ja noch schöner, wenn wir klein beigeben würden“, so Tilly. „Gegen das paranoide Weltbild und gegen russische Staatspropaganda müssen wir uns einfach zur Wehr setzen.“
Dass man Krieg führt gegen Satire und vor allem gegen Pappfiguren – man muss sich mal klarmachen, wie peinlich das eigentlich ist.
Jacques Tilly, über seinen Schauprozess in Moskau
Am 26. Februar soll der Prozess gegen den Düsseldorfer Satiriker vor dem Basmanny-Gericht in Moskau weitergehen. Schon zweimal ist das Verfahren verschoben worden. Von der dortigen Justiz ist Tilly nach wie vor nicht informiert worden. „Es gibt keinen Brief, keine Information – kein Garnichts“, sagt er. „Angeblich soll ich auch eine Pflichtverteidigerin haben, von der ich aber auch nie etwas gehört habe. Es ist eine Farce.“ Über Putin und den ganzen Vorgang könne er sich ohnehin nur noch amüsieren, so der Karnevalist weiter. „Dass man Krieg führt gegen Satire und vor allem gegen Pappfiguren – man muss sich mal klarmachen, wie peinlich das eigentlich ist.“
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Und die Tatsache, dass es am 26. Februar mit dem Schauprozess weiterginge, sei für den Putin ja ohnehin kontraproduktiv. Tilly: „Er will das alles unterdrücken, im Keim ersticken. Stattdessen sorgt er dafür, dass es rund um den 26. Februar wieder in ganz Europa Bilder von ihm als Pappfigur zu sehen gibt.“ Für den 62-Jährigen ist klar: jetzt erst recht weitermachen. „Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass Satire kriminalisiert wird. Da müssen wir mit aller Macht dagegenhalten!“

Es waren natürlich nicht nur die Putin-Wagen, die an Rosenmontag für große Aufmerksamkeit gesorgt haben. In den USA werden aktuell Reels von einem CNN-Beitrag über Tilly geteilt. Der Düsseldorfer entwarf dieses Jahr ein Trump-Motiv als ICE-Vollstrecker. Der US-Präsident schlägt einem amerikanischen Jesus, der für Liebe und Humanität steht, die Nase blutig.
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Tilly war am Dienstag grundsätzlich begeistert über den (weltweiten) Zuspruch, den er für seine Kunst erhält. „Diesmal kamen gar nicht so viele Hassmails rein wie sonst“, sagt er. „Die Solidarität ist schon sehr groß. Das hat sicher auch mit unseren herausfordernden Zeiten zu tun. Vielen Menschen haben die Wagen wohl aus dem Herzen gesprochen.“
Sprach’s und machte sich weiter an die Verschrottung seiner satirischen Pappmaché-Kunst. Tillys Wagen haben in der Regel tatsächlich eine nur kurze Lebensdauer. Krassestes Beispiel: Der Epstein-Wagen („Alle schützten die Täter – alle ignorierten die Opfer“) wurde erst einen Tag vor Rosenmontag fertiggestellt und wurde keine 48 Stunden später schon wieder demoliert.



