Man sieht das Schild schon beim Reinkommen: „Achtung liebe Gäste! Wer mit Karte zahlt, muss leider ein Liedchen singen.“ Das ist kein Witz, sondern sind die „AGBs“ von Blumenladenbesitzer Eddie. So nennt der 52-Jährige die goldene Regel innerhalb seiner vier floralen Wände, dem „Mein Blumenkorb“ in Flingern. Auf der Ackerstraße vor der Kreuzung zur Birkenstraße gelegen, kratzt sein Geschäft, wenn man so will, am Eingangsbereich zum hippen und gentrifizierten Teil des ehemaligen Arbeiterviertels.

Beim Eintreten, vernimmt man - wenig überraschend - direkt den Geruch von unzähligen Blumen- und Pflanzenarten. Sie zieren neben einigen Dekoartikeln und Postkartenständern jeden Winkel seines kleinen Geschäfts: ein bunter Blumenwald in der einen, ein subtropischer Regenwald in der anderen Ecke.

Neben dem Geruch kommt einem beim Hereingehen auch schnell ein freundliches „Hallo“ von Ladenbesitzer Eddie entgegen, der eigentlich anders heißt. „Das ist mein Spitzname“, erklärt er. Wer er danach sei? „Da musst du nach Feierabend wiederkommen.“

Doch um Eddie zu verstehen, braucht es seinen bürgerlichen Namen nicht. Der gebürtige Türke kam mit zwei Jahren nach Deutschland und verbrachte seine Kindheit in Düsseltal beziehungsweise dem „Zooviertel“, wie er es noch nennt. Als junger Erwachsener machte er eine Ausbildung zum Elektriker, arbeitete bei Henkel, kellnerte ab und zu und war zu diesem Zeitpunkt von einem Blumenladen weit entfernt. Wie es dann dazu kam? „Einfach reingerutscht“ sei er da: „Ein Freund von mir hatte einen boomenden Blumenladen auf der anderen Straßenseite, und ich habe mir gedacht, vielleicht ist das was für mich. Und dann habe ich angefangen.“

Flingern: Warum ein Düsseldorfer Blumenverkäufer Kartenzahlung gegen Karaoke anbietet

16 Jahre ist das her. Mittlerweile ist Eddie, der anfangs noch gar nichts von Blumen verstand, ein Florist durch und durch. Beigebracht hat er sich das Pflegen und Kuratieren von Grüngewächsen selbst. Von früh bis spät, „meistens sechs bis sieben Tage“ die Woche, steht er hinter der Theke. Er zeigt seine Hände - sie sind gezeichnet von seiner Arbeit: Dicke Hornhaut mit grüner und brauner Färbung hat sich darauf ausgebreitet.

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„Es ist eine harte Sache“, sagt er. Auf vieles, was auf ihn zukam, war er zunächst nicht vorbereitet. Und trotzdem liebt Eddie seinen Laden. Sinnbildlich für das, was er an seiner Arbeit so liebt, steht das Singen. Wer bei ihm mit Karte zahlen will, muss ein Liedchen trällern. Angefangen hat das Ganze spontan: „Vor zwei Jahren war eine Kundin hier. Ich habe ihr gesagt: ‚Wenn du singst, kriegst du eine Rose.‘“ So ging es weiter mit Rabattaktionen und Blumen gegen eine Gesangseinlage, bis er dazu überging, Kartenzahlung mit Karaoke zu verbinden.

Dabei geht es ihm weniger darum, Kartengebühren zu vermeiden, sondern gute Laune in sein Geschäft zu bringen. Doch das ist nicht alles. Ein Stück weit sieht er es auch als kleine Gegenleistung für seine harte Arbeit - gute Laune gegen Blumen sozusagen. Dafür packt er dann auch gerne mal ein, zwei Blumen mehr in den Strauß.

Ein Blumenverkäufer in Düsseldorf-Flingern verlangt Gesang bei Kartenzahlung. Hinter dem Konzept steckt nicht nur Spaß.
Im Blumenladen „Mein Blumenkorb“ in Flingern müssen Kunden singen, wenn sie mit Karte bezahlen wollen. © NRZ | Jonas Knobel

Ob kein Bargeld oder Lust zu singen – die Aktion kommt bei den meisten Kunden super an, sagt er: „90 Prozent finden es toll.“ Manche kommen sogar nur für die Karaoke: „Erst jetzt am Valentinstag kamen wieder drei Jungs, die eine eigene Band haben – die konnten super singen.“ Die beliebtesten Songs seien Klassiker wie „Alle meine Entchen“ oder „Happy Birthday“. Wer will, kann seine Performance am Ende auf dem Instagram-Kanal des Blumenladens hochladen.

Kartenzahlung gegen Karaoke in Flingern: Ein Gegenentwurf zur Selbstbezahlerkasse

Einige Kunden habe der Familienvater wegen der Regel auch schon verloren, auch die ein oder andere schlechte Google-Bewertung bekam er. Doch das sei Eddie egal. Es seien nun mal seine „AGBs“, also Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Natürlich gebe es keinen Zwang zum Singen, gerade bei Menschen, die einen Trauerstrauß kaufen, betont er. Doch ein nettes „Hallo“ beim Eintreten ist für ihn unverhandelbar. Leute, die wortlos reinkommen, nur schnell einen Strauß wollen und ihn nicht einmal begrüßen, habe er auch schon rausgeschickt. „Wer freundlich ist, bekommt dafür bessere Sträuße.“ Denn im Kern geht es ihm um Interaktion.

Wer freundlich ist, bekommt bessere Sträuße

Eddie, Betreiber des Blumenladen „Mein Blumenkorb“ in Flingern

Sein Laden zeichnet sich daher auch als radikaler Gegenentwurf zu einer Einkaufswelt aus, die zunehmend von Selbstbezahlerkassen bestimmt ist. Mit dieser Anonymität könne Eddie gar nichts anfangen: „Das ist menschenschädigend. Du kaufst ein, bezahlst für die Ware, aber sprichst mit niemandem - und am Ende verlieren Leute ihre Jobs.“ Der Düsseltaler gehe lieber an die Kasse und warte ein paar Minuten.

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Zu einer kurzen Wartezeit kann es auch in seinem Laden gerne mal kommen, vor allem dann, wenn der Blumenverkäufer mit seinen Stammkunden plaudert. Dafür zeigt er sich bei netten Kunden sehr spendabel: „Wenn jemand nur 20 Euro hat und einen 30-Euro-Strauß will, drücke ich auch schon mal ein Auge zu und sage: ‚Nimm mit, bring mir irgendwann mein Geld.‘“ Manche kämen erst Monate später zurück und zahlten. Doch selbst wenn sie nicht kommen, sieht er das nicht als Verlust: „Ich gewinne Freunde, keine Kunden.“

Ein Blumenverkäufer in Düsseldorf-Flingern verlangt Gesang bei Kartenzahlung. Hinter dem Konzept steckt nicht nur Spaß.
Bunte Blumen zieren den Blumenladen „Mein Blumenkorb“ in Düsseldorf-Fingern. © NRZ | Jonas Knobel

„Mein Blumenkorb“ in Flingern kämpft mit weniger Kunden in der kalten Jahreszeit

Trotz allem spürt selbstverständlich auch er die wirtschaftliche Realität. Die sieht im Januar und Februar nicht wirklich rosig aus: „Die Leute kriegen Nachzahlungen, Weihnachten liegt hinter ihnen, das Wetter ist schlecht, die Miete ist sowieso hoch – da kommen nicht so viele.“ Wenn die Sonne scheint, gingen die Leute wieder raus, Tulpen und Rosen kaufen. Auch Eddie zieht es dann vor seine Ladentür, auf seine Bank, die aktuell noch in der Ecke unter metergroßen Monsteras und Strelitzien verdeckt ist.„Ich grüße den ganzen Tag die Leute, die vorbeilaufen. Viele kennen mich ja auch. Meine Hand geht eigentlich nie runter.“