Sie liegen tot am Ufer, und ihre langen Körper sind schwer verletzt und geknickt: In Düsseldorf-Himmelgeist wurden jetzt tote Aale in massenhafter Anzahl angespült. Ähnliche Funde gibt es auch in Köln und Bonn. Mitarbeiter vom Rheinischen Fischereiverband haben am Freitag (13. März) erste Tiere eingesammelt, um sie zu untersuchen. „Wir haben bis zu 40 Tiere eingesammelt und werden jetzt der Todesursache auf den Grund gehen“, sagt Fabian Gräfe, Geschäftsführer des Fischereiverbandes mit Sitz in Siegburg. Der Experte kennt das Phänomen, dass die Tiere tot an Land stranden. „Aber in diesem Jahr sprechen wir von einem ungewöhnlich hohen Aufkommen“, so Gräfe.

+++ Folgen Sie der NRZ Düsseldorf jetzt auch bei Instagram! +++

Die toten Aale sind auch schon an anderer Stelle aufgetaucht, weiter flussabwärts, etwa am Rheinufer in Rees. Sebastian Wantia spricht dort von ein paar Dutzend Tieren. „Es sind nicht so viele wie in Düsseldorf“, sagt der Biologe, der in der Naturschutzstation in Rees-Bienen arbeitet und in Köln lebt. Dass das Phänomen aktuell oder auch in den nächsten Tagen noch an anderen Ufern des Rheins im Kreis Wesel oder im Kreis Kleve auftauchen wird, hält Wantia jedoch für „nicht gering“. In den Niederlanden ist die Rede von „Knakaalen“, ein lautmalerischer Begriff. Denn die Tiere werden besonders häufig mit Verletzungen gefunden, bei denen ihr Körper wie geknickt aussieht.

Es blutet einem das Herz: Seit Jahren engagieren wir uns mit großem Einsatz für den Erhalt dieser faszinierenden Fischart und haben unzählige junge Glasaale in den Gewässern NRWs ausgewildert. Umso erschütternder ist es, diese sinnlos getöteten Elterntiere zu sehen.

Fabian Gräfe, Geschäftsführer im Rheinischen Fischereiverband

Bei den toten Tieren handelt es sich vor allem um Blankaale – geschlechtsreife Tiere, die sich auf die Wanderung begeben haben. „Dieses Ereignis ist besonders besorgniserregend, da der Europäische Aal eine stark bedrohte Art ist, deren Bestand seit den 80er-Jahren massiv eingebrochen ist“, so Gräfe. Gerade deshalb werde speziell am Rhein jedes Jahr mit großem finanziellem Aufwand für dessen Erhalt gekämpft. „Es blutet einem das Herz: Seit Jahren engagieren wir uns mit großem Einsatz für den Erhalt dieser faszinierenden Fischart und haben unzählige junge Glasaale in den Gewässern NRWs ausgewildert. Umso erschütternder ist es, diese sinnlos getöteten Elterntiere zu sehen – Tiere, die für den Fortbestand der ohnehin stark bedrohten Population von unschätzbarem Wert sind.“

Aale sind als Wandertiere vom Aussterben bedroht

Die vom Aussterben bedrohten Aale sind durch ihren komplexen Lebenszyklus und ihre lange Reise vom Atlantik bis in die europäischen Flüsse und Seen ohnehin vielen Gefahren ausgesetzt. Sie schlüpfen in der Sargassosee, einem Meeresgebiet östlich von Florida und nahe den Bermuda-Inseln. Von dort wandern die Larven in die europäischen Gewässer und Flüsse, um dort als „Gelbaale“ zu wachsen. Nach 15 bis 20 Jahren verwandeln sie sich in „Blankaale“ und schwimmen auf ihrer absurd langen Reise zurück zur Sargassosee, um dort zu laichen und zu sterben. Die gefundenen Aale von Düsseldorf waren gerade auf dem Weg flussabwärts Richtung Nordsee.

Die Ursachen für den schlechten Zustand der Aalpopulation sind vielfältig: Verlust von Lebensräumen, Überfischung, verbaute und verschmutzte Flüsse sowie Krankheiten und Parasiten. Was aktuell den Tod der Aale aus dem Rhein verursacht hat, ist Gegenstand der Untersuchung. Allerdings ist sich Fachmann Gräfe fast sicher, dass es mit Turbinenschäden zu tun hat. „Bei Niedrigwasser geraten die Tiere leider auch schon mal in einen Schiffspropeller“, sagt der Mann vom Rheinischen Fischereiverband. „Wir hatten jetzt aber eine Hochwasserphase, und da sind die Wasserkraftwerke die größte Gefahr.“

Lesen Sie auch diese Nachrichten aus Düsseldorf

Dass die Gewässer und dabei vor allem die Flüsse in Europa laut Gräfe „immer weniger durchgängig“ seien, bedrohe übrigens nicht nur die Aalpopulation. „Auch Lachse, Bachforellen oder Eschen müssen an vielen Wasserkraftstandorten vorbei und kommen dabei oft mit Turbinen in Kontakt“, so der Experte. Die gefundenen Aale zeigten deutliche Anzeichen einer mechanischen Einwirkung und seien zum Teil zerstückelt. Die Anlagen seien oft nicht gut geschützt, das begünstige leider das hohe Fischsterben im Rhein.

Tote Aale im Rhein
Dieser Aal wurde tot am Rheinufer in Rees-Bienen gefunden. Die Verletzungsmuster sind typisch, sagen die Experten: Die Haut sei meist noch intakt, aber die Wirbelsäule ganz klar gebrochen. Das Tier auf dem Foto sei zudem noch leicht verwest.© Stefan Angenendt

Die von den Umweltverbänden eingesammelten Tiere sollen laut Verband nun wissenschaftlich untersucht werden. Mit detaillierten Ergebnissen sei nach Angaben der Fachleute allerdings erst in einigen Monaten zu rechnen. Bereits seit einigen Jahren werden die Funde von verendeten Aalen in dem grenzüberschreitenden EU-Projekt „Der Rhein verbindet“ dokumentiert. Das Phänomen von toten Aalen zur Abwanderungszeit ist demnach nicht neu. Die Vielzahl der Aale, die es derzeit betrifft, bringt jedoch eine neue Brisanz mit sich.