Wie oft müssen die Sicherheitskräfte den Rettungswagen rufen? Die Antwort von Bahnmitarbeiter Thomas kommt schnell: „So ein- bis zweimal pro Tag.“ Dann unterbricht er sich, hält sich kurz den Finger ans Ohr mit dem Kopfhörer und fragt: „Wo? 19, 20? Wir kommen.“ Und dann läuft er los, mit den beiden 20-jährigen Auszubildenden Tatjana und Sophia. Vom Haupteingang einmal im 200-Meter-Sprint durch den Fußgängertunnel bis zum Bahnsteig Gleis 19 und 20.

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Da liegt ein Mann oben auf der Rolltreppe, rücklings, überstreckt, den roten Kopf nach unten, reglos. Die Treppe hat gestoppt, ein Bahnmitarbeiter sorgt dafür, dass sie nicht wieder anläuft. Oben sind schon vier weitere Bahnmitarbeiter mit gelben Westen, sichern die Rolltreppe ab, oben und unten, telefonieren mit dem Rettungsdienst, rollen Flatterband aus und sperren den Aufgang. Immerhin: Der Mann, vermutlich stark alkoholisiert oder unter Drogen, stöhnt leise. Ein Sicherheitsmann bringt die Habseligkeiten die Rolltreppe hinunter. In der Einkaufstüte klirren Glasflaschen.
Hauptbahnhof Düsseldorf: Sicherheitskräfte zeigen ihren Alltag im Einsatz
Plötzlich ist er da, der Ernstfall, ein Einsatz, wie ihn die 32 Sicherheitsmitarbeiter am Hauptbahnhof Düsseldorf beinahe täglich erleben. Und die ein wenig werben wollten auf diesem Pressetermin mit TV-Kameras und weiteren Reportern. Schließlich hat Bahnchefin Evelyn Palla Sicherheit und Sauberkeit ganz oben auf die To-do-Liste gesetzt. Bis die Bahn in allen anderen Disziplinen wieder rundläuft, wird es wohl etwas mehr Aufwand bedeuten.

Sicherheitschef Adrian K. (alle Mitarbeiter im Sicherheitsdienst wollen ihre Nachnamen nicht öffentlich machen, aus Sorge, in sozialen Medien oder im echten Leben zu schnell auffindbar zu sein) hat ein Team von 32 Mitarbeitern, drei davon weiblich, die rund um die Uhr an der Station mit ihren 20 Gleisen und den rund 270.000 Fahrgästen im Einsatz sind.
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170.000 Fahrgäste nutzen den Bahnhof im Tagesschnitt, Platz 8 in Deutschland. „Am meisten los ist an den Wochenenden“, weiß Adrian K. Fußballfans und Altstadtbesucher strömen dann in Massen durch die Station. Und nicht alle sind friedlich und gut gelaunt. Japantag und Rheinkirmes mit ihren vielen zigtausend Besuchern sind eine der großen Herausforderungen.
Düsseldorfer Hauptbahnhof ein Schmelztiegel für soziale Probleme
Im Zweifel sprechen die Mitarbeiter in den gelben Westen ein Hausverbot aus. Auch jetzt, während des Pressetermins, geben sie einander Hinweise, wen sie wo gesehen haben. Viele sind alte Bekannte: Der Bahnhof und sein Umfeld sind Schmelztiegel für die sozialen Probleme unserer Großstädte: Obdachlose, Drogenkranke und Menschen mit psychischen Problemen treffen sich hier.
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Und nicht alle finden ihren Platz in dem kleinen Lokal der Bahnhofsmission in einem der zahlreichen Gänge des Bahnhofs. „Wir verweisen immer auf die Hilfsangebote in der Umgebung der Station“, hatte Klaus kurz vor dem Ausdauerlauf durch den Fußgängertunnel erklärt.
Aber klar ist auch: Wer den Reisenden zu sehr auf die Nerven geht, muss gehen: Kurz zuvor hat er mit den beiden Auszubildenden den Verkäufer einer Obdachlosenzeitung im Rollstuhl zur Ausgangstür eskortiert, hinaus in den Regen.
Auf der anderen Seite ist mittlerweile der Rettungswagen angekommen, die Helfer machen sich daran, den Gestürzten auf der Rolltreppe zu versorgen. Bald wird das Flatterband wieder verschwinden, die Gelbwesten werden wieder in Doppelstreifen über die Bahnsteige und die Durchgänge streifen und nach dem Rechten sehen.

„Mit der Zeit bekommt man einen Blick dafür, wer wie drauf ist“, sagt Marcel, ein weiterer Mann mit dem Wappen „DB Sicherheit West – Sichern, Helfen, Schützen“ auf dem Ärmel. SOD steht darunter: Sicherheits- und Ordnungsdienst. Zwei der fünf Sicherheitskräfte tragen heute Body-Cams. Das ist noch vergleichsweise neu und es ist freiwillig. Jeder Mitarbeiter kann entscheiden, mit welcher Ausrüstung er auf die Doppelstreife geht.
Mehr Sicherheitskräfte nach Anstieg der Gewaltdelikte am Bahnhof
Bahnhofsmanagerin Sonja Kosche freut sich, dass dank der Sicherheitsoffensive der Bahn auch im Düsseldorfer Bahnhof nunmehr tagsüber drei Doppelstreifen patrouillieren, wo es zuvor nur zwei waren. „Wir müssen leider feststellen, dass das Aggressionspotenzial in der Gesellschaft allgemein zunimmt, und das kulminiert dann öfter schon mal hier am Bahnhof“, sagt sie. Knapp 500 Gewaltdelikte zählte die Bundespolizei hier im Jahr 2025.

Aber sie sieht Fortschritte, lobt die gemeinsame Ordnungspartnerschaft mit Landes- und Bundespolizei sowie dem Ordnungsamt der Stadt. Seit Anfang März greift ein neues Konzept mit Vierfachstreife namens SiBu. Bundesweit sind knapp 6000 Bundespolizisten und 4500 Sicherheitskräfte auf den Stationen unterwegs. 11.000 Kameras haben die Reisenden zudem im Blick, 150 Kameras davon überwachen den Düsseldorfer Hbf.
Die Bilanz der Bahn auf Bundesebene: 3262 Übergriffe auf Bahnmitarbeiter zählte der Konzern 2025, ein leichter Rückgang. Aber nach der Coronakrise ist die Zahl der Konflikte deutlich um fast 40 Prozent angestiegen. Doch seit am 2. Februar in der Pfalz ein Kontrolleur von einem Fahrgast erschlagen wurde, hat die Sicherheitsdebatte an Fahrt gewonnen.
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200 zusätzliche Sicherheitskräfte, Body-Cams für alle, die sie haben wollen, verbesserte Schutzausrüstung, bessere Schulungen: Das sind die Schritte, die die Bahn eingeleitet hat. Bereits seit September sind Sophia und Tatjana dabei, in der Ausbildung. Haben sie Angst vor den Herausforderungen? Die beiden 20-jährigen Frauen schütteln den Kopf. Sophia sagt: „Ich wollte schon immer was mit Sicherheit machen. Und das hier gefällt mir.“

Adrian K. freut sich darauf, dass seine Einsatztruppe etwas ausgeglichener besetzt ist. „Ist gut für alle. Fürs Team und auch für die Ansprache der Reisenden“, sagt er. Verteidigung lernen seine Mitarbeiter genauso wie Deeskalation und Gesprächsführung, mindestens sechs eintägige Fortbildungen pro Jahr sind Pflicht. Seit über zehn Jahren ist er am Hauptbahnhof im Einsatz. „Ich kenne alle Gänge“, sagt er. „Wenn ich mich hier verstecke, findet mich keiner.“
Einsatz am Hauptbahnhof: Team setzt auf Deeskalation und Erfahrung
Gefragt ist allerdings das Gegenteil: optische Präsenz. Dunkle Uniform, gelbe Warnweste, gerade Körperhaltung: Sophia und Tatjana lernen gerade, wie man in einer W-Formation mit drei anderen durch die Gänge streift, damit alle gut abgesichert sind. Sobald die Sicherheitsmitarbeiter irgendwo zum Stehen kommen, bilden sie einen Kreis: Rücken zueinander, Gesichter und Gliedmaßen in alle Himmelsrichtungen.
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Die eigene Sicherheit steht ganz oben. Und dazu gehört auch: Selbst beim Sprint durch den gesamten Bahnhof das Tempo bis zur Einsatzstelle so anschlagen, dass man nicht ausgepumpt und atemlos ankommt, sondern möglichst schnell und ruhig die richtigen Schritte einleitet. Damit alle am Bahnhof ans Ziel kommen. Auch wenn es plötzlich vielleicht die Notaufnahme ist.








