Überraschung in der Kunstwelt: Die Person hinter Banksy, dem berühmtesten Namen der Streetart, wurde kürzlich enthüllt. Düsseldorfs bekanntester Streetart-Künstler hat sich dagegen nie versteckt: Klaus Klinger (72) malt schon seit 1977 aussagestarke Bilder auf Wände in der Landeshauptstadt. Seine Werke waren vergangenes Jahr im NRW-Forum zu sehen, 2018 bekam er die Verdienstplakette der Stadt. Doch es gab eine Zeit, da wurden seine Bilder als „Schmiererei“ beschimpft.
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Düsseldorfer Streetart-Künstler Klinger kam durch Zufall zur Wandmalerei
„Ich habe 1973 angefangen, an der Kunstakademie zu studieren“, erinnert sich Klinger. Er und seine Studienfreunde seien damals stark von der 68er-Bewegung beeinflusst gewesen. „Die Idee, mit seiner Kunst jetzt nur in Galerien zu gehen, hat uns nie so richtig gefallen.“ Damals wohnten Klinger und einige Kommilitonen in Häusern an der Grafenberger Allee, die dem DGB-eigenen Wohnungsbaukonzern „Neue Heimat“ gehörten. Der Eigentümer ließ die Gebäude allerdings verfallen, meint Klinger.
Die Idee, mit seiner Kunst jetzt nur in Galerien zu gehen, hat uns nie so richtig gefallen
Klaus Klinger, Künstler
Ein Freund habe dann 1977 die Idee gehabt, ein Wandbild auf eines der Gebäude – unten schon zugemauert – zu malen, das auf die damalige Diktatur in Chile aufmerksam machen sollte. Als bald darauf der damalige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU) nach Chile reiste und das dortige Regime lobte, fügten sie der Wand auch noch ein Bild von Strauß hinzu. Kurz darauf wurde alles übermalt. Doch für Klinger und seine Mitkünstler bedeutete das erst richtigen Ansporn. Die Kunststudenten schlossen sich zur „Wandmalgruppe Düsseldorf“ zusammen.
Erste Bilder der Wandmalgruppe Düsseldorf entstanden ohne Erlaubnis
In Zusammenarbeit mit vielen Hausbewohnern entstanden weitere politische Bilder an der Häusergruppe. Eines davon, mit Überschrift „Überlassen wir die Angst vor Rot dem Rindvieh“, nahm etwa Bezug auf ein zu dieser Zeit herrschendes Klima der Verdächtigung gegen gesellschaftskritische Stimmen, sagt Klinger.

„Und das hat ein großes Aufsehen erregt in der Stadt“, erinnert er sich. „Graffiti gab es quasi noch nicht, und sowas gab es auch nicht.“ In der Öffentlichkeit habe es damals ein „riesiges Hin- und Her“ gegeben. Als „Schmierereien“ wurden die Bilder verdammt – unter anderem vom Hauseigentümer –, aber auch positiv als Kunst aufgenommen. Für Debatten sorgten sie allemal. „Und das hat uns eigentlich erstmal auf die Idee gebracht, uns mit dem Thema intensiver zu befassen.“
Grundprinzip für die Streetart-Künstler: Mitbestimmung der Anwohner
Mit einem Kollegen unternahm Klinger eine Studienreise nach New York und Mexiko. In der US-Metropole gab es damals schon eine große Wandmalbewegung, die Bilder mit den anwohnenden Communitys zusammen entwarf, sagt Klinger. Und in Mexiko haben große, öffentliche Wandbilder mit politischem Inhalt, auf Spanisch „Murales“, eine Geschichte seit den 1920ern.

Den Grundsatz, Anwohner in die Gestaltung von Bildern einzubeziehen, übernahm die Wandmalgruppe und setzte ihn in vielen Projekten um. „Das ist leider heutzutage, bei neuen Streetart-Leuten, sehr untergegangen.“ Bilder entstanden teils auf besetzten Häusern in Zusammenarbeit mit den Bewohnern, aber auch mit Erlaubnis der Eigentümer. Gerade in der Anfangszeit malten sie häufig unter Beobachtung der Polizei. Es seien zwar schonmal Farben beschlagnahmt worden, doch ein strafrechtliches Nachspiel habe es nie gegeben, sagt Klinger.
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Düsseldorfer Wandmalergruppe: Bilder warnten vor Gentrifizierung
In den kommenden Jahren arbeitete die Wandmalgruppe unter anderem mit der Bürgerinitiative „Rettet Bilk“ zusammen, die sich gegen die Zerstörung bezahlbaren Wohnraums einsetzte. So entstand 1980 ein Bild an der Martinstraße, das Bilk als eine Art Monopolybrett zeigte – Anwohner befürchteten schon damals Wohnraumspekulation und Gentrifizierung im Stadtteil. Der Hauseigentümer hatte die Wand zur Verfügung gestellt.

Bis 1990 bestand die „Wandmalgruppe Düsseldorf“ weiter, kurz vor der Auflösung waren ihre Werke in einer Ausstellung im Stadtmuseum zu sehen. „Das Ergebnis war, dass am nächsten Tag in einer Zeitung getitelt wurde: ‚Muss Museums-Chef seinen Hut nehmen?‘“, erinnert sich Klinger. „Es gab so einen Skandal“.
Schon 1987 hatte er den Verein Farbfieber mitgegründet, der bis heute besteht und Wandbilder in Düsseldorf und weit über die Stadtgrenzen hinaus schafft. Am bekanntesten ist in Düsseldorf wahrscheinlich das 1995 entstandene Bild „Zeitreisende“, das bis heute den Bilker Bunker ziert. Neben Klinger waren auch Künstler aus Kuba und der Türkei beteiligt, außerdem viele Helfende.

Keine Erlaubnis von Stadt und Bahn: Tunnel-Bemalung auf eigene Faust
Den radikalen Ansatz der Wandmalgruppe, Bilder auch mal ohne Erlaubnis auf Wände zu bringen, hat Farbfieber auch wieder aufgegriffen. Davon zeugen die Wände unter der Unterführung an der Ellerstraße, Nähe Mintropplatz: „Wir haben höflich die Stadt und die Bahn angeschrieben und gesagt: Dieser dunkle Angstraum, da muss was passieren. Und wir als Künstler wären bereit, die ersten 20 Meter mal so beispielhaft zu gestalten.“ Das war 2010. Antworten bekamen sie nicht. In Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen fassten Klinger und seine Mitstreiter einen Plan: „Dann haben wir gesagt, okay, wenn die nicht antworten, dann machen wir diese ersten 20 Meter so, als Geschenk an die Bürger.“
Am helllichten Tag machten sich sieben Maler, darunter Klinger, an die Arbeit. Die besagten Bürger waren eingeladen, bei Kaffee, Kuchen und Livemusik. Mehr als 200 Leute kamen zusammen. Kurz darauf war auch das erste Polizeiauto da.

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Kunstwerke in Düsseldorfer Unterführung: Aktion blieb ohne rechtliche Konsequenzen
„Aber was will ein Polizeiauto bei 200 Leuten machen?“, fragt Klinger. Auch, dass ein Übertragungswagen des WDR dazugekommen war, sorgte dafür, dass die Polizei selbst nach Eintreffen weiterer Beamter nicht einschritt, meint der Künstler. „Nach drei Stunden waren wir fertig.“ Mit einem Lkw brachten die Maler ihre Materialien in die Farbfieber-Räume, verfolgt von fünf Mannschaftswagen der Polizei. Beim Auspacken habe man sie dann nach Personalien gefragt – die Klinger bereitwillig herausgab.
Letztlich blieb die Aktion ohne rechtliche Konsequenzen, wobei auch die sehr positive Resonanz der Anwohner half, meint Klinger. Im folgenden Jahr konnten die Maler ihr Werk vollenden und den restlichen Tunnel bei einer Malaktion mit dazugehörigem Straßenfest gestalten – diesmal mit Genehmigung der Bahn. Auch internationale Künstler trugen dazu bei.

Düsseldorfer Künstler über Hausbesetzungen: „Kaum noch Leute, die sich das trauen“
Ob Klaus Klinger solche illegalen Aktionen auch heute noch unternehmen würde? Das „Ja“ des 72-Jährigen kommt ohne jedes Zögern. „Ich würde auch gerne wieder ein Haus besetzen“, sagt er. Es gebe mittlerweile so wenige kulturelle Freiräume in der Stadt und noch dazu explodierende Mieten. „Und es gibt immer noch städtische Objekte, die einfach leerstehen und die dann wahrscheinlich an irgendwelche Spekulanten verscherbelt werden.“ Er habe sogar schon zwei, drei Gebäude im Auge gehabt.

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„Und wenn man es nur für ein Wochenende symbolisch macht. Wir gehen da rein, hängen die Fassaden voll mit Transparenten und bereiten uns natürlich auch argumentativ gut vor.“ Doch mit einer baldigen solchen Hausbesetzung muss die Landeshauptstadt wohl nicht rechnen: „Es gibt kaum noch Leute, die sich das trauen“, sagt Klinger mit Bedauern in der Stimme. Auch Studierende der Kunstakademie seien heute leider viel ängstlicher, als seine Kommilitonen und er damals.




