Wegen Korruptionsverdachts im Zusammenhang mit der Fußball-EM 2024 in Deutschland haben Ermittler am Mittwoch bundesweit Stadtverwaltungen und die DFB-Zentrale in Frankfurt am Main durchsucht. Es geht um den Verdacht der Vorteilsnahme. EM-Spiele wurden damals auch in mehreren Städten in NRW ausgetragen.

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Auch das Rathaus und eine Privatwohnung in Gelsenkirchen waren am Morgen Ziel der Ermittler. Denn der Verdacht richtet sich auch gegen einen früheren Verwaltungsmitarbeiter der Stadt Gelsenkirchen. Stadtverwaltungen sollen tausende EM-Tickets zu Vorzugspreisen erhalten haben. Diese seien von einigen Städten genutzt und unterschiedlich verwendet worden, teilten Staatsanwaltschaft und LKA mit.
NRW-Innenminister Reul kündigt harte Ermittlungen zu EM-Tickets an
„Ein Fußball-Ticket ist kein Gehaltsbestandteil. Wer im öffentlichen Dienst die Hand aufhält, bekommt von uns Besuch“, teilte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) mit. Großveranstaltungen wie die Fußball-Europameisterschaft lebten vom Vertrauen der Menschen in den Sport und in die Behörden, die ihn möglich machen.
„Dieses Vertrauen lassen wir nicht durch ein paar Einladungen und Eintrittskarten beschädigen. Der Verdacht wiegt schwer, und genau deshalb wird er konsequent aufgeklärt“, sagte Reul. Die Ermittler des LKA arbeiteten „gründlich, sachlich und ohne Ansehen der Person“.
Im Gelsenkirchener Rathaus ging es den Ermittlern dem Vernehmen nach vor allem um Datenträger, dazu betraten die Fahnder auch die Kommunale Datenzentrale (GKD) gegenüber dem Rathaus. Stundenlang waren die Ermittler, die in drei Zivilfahrzeugen in Gelsenkirchen vorgefahren waren, zugange. Wie viel verwertbares Material sie mitnehmen konnten, bleibt abzuwarten.
Razzia: Das wird dem Gelsenkirchener vorgeworfen
Bei der Aktion geht es um den Verdacht der sogenannten „strukturierten Vorteilsgewährung“. Konkret handelt es sich im Gelsenkirchener Fall um eine Einladung zum EM-Halbfinale Spanien gegen Frankreich in München. Reise und Hotel inklusive, soll der Gelsenkirchener dabei einen Vorteil von rund 2400 Euro angenommen haben. Vermittelt haben soll die Einladung ein 46-jähriger Franzose. Er arbeitete für die „Euro 2024 GmbH“, ein Joint Venture von DFB und UEFA, und kümmerte sich dort um die Kontakte zu den Austragungsorten. Nach Erkenntnissen der Ermittler soll er die Leiter der jeweiligen städtischen „EM-Büros“ gezielt zu Top-Spielen eingeladen haben.
Nach WAZ-Informationen soll der 66-Jährige allerdings eine Genehmigung für die Dienstreise gehabt haben.

Durchsuchungen auch in Dortmund, Düsseldorf und Köln
Ob der Fall aus Gelsenkirchen ein Einzelfall ist oder nur die Spitze eines größeren Systems, prüfen die Ermittler jetzt bundesweit. Neben Gelsenkirchen gab es in NRW Durchsuchungen bei den Stadtverwaltungen Düsseldorf, Köln und Dortmund. In Dortmund wurden seit 9 Uhr Räume im zweiten Stock eines Rathaus-Nebengebäudes an der Betenstraße durchsucht. Hier sitzen Marketing, Kommunikation und Eventplanung - also während der EM auch das Orga-Team. Rund zehn LKA-Mitarbeitende hielten sich bis zum Mittag dort auf. Ob es einen konkreten Verdacht gegen Mitarbeitende gebe, verriet Annika Ossig von der Staatsanwaltschaft Bochum nicht. Auch die Pressestelle der Stadt Dortmund äußerte sich nicht zu den Durchsuchungen.
Wie ein Sprecher der Stadt Düsseldorf auf Anfrage der unserer Redaktion bestätigte, gab es „auf Grundlage eines richterlichen Durchsuchungsbeschlusses im Auftrag der Staatsanwaltschaft Bochum eine Durchsuchungsmaßnahme in der Verwaltung der Landeshauptstadt Düsseldorf“. Demnach arbeite die Stadt „uneingeschränkt kooperativ“ mit den Ermittlungsbehörden zusammen. Wie der Sprecher jedoch betonte, richte sich das Ermittlungsverfahren nach derzeitigem Kenntnisstadt aber nicht gegen Mitarbeitende der Landeshauptstadt Düsseldorf.
Durchsuchungen soll es zudem in Hamburg, Berlin, Frankfurt am Main, Stuttgart und München geben. Hinzu kommen zwei Unternehmen in Nordrhein-Westfalen, ein Unternehmen in Bayern sowie die DFB-Zentrale als damaliger Sitz der „Euro 2024 GmbH“.

Staatsanwaltschaft Bochum und LKA steuern Untersuchung
Die Untersuchungen werden zentral von der Staatsanwaltschaft Bochum und dem Landeskriminalamt NRW (LKA) mit Sitz in Düsseldorf gesteuert. Dabei geht es auch um den Vorwurf, dass die Gastgeberstädte der EM 2024 exklusive Vorkaufsrechte für Eintrittskarten angeboten bekommen haben, die auch angenommen worden seien. Dem WDR zufolge geht es um mutmaßlich „tausende Tickets“. Weitere Angaben machte die Staatsanwaltschaft Bochum mit dem Verweis auf die laufenden Ermittlungen vorerst nicht. Auch, weil die Beschuldigten noch keine Gelegenheit gehabt hätten, sich zu den Vorwürfen zu äußern.
Fakt ist, dass der Stadt Gelsenkirchen beispielsweise für die vier Spiele in der Veltins-Arena insgesamt 170 Freitickets und 2.800 Kaufberechtigungen zur Verfügung gestellt wurden. Die VIP-Tickets – 80 an der Zahl – blieben ausschließlich der Repräsentation der Stadt vorbehalten, etwa bei offiziellen Anlässen mit Ehrengästen. Die 90 Freikarten der Kategorie 1 waren für weitere Gäste der Stadt gedacht.

Den größten Anteil bilden die Kaufberechtigungen – also ein Vorkaufsrecht für Tickets zum Originalpreis: 2.800 sogenannte Access Codes berechtigen zum Erwerb von Tickets über die offizielle UEFA-App. Die Stadt selbst wurde dabei nicht Eigentümerin der Karten. Die damals noch 88 Stadtverordneten, die Bezirksbürgermeisterin und die Bezirksbürgermeister sowie ihre fünf Vertretungen hatten jeweils einen Access Code erhalten, der zum Kauf von bis zu zwei Karten berechtigte.
Es wurden außerdem rund 1.300 Access Codes, die jeweils zum Kauf von bis zu zwei Tickets berechtigen, an Mitarbeitende der Stadt Gelsenkirchen verlost. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stand dann frei, für welches der vier Spiele und welche Kategorie sie Tickets erwerben wollten. Die Ticketpreise lagen je nach Kategorie und Spielphase zwischen 60 und 250 Euro.




