Als Kind gruselte sich Jimmy Leung noch vor der Sennhütte. Wie ein kleines „Hexenhaus“ habe sie ausgesehen. Damals lief er auf dem Weg vom Restaurant seiner Mutter hin zum Lokal seines Vaters fast täglich an ihr vorbei. Heute, etwa 40 Jahre später, betreibt Leung das Kult-Lokal an der Rethelstraße selbst. Dem Grusel ist eine Faszination gewichen, die man ihm auch drei Jahre nach der Übernahme noch ansieht.

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„Es ist ein sehr besonderer Ort, den es in Düsseldorf so kein zweites Mal gibt“, findet Leung, der neben der Sennhütte auch den Salon des Amateurs managt. Es fällt schwer, ihm zu widersprechen. Das einstige Bahnhofshäuschen steht direkt an den Gleisen auf Höhe der S-Bahnstation „Düsseldorf-Zoo“. Wer hineintritt, sieht schnell, was den Charme der Sennhütte ausmacht. Die Decken sind tief, die Räume verwinkelt – der Platz rar.

Lokal „Zur Sennhütte“: In wenigen Treppenstufen von Düsseldorf nach Berlin

Im rustikal eingerichteten Obergeschoss zieren Gemälde von Düsseldorfer Künstlern und unzählige Weinflaschen die Wände. Durch die kleinen Fenster kommt durch das davor wachsende Moos nur wenig Licht. „Gäste, die noch nie hier waren und das erste Mal das Obergeschoss betreten, wundern sich oft erst einmal über den doch sehr begrenzten Platz“, sagt Jimmy,

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Bis sie die etwas versteckte, steile Treppe ins Herzstück der Sennhütte bemerken. Unten angekommen, steht man plötzlich auf einer Holzterrasse, die ein wenig an Papas improvisiertes Baumhaus erinnert. Von der engen und meist rappelvollen Plattform blickt man direkt auf die Gleise und die Franklinbrücke.

So gar nicht typisch Düsseldorf sei dieser Ort, sagt Leung, als wäre man gerade nach etwa einem Dutzend Treppenstufen von Düsseldorf nach Berlin gelaufen. Wann die Sennhütte entstand, kann Jimmy selbst nicht mal sagen. Als Kind ist er ständig an ihr vorbeigelaufen. Seine beiden Hongkonger Eltern betrieben selbst mehrere Restaurants – unter anderem das ehemalige Restaurant „Great Wall“ auf der Grafenberger Allee und das „Bambus Garden“ in Düsseltal. Als sich die Eltern trennten, lag die Sennhütte auf dem genauen Weg zwischen den damaligen Restaurants von Vater und Mutter.

Lokal „Zur Sennhütte“ in Düsseltal: Vom Bahnhofsklo zur Altherrenkneipe hin zum Kultlokal

Ursprünglich diente das Häuschen als Bahnhofsklo, ehe es irgendwann in die Gastronomie umgewandelt wurde, an die sich Leung heute noch erinnert: „Anfangs war es eine klassische Altherrenkneipe. Immer wenn ich hier vorbeiging, sah ich drinnen rauchende alte Männer Bier trinken.“

Das erste Mal betreten habe er die Sennhütte vor etwa 20 Jahren. Damals betrieben das Lokal noch die beiden Gastronominnen Ines König und Steffi Wicke. „Es war sehr alternativ und ungezwungen“, erinnert sich der heutige Inhaber. In einem staubigen und vergilbten Fotoalbum zeigt er uns die alte Sennhütte mit ihrer Holzvertäfelung und dem smaragdgrünen Boden.

Vom ehemaliges Bahnhofsklo zum Kultlokal: Die Sennhütte in Düsseltal fasziniert viele. Sein Betreiber gruselte sich früher vor ihr.
Schon immer „alternativ und ungezwungen“. Von der „Sennhütte“ gibt es auch ein vergilbtes Fotoalbum.© NRZ | Jonas Knobel

Das Publikum zu dieser Zeit: vorwiegend über der eigenen Halbwertszeit und mit losem Mundwerk. Schnell seien unter den Platzhirschen mal hitzige Diskussionen quer durch den Laden entbrannt. „Das fand ich immer super“, sagt Leung heute.

Auch heute noch sei die Sennhütte ein Ort der Begegnung, sagt Jimmy: „Wenn Gäste auf der Terrasse eine freie Stelle in der Ecke sehen, in der schon zwei Leute sitzen, gesellen sie sich einfach dazu.“ Es gäbe kaum Berührungsangst, was angesichts der wenigen Quadratmeter auch nötig ist. Sogar eine Familie sei so schon gegründet worden. 2023 habe sich das heutige Paar in der Sennhütte kennengelernt, mittlerweile haben sie ein gemeinsames Kind.

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Die Geschichte beschreibt den Wandel, der sich in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen hat, ziemlich gut. Die Gäste in Jimmys Sennhütte heute kennen tendenziell weniger Winter als das Publikum von vor 20 oder 30 Jahren. Im Internet ist die Sennhütte längst in unzähligen Insta-Reels und TikToks der Kategorie „Geheimtipp“ gelandet, wodurch immer mehr junge Leute den Weg an die Düsseltaler Gleise finden.

Leung selbst hat bei der Übernahme 2023 trotzdem versucht, möglichst wenig an der Struktur des Lokals zu verändern. Die meisten Veränderungen sind für Gäste kaum sichtbar: Der Boden wurde abgeschliffen, die Einrichtung erneuert, Spiegel angebracht und Kunst ergänzt.

Vom Wiener Schnitzel bis Käsespätzle: Diese Speisen und Getränke bietet die Düsseldorfer Sennhütte an

Auch gekocht wird in der Sennhütte nach wie vor. Mittlerweile steht Joshua Emmerich als Chefkoch an der Herdplatte. Zuvor hatte er im ehemaligen Sternerestaurant Fritz’s Frau Franzi und im Karls in Derendorf gekocht. Zusammen mit seinem Sous-Chef Leonardo Viera servieren die beiden eine Mischung aus filigranen, kreativen und kräftig-herzhaften Speisen.

Zu den nach wie vor beliebtesten Gerichten zählt das Wiener Schnitzel mit schwäbischem Kartoffelsalat, Beilagensalat und Preiselbeeren für 28,90 Euro. Jimmy weiß, dass das nicht für jeden erschwinglich ist. Deshalb habe er bewusst auch günstigere Alternativen im Angebot, wie die Käsespätzle für 16,90 Euro sowie verschiedenste Vorspeisen in ähnlicher Preisklasse. Für vegan lebende Menschen serviert Emmerich unter anderem Süßkartoffeln mit gebratenem Fenchel und weißem Bohnenpüree an.

Wir mussten uns zuerst mal ein bisschen einspielen.

Jimmy Leung, Inhaber der „Sennhütte“

Wen nicht der Hunger, sondern der Durst an die Rethelstraße verschlägt, kann zwischen verschiedenen Bieren, Aperitifs und Weinen wählen. Das Hausbier Pilsner Urquell gibt es für 5,90 Euro pro halben Liter, der Aperol Spritz kostet 7,50 Euro.

Wer plant, in der Sennhütte an den Gleisen zu essen, sollte im besten Fall reservieren. Zwar werden nur etwa 30 Prozent der Plätze für Reservierungen vergeben, doch gerade der Platz im Untergeschoss ist beliebt und begrenzt.

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Zunächst kämpfte Leung‘s Sennhütte mit roten Zahlen: „Wir brauchen jeden Tisch“

Die Enge ist dabei nicht nur Teil des Charmes, sondern auch wirtschaftliche Notwendigkeit. „Wir brauchen jeden Tisch“, sagt Leung. Das ständig volle Lokal ist nämlich keineswegs automatisch ein wirtschaftlicher Selbstläufer. „Obwohl wir immer Vollauslastung haben, habe ich gemerkt, dass eigentlich nichts übrig bleibt“, sagt Leung. Im ersten Jahr nach der Übernahme 2023 habe die Sennhütte sogar rote Zahlen geschrieben. Zu viel Personal, komplizierte Laufwege und eine noch nicht eingespielte Küche hätten die Kosten nach oben getrieben. „Wir mussten uns zuerst mal ein bisschen einspielen.“

Mittlerweile stehe die Sennhütte wirtschaftlich deutlich solider da. Auch die zeitweise Absenkung der Mehrwertsteuer auf gastronomische Speisen habe geholfen, sagt Leung. Bei den Preisen müsse man trotzdem ständig neu kalkulieren.

Vom ehemaliges Bahnhofsklo zum Kultlokal: Die Sennhütte in Düsseltal fasziniert viele. Sein Betreiber gruselte sich früher vor ihr.
Jimmy Leung bei der Arbeit.© NRZ | Jonas Knobel

So oder so: Wenn es im kleinen Lokal voll wird, muss jeder Handgriff sitzen. „Die Mitarbeiter sind unglaublich engagiert.“ Statt alles strikt zu organisieren, würde die Betriebsleiterin Kato Tevadze vieles organisch entscheiden, erklärt er und stellt fest: „Das ist, glaube ich, der Grund, warum das hier alles relativ gut funktioniert.“ Ganz ohne Grenzen geht es trotzdem nicht: „Natürlich haben wir eine gewisse Kapazität, wo man sagt: Okay, man kann gar nicht schneller sein.“

Das Improvisierte ist für Leung allerdings kein Makel. Es ist Teil des Konzepts. „Wir sind ein sehr organischer Betrieb, da verzeihen die Gäste auch mal einen Fehler“, sagt er. Gut möglich, dass es gerade diese Mischung aus Improvisation und Vertrautheit ist, die die Gäste – und auch ihn selbst – an der Sennhütte fasziniert.