Das ekelhaft-fröhliche „Ah-Oh“ des ICQ-Messengers dringt ans Ohr, und plötzlich feuern Neuronen, die man 20 Jahre lang für mausetot gehalten hat. Erinnerungen an schwitzige Hände, die plumpe Nachrichten an die Angebetete tippen, damals, 2006, mit 15, 16 Jahren. An scheinbar endlose Sommer mit Freunden, die man sicher niemals aus den Augen verlieren wird; BFF, „Best Friends Forever“. An den ersten Schluck Mischbier, der eigentlich gar nicht geschmeckt hat, schlechtes Bier mit billigem Zitronenaroma – aber muss runter die Plörre, trinken ja schließlich alle. Erinnerungen an die Jugend eben, die man sich so sehr zurücksehnt, weil sie so schön war. Oder?

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Die romantische Verklärung der eigenen Adoleszenz ist so alt wie die Zeit, jede Generation durchlebt sie. Alles war so leicht, so sorglos, damals. Ist natürlich Quatsch, trotzdem ist dieses unumkehrbar Vergangene ein willkommenes Refugium im Kopf, wenn einem die Gegenwart über selbigen wächst. Gerade sind die Millennials dran, die 2006 eben 15, 16 Jahre alt waren, und jetzt haben sie mit „Chabos“ in der ZDF-Mediathek eine eigene Coming-of-Age-Serie darüber bekommen.

Eine großartige Serie, so viel schonmal vornweg. Weil sie sich eben nicht beteiligt, an der Romantisierung ekeliger Jugend-Totalausfälle, an der Hochstilisierung des jugendlichen Egozentrismus. Sondern die heute Anfangdreißigjährigen neben ihre jugendlichen Ichs stellt und sie zu einer markerschütternden Erkenntnis zwingt: Ich war damals ganz schön scheiße.

ZDF-Serie „Chabos“ spielt in Duisburg: Zeitsprung zurück nach 2006

Die acht ungefähr 30-minütigen Folgen erzählen die Geschichte von Peppi, Mitte 30, beruflich in einem Hamburger KI-Startup unterwegs, privat orientierungslos und gerade dabei, einen Schwangerschaftsschreckmoment seiner Situationship zu verdauen, die ihn prompt abserviert. Zufällig bekommt er Wind vom Klassentreffen der fiktiven Willy-Brandt-Gesamtschule in seiner Heimatstadt Duisburg – und merkt, dass er nicht eingeladen wurde.

Damals lustig – oder? Johannes Kienast als erwachsener Peppi in der ZDF-Serie Chabos.
Damals lustig – oder? Johannes Kienast als erwachsener Peppi in der ZDF-Serie Chabos.© ZDF | Nikolaus Schreiber

Enttäuscht und verletzt macht er sich auf nach Duisburg, und zermartert sich schon unterwegs den Kopf, warum seine alten Freunde ihn wohl nicht dabei haben wollen. Er kommt ziemlich schnell darauf. Die Serie springt das erste Mal zurück ins Jahr 2006, die filmisch eleganten und oft ineinander verschwimmenden Wechsel der Zeitebenen bleiben über alle Folgen das wichtigste Stilmittel.

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Peppi erinnert sich an diesen Sommer, an seine besten Freunde PD („Polendeutscher“), Alba (der gar kein Albaner ist, sondern Kurde) und Gollum (eigentlich Felix). Und an einen klitzekleinen Flügelschlag, der in Windeseile zum Orkan wird, der die jugendliche Leichtigkeit der Gruppe wegbläst und sogar zum Kriminalfall anwächst. Und dem Peppi der Gegenwart zeigt, wie falsch das Bild seines Vergangenheits-Ichs eigentlich ist.

„Duisburg ist komplett am Arsch“

Nun darf man nicht den Fehler machen und eine „Duisburg-Serie“ erwarten. Ja, die Stadt („Duisburg ist komplett am Arsch. Mann, die Leute hier sind hängengeblieben“) wird in der ersten Folge prominent eingeführt, Kurztrip durch die jüngere Geschichte, schöne Aufnahmen der Friedrich-Ebert-Brücke, des Innenhafens, des Landschaftsparks, und so weiter. Ab Folge zwei allerdings könnte die Serie in jeder Ruhrpott-Stadt spielen.

Das fremde Wesen: Die ZDF-Serie „Chabos“ zeigt das Erwachsenwerden mit all seinen Facetten (Nico Marischka als Peppi und Arina Prass als „Ugly“).
Das fremde Wesen: Die ZDF-Serie „Chabos“ zeigt das Erwachsenwerden mit all seinen Facetten (Nico Marischka als Peppi und Arina Prass als „Ugly“).© ZDF | Nikolaus Schreiber

Das ist aber überhaupt nicht schlimm. Weil Regie, Buch und Ensemble so großartig sind, dass der Schauplatz auch ohne plakativ aufgetragenen Lokalkolorit authentisch wirkt. Denn was sich hinter dem spannenden Plot entwickelt, ist nicht weniger als die kluge, unaufgeregte, messerscharfe Analyse einer Generation, die Zurschaustellung ihrer emotionalen Apathie – und, wie gesagt, die Rationalisierung einer romantisch verklärten Vergangenheit.

Deine Mudder findet sich selbst

Die vier Freunde hätten das nicht so geschwollen formuliert. Eher so: „Deine Mudder rationalisiert ihre romantisch verklärte Vergangenheit.“ „Chabos“ trifft den Ton der Zeit fast immer ganz genau, und da merkt man schnell, dass damals eben nicht alles so toll war, wie man es heute gerne hätte. „Prügeln und Mütter beleidigen, das nennt man Freundschaft“, sagt Peppi zum Beispiel, man grinst erst, und stutzt dann. Wieso nennt man das Freundschaft? Das ist einfach scheiße. Heute, aber auch damals schon.

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Peppi geht nach dem Sportunterricht nie duschen, er hat Angst eine Erektion zu kriegen und dann von allen für schwul gehalten zu werden. Gollum lässt sich von seinen „Freunden“ mobben, damit er weiterhin dazugehören darf. PD sexualisiert jeden Zentimeter jeder Frau. „Schwuchtel“ ist ein völlig gängiges Schimpfwort. Man schaut zu und erschaudert, weil man irgendwie ahnt, dass man sich damals auch dieser oder ähnlicher Abscheulichkeiten schuldig gemacht und sie später bloß sehr gut verdrängt hat.

Wir waren jung und das war damals halt so. Zählt das als Ausrede? Nein, lernen Peppi und die Zuschauer gemeinsam. Weil man, wie Peppi, nicht der Typ sein wollte, der den Cent aufheben muss. Ohne „Chabos“ gesehen zu haben, macht dieser Satz keinen Sinn, stimmt. Wenn man „Chabos“ aber gesehen hat, schafft es dieser eine Satz, die ganze Komplexität einer Generation, alle Unzulänglichkeiten, Ängste und Feigheiten der Millennials in eine Metapher zu packen. Und man sollte „Chabos“ sehen. Alleine schon zur Selbstfindung. Und für die „Deine Mudder“-Witze.

>> „CHABOS“ BESTICHT AUCH MIT TOLLEN SCHAUSPIELERN

  • Allen voran beeindruckt Johannes Kienast als erwachsener Peppi mit unaufgeregtem Spiel und facettenreicher, nuancierter Mimik.
  • Ähnlich hervorragend spielen die „jungen“ Varianten der vier Freunde, Nico Marischka (Peppi), Jonathan Kriener (PD), Loran Alhasan (Alba) und Arsseni Bultmann (Gollum).
  • In einigen Nebenrollen ist die Serie außerdem prominent besetzt: Anke Engelke spielt Peppis Mutter, Peter Schneider (bekannt als „mittlerer“ Helge Doppler in der Netflix-Serie „Dark“) spielt Peppis Vater.
  • Als Gaststars spielen sich Jürgen Domian, Menderes Bağcı, Jeanette Biedermann, Mola Adebisi, Britt Hagedorn, Sabrina Setlur und Xatar (✝) selbst.
  • Alle Folgen gibt es kostenfrei in der ZDF-Mediathek auf zdf.de.