Sie haben dunkle Haare, dunkle Augen, einige Männer tragen Bart. Sie sind Ärzte, Musiker, Gastronomen. Und dann kommt Bundeskanzler Friedrich Merz und sagt: „Wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem.“ Und sein Kollege Jens Spahn legt nach: Das, „was jeder sieht, wenn er durch Duisburg geht“.

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Wen man sieht, wenn man durch Duisburg geht, das sind auch Menschen wie diejenigen, mit denen wir für diesen Artikel gesprochen haben. Sie sind gemeint, wenn „Stadtbild“ als Kampfbegriff genutzt wird. Ein problematischer Begriff, wie die Soziologin Nina Perkowski von der Universität Hamburg auf tagesschau.de zitiert wird. Denn der Begriff fungiere als Code für „die sichtbare Anwesenheit von Menschen, die als nicht-deutsch oder nicht-weiß wahrgenommen werden“.

Was sind das für Menschen? Und was macht die Stadtbild-Diskussion mit ihnen?

Erdal Göktas

Im Café und Rösterei Röstcult in Duisburg gibts Taschen aus Kaffeesäcken.
Erdal Göktas betreibt eine der wenigen Kaffeeröstereien in Duisburg.© FUNKE Foto Services | STEFAN AREND

Seine Kaffeerösterei mit Café ist ein beliebter Treffpunkt im Duisburger Süden. Seine Kunden lieben Erdal Göktas für seinen Kaffee, die gemütliche Atmosphäre im Röstcult, die Tapas-Abende. Doch draußen, auf der Straße, soll er plötzlich zu einem „überfremdeten Stadtbild“ beitragen?

„Innerlich bekommt man Wut“, sagt Erdal Göktas, auf „das, was der Kanzler rausgehauen hat. Migranten haben viel beigetragen, für die Stadt, für das Land. Dass man diese Menschen derart verletzt und in eine Schublade steckt, wo man sich jahrzehntelang Mühe gibt, das ist enttäuschend.“

Göktas ist „gebürtiger Kurde“, 1975 kam er nach Deutschland, mit zwei Jahren. „Seit 50 Jahren gehöre ich zu der Stadt. Ich arbeite ganz normal, zahle meine Steuern.“ Von der Stadtbild-Debatte „fühle ich mich nicht angesprochen. Ich möchte mich nicht angesprochen fühlen. Es gibt Menschen, die mich in diese Schublade drängen möchten, aber ich ignoriere solche Sachen.“

Innerlich bekommt man Wut.

Erdal Göktas, Kaffeeröster und Gastronom

Auch wenn Erdal Göktas sich im Alltag mitunter Sprüche anhören muss wie „Das kannst Du in Deinem Land machen“, auch wenn er enttäuscht ist von der Stadtbild-Diskussion: Seine Einstellung zu seiner Heimat ändert das nicht. „Ich bin Duisburger und stolz darauf. Ich liebe meine Stadt, ich liebe dieses Land.“

Elif Korkankorkmaz

Café Inizio in Duisburg-Süd
Elif Korkankorkmaz führt das italienische Café Inizio im Duisburger Süden.© FUNKE Foto Services | Martin Möller

Seit fast zehn Jahren betreibt Elif Korkankorkmaz ihr Café Inizio an der Münchener Straße in Buchholz. Die Inhaberin, die ihre Kunden liebevoll Elif nennen, ist genervt. Ja, sie sieht „nicht-deutsch“ aus, wie die Soziologin es formuliert, und einen Akzent musste sie sich tatsächlich abtrainieren: den schwäbischen; sie ist in Baden-Württemberg aufgewachsen.

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Ähnlich wie Erdal Göktas sagt sie: „Es berührt mich überhaupt nicht. Weil ich mich davon total abgrenze.“ Sie, die türkische Wurzeln hat, aber nur die deutsche Staatsangehörigkeit, stellt klar: „Ich habe die deutsche Kultur als selbstverständlich angenommen. Für mich gibt es keine Anpassung.“ Sie gehört dazu, so einfach ist das. Zu Duisburg, zu Deutschland. Zum Stadtbild.

Und wenn das problematisch sein soll: „Liegt das an uns?“, fragt sie und liefert die Antwort gleich mit. Stadtbild, das sei nicht eine Frage davon, wie die Menschen aussehen, die hindurchlaufen – sondern wie die Stadt aussieht: Straßen, Gebäude, Parks. „Als ich 1999 von der Grenze zur Schweiz hierhergezogen bin, da hat mich Duisburg erschreckt.“ Sie nennt den Landschaftspark, den Grünen Ring, „das Stadtbild hat sich so enorm verbessert, so verschönert.“ Sie nennt auch Marxloh, das immer wieder nur mit seinen Problemen durch die bundesweiten Nachrichten getrieben wird: „Da haben Leute etwas aufgebaut, das es nirgendwo sonst gibt. Ich war in Istanbul, wollte mir da ein Abendkleid kaufen. Was passiert? Ich habe keins gefunden, ich habe es in Marxloh gekauft.“

Was soll man denn noch machen, um von den Politikern angenommen zu werden?

Elif Korkankorkmaz, Gastronomin

An Merz‘ und Spahns Aussage ärgert sie vor allem, „dass sie wieder spaltet“. Ihr und wir, das gibt es für Elif Korkankorkmaz sonst nicht. Im Gespräch mit der Redaktion nutzt sie trotzdem „wir“, wenn sie von Migranten spricht, dazu gezwungen durch die Stadtbild-Diskussion. Und sagt: „Was soll man denn noch machen, um von den Politikern angenommen zu werden? Wenn wir nicht wären, wie viele Leerstände hätten wir hier auf der Münchener Straße?“

Elif Korkankorkmaz will die Diskussion nicht führen. „Ich stecke mich nicht in eine Schublade, ich lasse mich auch nicht von anderen in eine Schublade stecken. So ziehe ich auch meine Tochter groß.“

Mike Kim

„Vielfalt irritiert mich nicht“, betont Mike Kim, Prokurist bei der Awo in Duisburg. Die Stadtbild-Debatte möchte er nicht bagatellisieren. „Natürlich gibt es Straßenzüge in Duisburg, die nicht schön sind. Aber auf das Niveau von Spahn möchte ich mich nicht herablassen.“ Er werte das als populistischen Stimmenfang.

Über Probleme müsse man offen reden, aber man könne nicht in ganz Duisburg eine „Verrohung des Stadtbildes“ konstatieren.

Ich bin viel zu deutsch, um in Korea klarzukommen.

Mike Kim, Prokurist

Mike Kim ist gebürtiger Duisburger, „und ich bleibe auch hier“. Sein Vater ist nach 50 Jahren im Bergbau zurückgezogen nach Korea. Für Kim und seine Familie werde es bei touristischen Besuchen bleiben. „Ich bin viel zu deutsch, um in Korea klarzukommen.“

Burak Yilmaz

Burak Yilmaz aus Duisburg
Der Autor, Theaterpädagoge und Podcaster Burak Yilmaz aus Duisburg ist in Obermarxloh aufgewachsen.© Burak Yilmaz | Marvin Ruppert

Für Burak Yilmaz ist das Statement von Merz „unter aller Sau, dafür muss er sich entschuldigen“. Der 37-jährige Autor, Pädagoge und Podcaster sagt, er habe „die Schnauze voll von solchen Zuschreibungen und Stigmatisierungen“.

Unter aller Sau. Dafür muss Merz sich entschuldigen.

Burak Yilmaz, Autor

Das Stadtbild in Duisburg sei „sehr schön und authentisch“. Jene von außerhalb, die meinen, Duisburg kritisieren und bewerten zu können, die Duisburg „instrumentalisieren wollen als schlimmste Stadt Deutschlands“, treiben ihn in den Kampfmodus: „Komm vorbei und guck's dir an!“, fordert Yilmaz.

Ihn wundert es, dass Fernsehserien, die in New York spielen, als hip und cool wahrgenommen werden, andernorts die Diversität aber problematisiert werde. Yilmaz betont: „Für mich gehören alle zum Stadtbild, egal welche Hautfarbe sie haben.“

Gülveren Cebir

Gülveren Cebir setzt sich seit Jahren für ihren Stadtteil ein und sagt zur aktuellen Stadtbild-Debatte: „Das ist nichts anderes als Diskriminierung.“
Gülveren Cebir setzt sich seit Jahren für ihren Stadtteil ein und sagt zur aktuellen Stadtbild-Debatte: „Das ist nichts anderes als Diskriminierung.“© FUNKE Foto Services | Michael Dahlke

Als Gülveren Cebir die Aussagen von Friedrich Merz hörte, dachte sie nur: „Was haben wir jetzt wieder falsch gemacht?“ Für sie ist das „nichts anderes als Diskriminierung“. Mehrere Regierungen hätten über Jahre viele Fehler in der Migrationspolitik begangen, sagt sie. „Das dürfen die Politiker jetzt nicht auf die Migranten schieben.“

Das ist nichts anderes als Diskriminierung.

Gülveren Cebir, Ehrenbürgerin

Cebir lebt seit den 1980er Jahren in Duisburg-Rheinhausen. Mit zwölf kam sie aus einem kleinen türkischen Dorf, ihr Vater arbeitete als Gastarbeiter bei Krupp. Heute ist sie Vorsitzende des Atatürk-Vereins, sie organisiert Sprachkurse, Kulturveranstaltungen und Hilfsaktionen, hilft Familien bei Anträgen oder der Wohnungssuche – oft mehr als 25 Stunden pro Woche ehrenamtlich. Für ihren Einsatz wurde sie im vergangenen Jahr zur Ehrenbürgerin des Bezirks ernannt.

Umso härter trifft sie die Stadtbild-Debatte. „Ich lebe seit über 40 Jahren hier und denke manchmal, in den Köpfen vieler Menschen hat sich nichts verändert.“ Das sei Hetze gegenüber Mitmenschen. „Ich setze mich für den Stadtteil ein, für alle Menschen, und mache das nicht für Friedrich Merz. Trotzdem fühlt man sich durch solche Sätze gekränkt. Dafür finde ich keine Worte.“

Emre Yeşilyurt

Emre Yeşilyurt, Musiker und Sozialpädagoge aus Duisburg.
Emre Yeşilyurt, Musiker und Sozialpädagoge aus Duisburg.© Emre Yeşil | Mehmet Ali Ergin

Emre Yeşilyurt, Künstlername Emre Yeşil, ist nicht nur Musiker, sondern auch staatlich anerkannter Sozialpädagoge. „Ich arbeite schon seit 13 Jahren mit Kindern und Jugendlichen in Duisburg und Bottrop“, sagt er, „also mit Menschen aus dem Ruhrgebiet. In meiner Arbeit und Kunst versuche ich Brücken zu bauen, ohne zu bewerten, wer in ein sogenanntes „Stadtbild“ passt oder nicht.“

Ich habe es satt, als Migrakind, Türke, Deutscher mit Migrationshintergrund oder auch -vordergrund betitelt zu werden.

Emre Yeşilyurt, Musiker und Sozialpädagoge

Angesprochen auf Merz‘ Stadtbild-Kommentar wird Emre wütend. „Ich habe es satt, als Migrakind, Türke, Deutscher mit Migrationshintergrund oder auch -vordergrund betitelt zu werden. Ich möchte in einem Land leben, das zu seiner Einwanderungsgeschichte steht und die Realität dieses Deutschlands akzeptiert. Wir sind alle miteinander groß geworden, haben dieselben Schulen besucht und auf denselben Spielplätzen gespielt. Das „Stadtbild“ war schon damals divers und vielfältig. Meine Großeltern, meine Eltern und auch ich leisteten und leisten unseren Beitrag für unsere Gesellschaft.“

Emre würde Friedrich Merz gern eine Frage stellen: „Ich zitiere Angela Merkel: ‚Ich kann auf der Straße nicht erkennen, wer einen deutschen Pass hat und wer nicht.‘ Dann frage ich Sie, wie können Sie das?“

Ali Yakar

Ali Yakar war Eisenbahner bei Krupp in Rheinhausen und ist inzwischen ein bekannter Autor im Duisburger Westen.
Ali Yakar war Eisenbahner bei Krupp in Rheinhausen und ist inzwischen ein bekannter Autor im Duisburger Westen.© FUNKE Foto Services | Michael Dahlke

1970 unterschrieb Ali Yakar seinen ersten Arbeitsvertrag als Eisenbahner bei Krupp in Rheinhausen. Jahre später stand er als Gewerkschafter auf der Brücke der Solidarität beim längsten Arbeitskampf der deutschen Nachkriegsgeschichte. Inzwischen hat er sich als Lyriker und Völkerverständiger in Duisburg einen Namen gemacht. Und trotzdem sollen Menschen wie er ein Problem im Stadtbild darstellen? „Diese Aussagen von Friedrich Merz kann ich nicht akzeptieren“, sagt der 75-Jährige.

Wir alle sind Mitbürger.

Ali Yakar, Autor

Yakar betont, dass es in Städten wie Duisburg durchaus Probleme mit Migranten gebe, die sich nicht integrieren wollen. „Aber man darf nicht alle zusammenmischen.“ Viele Menschen wie er, die vor über 50 Jahren als Gastarbeiter einwanderten, würden Deutschland längst als ihre Heimat bezeichnen. Ihre Kinder sind hier geboren, sie würden hier arbeiten und sich für ihre Mitmenschen einsetzen. „Wir alle sind Mitbürger. Das muss auch der Bundeskanzler anerkennen.“

Lisa an de Meulen

Lisa an de Meulen arbeitet als Event-Managerin in Duisburg.
Lisa an de Meulen arbeitet als Event-Managerin in Duisburg.© Lisa an de Meulen

„Die Aussage von Merz hat mir das Gefühl gegeben, nicht dazuzugehören und von der deutschen Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden. Das verletzt mich“, sagt Lisa an de Meulen. Die 26-Jährige wurde als Kind einer kenianischen Mutter und eines deutschen Vaters in Geldern geboren.

Die Aussage von Merz hat mir das Gefühl gegeben, nicht dazuzugehören und von der deutschen Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden.

Lisa an de Meulen, Eventmanagerin

„Außerdem macht mir Angst, welche Schwingungen durch einen solchen Satz ausgelöst werden“, erklärt die Eventmanagerin. Die Menschen würden in eine Schublade gesteckt, obwohl sie es nicht verdient haben. Lisa an de Meulen hat eine ganz andere Haltung als der Kanzler: „Ich bin stolz darauf, dass Deutschland so vielfältig ist.“

Ali Lahmer

Ali Lahmer lebt in der Duisburger City.
Ali Lahmer lebt in der Duisburger City.© Funke Medien NRW | Sabine Ring

Ali Lahmer ist 1990 mit seiner Familie aus Marokko gekommen. Seit 2003 hat er einen deutschen Pass. „Die Merz-Äußerung ist eine Unverschämtheit und unterstes Niveau“, sagt der Service-Mitarbeiter, „man kann nicht alle Männer mit schwarzen Haaren und Bart über einen Kamm scheren.“ Der Kanzler sei total abgehoben, findet der 47-Jährige: „Er ist nicht in der Lage, mit normalen Menschen ins Gespräch zu kommen.“

Die Äußerung ist eine Unverschämtheit und unterstes Niveau.

Ali Lahmer, Service-Mitarbeiter

Naomi Dibu

Naomi Dibu, Aktivistin und Politikwissenschaftlerin aus Duisburg.
Naomi Dibu, Aktivistin und Politikwissenschaftlerin aus Duisburg.© Privat | Naomi Dibu

Naomi Dibu (28) ist Aktivistin, Politikwissenschaftlerin und kuratorische Assistenz der Sonderausstellung „ÜBERSEeHEN – auf (post)kolonialer Spurensuche in Duisburg“ im Kultur- und Stadthistorischen Museum. Mit ihrer Arbeit setzt sie sich gegen Rassismus und für Intersektionalität ein.

Menschen wie wir, mit Migrations- oder Fluchtgeschichte, werden auf unser bloßes Erscheinungsbild reduziert.

Naomi Dibu, Politikwissenschaftlerin

Zur Causa Merz und „Stadtbild“ hat sie eine klare Meinung: „Die Aussage von Friedrich Merz über das Stadtbild ist nicht nur unsensibel, sondern auch tief problematisch, weil sie Menschen wie uns, mit Migrations- oder Fluchtgeschichte, auf unser bloßes Erscheinungsbild reduziert. Solche Formulierungen nähren die Vorstellung, bestimmte Menschen gehörten nicht selbstverständlich zum gesellschaftlichen Raum, den sie längst mitgestalten. Während marginalisierte Gruppen für Sichtbarkeit, Teilhabe und Zugehörigkeit kämpfen, untergraben solche Aussagen genau diese Bemühungen und schaffen Distanz statt Zusammenhalt.“

Funda Kara-Aydogdu

Funda Kara-Aydogdu ist Grundschullehrerin in Duisburg.
Funda Kara-Aydogdu ist Grundschullehrerin in Duisburg.© Funda Kara-Aydogdu

„Mich hat die Äußerung von Friedrich Merz über das ‚Stadtbild‘ sehr nachdenklich gemacht. Wenn Menschen mit Migrationsgeschichte in diesem Zusammenhang als Teil eines Problems erscheinen, dann trifft das viele von uns persönlich“, sagt Funda Kara-Aydogdu.

Das Stadtbild, das ich sehe, ist eines der Vielfalt und des Zusammenlebens.

Funda Kara-Aydogdu, Grundschullehrerin

Die Grundschullehrerin mit türkischen Wurzeln ist in Deutschland geboren. „Ich arbeite hier, zahle Steuern und bin Teil dieser Gesellschaft – so wie viele andere auch. Sprache prägt, wie wir über Zugehörigkeit denken, und ich wünsche mir, dass politische Verantwortungsträger sensibler damit umgehen“, so die 46-Jährige. Es ginge nicht darum, Probleme zu verschweigen, sondern sie differenziert zu benennen – ohne ganze Gruppen in ein negatives Licht zu rücken. „Denn das Stadtbild, das ich sehe, ist eines der Vielfalt und des Zusammenlebens.“

Dr. Yaser Rasuli

Der Zahnarzt Dr. Yaser Rasuli hat eine Praxis auf der Königstraße.
Der Zahnarzt Dr. Yaser Rasuli hat eine Praxis auf der Königstraße. © Dr. Yaser Rasuli

Wenn das Stadtbild Menschen wie mich zeigt, dann zeigt es, dass Integration längst gelebt wird.

Dr. Yaser Rasuli, Zahnarzt

Dr. Yaser Rasuli (41) betreibt eine Zahnarztpraxis auf der Königstraße. Über das Gesagte kann der gebürtige Afghane mit deutschem Pass nur den Kopf schütteln: „Wer Bildung, Engagement und Vielfalt im Stadtbild als Problem sieht, hat das Wesen einer modernen Gesellschaft nicht verstanden. Ich bin Arzt, Akademiker und Teil dieses Landes. Wenn das Stadtbild Menschen wie mich zeigt, dann zeigt es, dass Integration längst gelebt wird.“

İrem Karahan

İrem Karahan führt zusammen mit ihrem Vater Ali einen Bonbonladen auf der Königstraße in der Duisburger Innenstadt.
İrem Karahan führt zusammen mit ihrem Vater Ali einen Bonbonladen auf der Königstraße in der Duisburger Innenstadt.© FUNKE Foto Services | Stefan Arend / FUNKE Foto Services

„Ich bin selbst Duisburgerin und stolz darauf, dass unsere Stadt so bunt ist“, sagt die Unternehmerin İrem Karahan, die an der Königstraße in der Innenstadt zusammen mit ihrem Vater den Bonbonladen „Hiba Candy Sweet“ betreibt. „Viele Menschen mit Migrationshintergrund gehören seit Jahrzehnten dazu – sie arbeiten hier, sie leben hier, sie sind Nachbarn, Freunde, Familie. Wenn Politiker uns als ‚Problem im Stadtbild‘ bezeichnen, dann fühlt sich das an, als würden sie all das ignorieren, was wir gemeinsam geschafft haben.“ Natürlich gibt es Probleme und Herausforderungen in Duisburg, und darüber solle auch offen gesprochen werden, aber „ohne Menschen zu beleidigen“.

Wenn Politiker uns als Problem im Stadtbild bezeichnen, ignorieren sie all das, was wir gemeinsam geschafft haben.

İrem Karahan, Unternehmerin

Die junge Unternehmerin bekräftigt: „Migration ist Teil unserer Stadt, das sieht man nicht als Problem, sondern als Realität.“ Was wären die Königstraße, die Innenstadt oder die Einkaufsstraßen in den Stadtteilen ohne die Geschäfte und Restaurants von Geschäftsleuten mit Migrationshintergrund? Da muss sie nicht überlegen: „Sie wären tot.“

Natürlich solle niemand vor Problemen die Augen verschließen, doch mit polemischen Sprüchen sei niemandem geholfen. „Was wir brauchen, ist Respekt. Und Lösungen.“

Abderahim „Abdi“ Achahbon

Abderahim „Abdi“ Achahbon hat sich vom Leiharbeiter zum erfolgreichen Geschäftsmann hochgearbeitet. Sein expandierendes Burger-Franchise R‘n‘Beef hat seinen Sitz im Duisburger Norden.
Abderahim „Abdi“ Achahbon hat sich vom Leiharbeiter zum erfolgreichen Geschäftsmann hochgearbeitet. Sein expandierendes Burger-Franchise R‘n‘Beef hat seinen Sitz im Duisburger Norden. © FUNKE Foto Services | Christoph Wojtyczka

Schon als kleiner Junge hat der gebürtige Marxloher Abderahim Achahbon von Wohlstand und schnellen Autos geträumt. Vom Leiharbeiter über Security hat er sich hochgearbeitet und ist heute ein erfolgreicher Geschäftsmann. Begonnen hat alles mit einem Burgerladen an der Von-der-Mark-Straße in Meiderich, inzwischen führt er sein Franchise R‘n‘Beef, das gerade in NRW expandiert und bereits Interesse im Ausland weckt. Er vermarktet R‘n‘Beef als deutsches Unternehmen und gegen vielfachen Rat auch als Duisburger Unternehmen.

Dass der Bundeskanzler und seine CDU jetzt eine Diskussion über das Stadtbild in Duisburg und in anderen Großstädten lostritt, findet Abderahim Achahbon „scheinheilig“. Die ganze Diskussion empfindet er als sinnlos. „Ich bin Deutscher“, betonte er bereits in einem früheren Interview, „ich spreche Deutsch, mache meine Geschäfte auf Deutsch, lebe gerne in Deutschland und meine Kinder sprechen nur Deutsch.“

Ich bin Deutscher und ich bin Duisburger.

Abderahim Achahbon, Unternehmer

Er ist stolz darauf und sieht mit Sorge, wenn achtlos verallgemeinert wird. „Keinen Hass schüren, sondern ein Wir-Gefühl aufbauen“, lautet sein Appell. Für ihn reicht es nicht, dass sich alle Duisburger hinter dem MSV Duisburg versammeln und den Wahnsinn von der Wedau feiern – alle Duisburgerinnen und Duisburger sollten zueinanderstehen. Denn vom Bund und vom Land „werden wir hier alleine gelassen“. Bei allen „ganz großen Problemen“ in der Stadt, wurden aber „viele Probleme auch schon gelöst“, sagt er etwa angesichts des kommunalen Schuldenabbaus.

Von Rassisten lässt er sich seine Identität nicht absprechen: „Ich bin Deutscher und ich bin Duisburger.“ Er glaubt aber auch, dass solche Diskussionen um Hautfarbe oder Herkunft der Eltern und Großeltern bald vorbei sind. „Deutschland hat eine der ältesten Bevölkerungen, in 15 Jahren wird Deutschland ganz anders aussehen.“ Vielfältiger; so vielfältig wie Duisburg bereits ist.

Haticeela Tekeş

Haticeela Tekeş aus Marxloh ist Bildungsaufsteigerin und bekennende Lokalpatriotin.
Haticeela Tekeş aus Marxloh ist Bildungsaufsteigerin und bekennende Lokalpatriotin.© FUNKE/Fotoservices | Gerd Wallhorn

Sie ist Bildungsaufsteigerin aus Marxloh und bekennende Lokalpatriotin, die sich im Fußballverein oder im Lions Club für ihre Heimat engagiert. Mit ihrem Gesicht hat die Stadt Duisburg in der Bundesrepublik für sich und um Touristen und Firmen geworben. Die von Friedrich Merz und Jens Spahn losgetretene Diskussion um Duisburg und sein Stadtbild verfolgt Haticeela Tekeş ganz genau. Dabei ist sie froh über ihr „dickes Fell“. „Solche Aussagen bestärken die Rassisten und Nazis, sie empowern nur die Rechten“, ist die junge Marxloherin überzeugt und sieht darin sogar „einen Angriff auf die Menschenwürde“.

Solche Aussagen bestärken die Rassisten und Nazis.

Haticeela Tekeş

Haticeela Tekeş sieht durch die Diskussion die „viele gute Arbeit“ gefährdet, die zahlreiche Engagierte in Duisburg leisten. Doch sie sieht sich als Botschafterin für ein „Wir-Gefühl“, das auch Polemik von Bundespolitikern überdauern wird. „Ich leiste viel fürs Land“, betont sie, „ich zahle gerne Steuern und das aus Überzeugung.“ Mit dieser Einstellung sei sie in Marxloh alles andere als alleine, bei allen Schwierigkeiten im Stadtteil. Sie ist überzeugt: „Wenn es darauf ankommt, dann sind wir ein Wir – in Marxloh und in Deutschland.“

Vom Bundeskanzler und seiner CDU erwartet Tekeş, dass sie keine Sprüche klopfen, sondern „Lösungen für unsere Probleme präsentieren“. Friedrich Merz lädt sie auf einen Çay nach Marxloh ein, er dürfe sich aber darauf verlassen, dass bei dem Besuch das Duisburger Stadtbild genauso bunt und vielfältig sein wird, wie es gerade ist: „Wir sind hier, und das zeigen wir sichtbar.“